Zappa plays Zappa, Volkshaus, Zürich, 26.5.2006
Der folgende Eintrag ist etwas länger geworden, als ich es ursprünglich vor hatte, deshalb gibt's hier erstmal die das kurze und knappe Fazit für alle, die keine Lust oder Geduld haben, sich den kompletten Sermon anzutun. Der Rest mag dieses überspringen und unten weiterlesen.
Executive summary
Ein musikalisch sehr gutes Konzert, aber kein unvergessliches Highlight, was wohl an der eher konventionellen Art der Präsentation lag. Das Publikum - wohl 1200-1300 Zuhörer - wirkte aber alles in allem begeistert.
Further reading
Marcus a.k.a. heizi hat in seinem Blog einen Bericht zum "Zappa plys Zappa"-Konzert in Düsseldorf, den ich vor der Erstellung dieses Beitrags aber bewusst nicht gelesen habe. Das werde ich jetzt nachholen.
Complete report
Ein Wendehals bin ich schon, scheint's. Anlässlich des letzten "Musical Box"-Gastspiels hatte ich noch getönt, nicht mehr als 50 Euro für ein Konzert auszugeben, erst recht nicht für eine Cover-Band, und kaum lockt jemand mit dem Z-Wort, schon fliegen sämtliche Prinzipien zum Fenster raus. Denn erstens sind 80 SFr sehr wohl - wenn auch knapp - mehr als 50 Euro, wobei obendrein die zusätzlichen Fahrt- und Hotelkosten nonchalant unter "Ein Wochenend-Ausflug nach Zürich" und nicht unter "Konzertkosten" verbucht werden müssen, zweitens handelt es sich ehrlich gesagt bei der von Dweezil Zappa zusammengestellten Gruppe um nichts anderes als eine Zappa-Cover-Band, wenn auch eine, die durch Original-Zappa-Gene und die Mitwirkung einiger ehemaliger Zappa-Musiker aufgewertet wird. Immerhin gab man sich nicht wie "The Musical Box" Mühe, den Klang und die Show des Vorbilds sklavisch nachzuahmen - gleichzeitig eine Stärke wie eine Schwäche der Show; aber mehr dazu später.
Das Volkshaus in Zürich ist ein hübscher Veranstaltungsort, mit Kronleuchter, Holzboden und generell, passend zur Schweiz, weniger passend für Rock-Konzerte, vergleichsweise edlem Ambiente. Und eher klein: Unbestuhlt, die Galerie mitgerechnet, Kapazität für 1500 Besucher. Dank frühem Eintreffen und daher noch kurzer Schlange konnte ich einen sehr schönen Sitzplatz auf der Galerie ergattern, mittig, in der ersten nicht für VIPs reservierten Reihe, daher mit gutem Blick auf die ebenfalls erstaunlich kleine Bühne. Sitzen soll sein: Erstens bin ich aus dem Alter raus, in dem ich cool rumhüpfen muss - falls ich das jemals getan habe -, zweitens kann ich Musik besser genießen, wenn ich nicht von allen Seiten angerempelt werde und mir nicht der Rücken schmerzt, drittens handelte es sich, wie sich herausstellte, bei "Zappa plays Zappa" am Ende sowieso um eine eher konzertante Angelegenheit; obwohl das gutgelaunte schweizer Publikum jede Nummer mit frenetischem Applaus bejubelte, war es keine ausgelassene "Party", sondern das Zelebrieren von Musik als solcher und nicht als Anlass zum Rumhampeln.
