Zwei Arten Genie?
In der Juli-Ausgabe des amerikanischen Magazins "Wired" finden sich einige stimulierende Artikel, besonders der auch im Volltext online verfügbare Beitrag "What Kind of Genius Are You?". Darin werden die Forschungen des amerikanischen Ökonomen David Galenson vorgestellt, der sich mit der Entwicklung von Künstlern, besonders Malern beschäftigt: Er untersuchte, wann - auf ihr jeweiliges Lebensalter bezogen - Maler ihre bedeutendsten Werke geschaffen haben. "Bedeutung" maß Galeson - klar, Wirtschaftswissenschaftler - zuerst anhand der Preise der Bilder, schließlich aber auch anhand der Aufnahme von Werken der entsprechenden Künstler in Bücher zur Kunstgeschichte.
Dabei stellte er fest, dass es anscheinend zwei Arten von Genies gibt: konzeptionelle und experimentelle. (Diese Trennung ist natürlich nicht streng, sondern nur tendenziell festzustellen. Es gibt natürlich auch Künstler, die über fast die gesamte Dauer ihrer Karriere Wichtiges und Hervorragendes geschaffen haben.)
Erstere schaffen ihre bedeutendsten Bilder früh im Verlaufe ihrer Karriere, anschließend nur noch weniger wichtiges (wie gesagt: an Preis oder kunsthistorischer Anerkennung gemessen). Dabei handele, grob gesagt, es sich um diejenigen Künstler, die mit einem von ihnen ausgetüftelten künstlerischen Konzept eine bewusste Umwälzung künstlerischer Ausdrucksweise in ihrem Feld herbeiführten.
Die Werke der "Experimentellen" hingegen müssen nicht notwendigerweise besonders experimentell sein, vielmehr geht es um die Entwicklung der entsprechenden Künstler, die ihr Leben lang im Trial&Error-Verfahren, also durch Ausprobieren und Experimente, eben "experimentell", und nicht über ein vor dem Werk festgelegtes Konzept, ihre Kunst weiterentwickeln und daher erst am Ende eines möglicherweise jahrzehntelangen Prozesses ihre großen Werke schaffen.
Galeson hat später auch Schriftsteller, speziell Gedichtautoren, in seine Untersuchungen einbezogen und ähnliche Ergebnisse erzielt.
Jetzt stellt sich mir natürlich die Frage, ob sich diese Ergebnisse auch in den Bereich der populären Musik übertragen lassen könnten (mal außen vor gelassen, dass mir Wirtschaftswissenschaftler eigentlich aus Prinzip suspekt sind), insbesondere natürlich in den Progressive Rock. Voraussetzung ist natürlich, dass Pop Kunst sein kann. Aber ich hoffe, darüber muss man seit ca. 40 Jahren eigentlich nicht mehr groß streiten. A propos 40 Jahre: Nachdem wir inzwischen 50 Jahre Pop- und fast 30 Jahre Prog-Geschichte hinter uns haben, ist vielleicht auch der Zeitrahmen groß genug, um die längerfristigen Entwicklungen der großen Vertreter der Zunft abschätzen zu können.
Andererseits ist populäre Musik natürlich immer noch traditionell stark an Jugendkultur und Jugendkult gebunden, d.h. die Frage ist, ob Alterswerke in einem popmusikalischen Rahmen überhaupt als relevant wahrgenommen werden können. Speziell im Prog sollte dieses Problem, so denn vorhanden, allerdings nicht so dominant sein, da Prog wahrscheinlich die am ehesten auch für "ältere" Hörer gedachte Musik im Rock-Rahmen darstellt.
Also: Welche Prog-Musiker haben ihre bedeutendsten Werke nicht als Jungspunde, sondern als gereifte Künstler geschaffen?
Mir sind nicht sehr viele eingefallen, muss ich zugeben (ohne allerdings intensiv gesucht zu haben). Wenn man etwa die "Big 5" nimmt, also ELP, Genesis, Pink Floyd (die ich eher durch Jethro Tull ersetzen würde, was an der Lage aber nichts ändern würde), King Crimson, Yes, so kann man nicht gerade behaupten, dass diese im Laufe ihrer jeweils langen Bandgeschichte erst gegen Ende ihre besten und wichtigsten Werke veröffentlicht haben.
Passen könnten: Scott Walker etwa (zwar im erweiterten Prog-Bereich), aber auch Roger Trigeaux (Presents letzte beide Studioalben sind m.E. besser als ihre ersten beiden, und dazwischen liegt immerhin ein Intervall von 14 Jahren) kamen mir in denn Sinn. Sonst erstmal Fehlanzeige, ohne auswärtige Gedächtnisstützen zu befragen. Aber bestimmt hat sonst wer weitere Vorschläge?
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Kommentare
Naheliegend: Frank Zappa, der zog mit seiner synclavier Arbeit (etliches unreleased) und den Ensemble Modern Projekten (--> nicht zu vergessen die Varèse Geschichte im Juli 93) nochmal dermassen an, wow! (Und dann noch Kulturattaché s Vaclavem Havelem ;))
best,
braxtophiliac
Hi,
nachdem meine Mails an Juchuu! mal wieder nicht richtig durchkommen, hier noch ein Kommentar:
Mir fielen da noch Peter Gabriel (kontinuierlich sich steigernde Solokarriere nach Genesis mit dem (vorläufigen) Höhepunkt "Up") und evtl. Johnny Cash (mit beeindruckendem Comeback nach vielen Jahren und tollen Alterswerken) ein...
Das könnte die Theorie stützen... allerdings gibt es in der Musik viel mehr Künstler, die am Anfang ihrer Karriere tolle Werke abliefern und dann eher stagnieren (die prägnanstesten Beispiele aus der Prog-Welt wie Genesis, ELP oder Yes hast Du ja schon genannt).
Ciao, ThomK
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