Die Veranstaltung begann relativ pünktlich mit einem ca. halbstündigen Ausschnitt aus den historischen 1973er "Roxy"-Video-Aufnahmen des Meisters höchstselbst - erstens eine nette Hommage an den Mann, dessen Musik die Konzerte gewidmet sind, zweitens der Beweis, dass die Aufnahmen tatsächlich in lauffähigem Zustand vorhanden sind und auch schnitttechnisch bearbeitet werden und damit ein weiterer Vorgeschmack auf die vielleicht doch einmal das Licht der Welt erblickende DVD, drittens natürlich eine kleine Machtdemonstration des Zappa Family Trusts: "Schaut her, nur wir haben dieses Material, nur wir können es Euch zeigen, und nur wir können das authentische und legitime Zappa-Erlebnis" präsentieren. Schade war's um die Anfangs ziemlich üble Klangqualität des Tons zum Video, der allerdings im Laufe des Ausschnitts immer besser wurde. Ob das allerdings am Quellmaterial selbst oder an angepassten PA-Einstellungen lag, kann ich nicht beurteilen. Musikalisch gab's dabei "Montana" zu sehen sowie ein länglicher Impro-Teil, der teilweise in idiosynkratischer Manier vom kettenrauchenden Zappa mit den bekannten Handzeichen gesteuert wurde, auf die er seine verschiedenen Gruppen trainierte.
Zum Ende des Videos kam die achtköpfige Kernband auf die Bühne. Napoleon Murphy Brock war zwar ursprünglich nur als Gast angekündigte, bestritt aber - im Gegensatz zu Steve Vai, der nur zur zweiten Hälfte der Show dabei war, und Terry Bozzio, der in Zürich komplett abwesend war (Terminkonflikte sorgten dafür, dass er diese und die italienischen Konzerte nicht bestritt; abgesehen davon wäre auf der kleinen, bereits so sehr vollen Volkshaus-Bühne für sein Schlagzeug wahrscheinlich sowieso kein Platz gewesen) - das komplette Konzert als Leadsänger sowie an Saxophon und - seltener - Flöte. Dies dürfte daran liegen, dass die ursprünglich geplante Teilnahme von Ahmet Zappa als Sänger nicht zustande kam, so dass Brock die Rolle des Frontmanns übernehmen musste, die er in aus den Siebzigern gewohnter Manier energetisch ausfüllte: mit hervorragendem Gesang und seinen ungewöhnlichen Tanzbewegungen. Hut ab dafür vor dem ca. 60jährigen!
Es war auch insofern gut, Brock an Bord zu haben, als dass Dweezil Zappas Bühnenpersönlichkeit sehr zurückhaltend, beinahe schüchtern herüberkam. Im Wesentlichen stand er brav herum, spielte Gitarre, führte mit knappen Ansagen durch's Konzert und kicherte Gelegentlich, wenn nach oder vor einem Stück der Enthusiasmus des Publikums besondern stark war. Als Gitarrist machte er aber einen überaus souveränen Eindruck, stilistisch im Vergleich zu den Shredder-Heroen-Einflüssen, die frühere Z-Aufnahmen nahelegen, ein wenig stärker am Sound seines Vaters orientiert, ohne diese dabei in den Soli zu kopieren, auch wenn er die gleich - wahrscheinlich sogar die selbe - Gibson spielte, die zuvor im Roxy-Video zu sehen war.
Die restliche Band bestand - ausser dem Z-Veteranen, Keneally-Kumpanen und ZFT-Vaultmeister Joe Travers am Schlagzeug - aus blutjungen Musikern, die aber allesamt (wie bei einer Zappa-Show aber nicht anders zu erwarten) technisch hervorragend agierten und souverän und mit Verve durch die komplexen Kompostionen navigierten. Besonders erwähnenswerte dabei Scheila Gonzalez, die Background Vocals, Saxophan, Flöte, Keyboards und Percussion übernahm und das heimliche Rückgrat der Gruppe bildete. Rhythmus-Gitarrist Jamie Kime arbeitete die meiste Zeit gruppen- und sounddienlich im Hintergrund, bekam aber zweimal die Möglichkeit zu einem Solo, bei denen er deutlich machen konnte, dass in ihm ein variabler, virtuoser Leadgitarrist steckt, was, wenn man sich die Bühne mit Dweezil Zappa und Steve Vai teilt, schon etwas heisst. Bassist Pete Griffin entstammt eher der Scott-Thunes-Schule der enthusiastischen, kraftvollen Zappa-Bassisten und sorgte neben Brock für die meiste Bewegung auf der Bühne. Im notwendigerweise sehr vollen Klangbild gingen Keyboarder Aaron Arntz und Percussionist Billy Hulting leider meist etwas unter, machten aber ebenfalls einen souveränen Eindruck, auch wenn Arntz (einziges?) Solo in Inca Roads gegenüber dem Original von George Duke nicht wirklich anstinken konnte - aber wer könnte das erwarten? Steve Vai, der schließlich nach der Pause zur Band stieß, beeindruckte vor allem durch die Lockerheit, mit der seine Stunt-Gitarren-Kabinettstückchen präsentierte, die man von seinen verschiedenen Aufnahmen schon kennt.
Das Programm (ohne Bozzio; mit ihm hätte es leicht anders ausgesehen) bestand zum allergrößten Teil aus den musikalisch interessanteren Nummern der Jahre 1973-1975, mit ein wenig frühem Mothers-Material am Anfang. Dies (Echidna's Arf, Cheepnis, Inca Roads und Co.) sind natürlich Lieblingsnummern vieler Fans, unter anderem auch meine, also an sich keine Beschwerden deshalb. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, ein paar weniger offensichtliche Stücke im Konzert wiederzufinden (allerdings wurde bei anderen Auftritten immerhin das eher obskure "Imaginary Diseases", das Titelstück des gleichnamigen Archiv-Live-Albums der Petit-Wazoo-Tour gespielt). Die technisch stellenweise überaus anspruchsvollen Kompositionen wurden nahezu makellos und mit viel Druck dargeboten. Der Sound war dabei fett, aber bis gegen Ende nicht zu laut, das ganze hatte aber auch weniger Ecken und Kanten als beim Meister selig und richtete sich großteils nach den bekannten Albumaufnahmen, natürlich mit anderen Arten des Solierens.
Dabei sind wir auch schon bei dem, was das "Zappa plays Zappa"-Erlebnis von einem Frank-Zappa-Konzert deutlich unterschied: Keinerlei Comedy-Teile, keine Geschichtchen auf der Bühne, kein Dada, kaum AAAFNRAA keine Audience-Participation, sondern ein mehr oder weniger rein konzertantes Vergnügen. Kurz: Kein Risiko. Musikalisch war dies hervorragend umgesetzt und machte Spaß, aber es blieb bei mir doch das Gefühl, dass etwas fehlte, was eine Zappa-Hommage bereichern würde. Ansatzweise die Ausnahme bildete "King Kong", bei dem Dweezil Zappa die Band wie sein Vater mit Hilfe von Handzeichen nach Belieben in verschiedene Teile schickte. So bleibt als Erinnerung ein durchaus genussreiches Konzert, dass aber dem zu spät geborenen wohl kein echter Ersatz des Zappa-Erlebnisses sein konnte, aber wohl auch nicht sein sollte. Und das ist auch gut so.
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Kommentare
Ich kann natürlich nicht beurteilen, wie die Stimmung im Vergleich zu Dweezildorf war, weil ich dort war. Immerhin meinte Dweezil in Zürich, der Jubel stünde in Konkurrenz zu dem verrückten Publikum in Oslo - was angesichts der Natur der Skandinavier auch feine Ironie gewesen sein könnte. Andererseits siehe folgenden Satz zu Zürich im ZpZ-Tour-Blog: "The audience tonight is shaping up to be one of our craziest, and they were cheering like mad from the get-go." (http://www.zappa.com/zpz/tourlog/index.php, Eintrag 26.6.2006)
Toller Bericht, sicher ein wenig objektiver und kritischer als meiner - da ging mein Fanboytum einfach mit mir durch. ;-)
Nichts desto trotz vermute ich, dass das Konzert in Düsseldorf (nicht nur wegen der Präsenz Bozzios) ein bisschen herausragender war, wohl auch, weil die Stimmung aufgepeitschter war.
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