10.04.2006

Wunderland

Vielen Deutschen dürfte Achim Reichel bestenfalls als Ex-Mitglied der einheimischen Beat-Pioniere "The Rattles", den meisten lediglich als Shanty-Barde bekannt sein.

Nun darf man nicht den Fehler machen, daraus auf musikalische Unbedarftheit zu schließen, als Prog-Fan gleich gar nicht: Schließlich ist etwa mit Heinz Fröhling eines der Mitglieder der vielleicht interessantesten deutschen 70er-Prog-Band diesseits des eigentlichen Krautrocks ("Schicke, Führs, Fröhling" natürlich) heutzutage mit den "Nordseemusikanten" und den "Bonnies" unterwegs (siehe nordseemusikanten.de).

Auch Achim Reichel hat eine progressive Vergangenheit: Mit ambitionierten Alben wie "Die grüne Reise" oder "Echo" schuf er trippige Krautrock-Epen, die sowohl musikalisch den Vergleich mit vielen anderen damaligen Kraut-Veröffentlichungen nicht scheuen müssen, als auch durch die ausgiebigen Experimente mit Effekten (hauptsächlich - wer hätte es gedacht?) Echos, wegweisenden Charakter hatten.

Deshalb war ich durchaus neugierig auf "Wonderland", die Gruppe, an der Achim Reichel nach seinem wehrdienstbedingten Ausstieg bei den "Rattles" beteiligt war, auch wenn die "Wonderland"-Fernseh-Ausschnitte, die in der "Kraut und Rüben"-Reihe gezeigt wurden, trotz des ebenfalls dort geäußerten Ausspruchs "die erste psychedelische Band Deutschlands" nicht sehr vielversprechend waren. Das erste Hindernis besteht allerdings schon einmal darin, dass von den ursprünglichen Wonderland zu Lebzeiten ausser einer Handvoll Singles nichts erschienen ist, bevor die Gruppe sich wieder auflöste. Immerhin gab es 2001 eine Repertoire-Records-CD namens "The best of Wonderland", die sämtliche Singles der Gruppe und des Nachfolgeprojektes "Wonderland Band" (siehe unten) enthält sowie Wonderland-Aufnahmen, die für ein geplantes Album gedacht waren, aber erst 1973 auf einer ebenfalls "Best of Wonderland" betitelten LP veröffentlicht wurden. Leider scheint die im Digipak mit ausführlichem Begleittext ansprechend aufgemachte CD durch das anscheinende Ende von Repertoire inzwischen ebenfalls schwer zu bekommen zu sein.

Nicht, dass es allzu schade ist: Musikalisch ist "Best of Wonderland" nämlich wie erwartet vergleichsweise mäßig spannend. Psychedelisch ist das ganze soweit, wie etwa die 66er-/67er-Beatles psychedelisch waren, also aufwändiger als bis dato arrangierter Beat-Pop mit gelegentlich schrägen Schlenkern und ab und an zeittypischem, eben "psychedelischem" Einsatz von Effekten wie dem Phaser. Allerdings fehlen Wonderland im Gegensatz zu den Beatles sowohl deren Kantigkeit und Experimentierfreude als auch deren zwingende Melodien. Das ist eben doch Psychedelik-Beat der zweiten Generation. Dafür weiss die für 1968 durchaus druckvolle, fette Produktion zu überzeugen, was nicht unwesentlich an Produzent James Last gelegen haben dürfte. Wenn man jetzt obendrein liest, dass der damalige Wonderland-Keyboarder der Prä-"Singers" Les Humphries war, könnte die Befürchtung aufsteigen, dass es sich hier lediglich um psychedelisch verbrämten Schlager handelt. Aber so schlimm kommt es dann doch nicht: Dem stehen einige durchaus bluesige, gitarrenlastige Nummern entgegen, und auch der Süßligkeits-Faktor ist in der Regel nicht so hoch, wie er sein müsste, um einen Schlager-Vorwurf guten Gewissens erheben zu können. Les Humphries Orgel-Spiel kann sich übrigens durchaus hören lassen und weckt ganz gelegentlich sogar Erinnerungen an die ebenfalls in vergleichsweise sanften Psychedelik angesiedelten frühen Nice.

Nach dem Auseinanderbrechen der ursprünglichen "Wonderland" veröffentlichten Reichel und Sänger Frank Dostal 1971 unter dem Namen "Wonderland Band" übrigens eine LP namens "No. 1", die musikalisch durchaus interessant sein, von "Wonderland" weg und die Richtung Reichels folgender Solo-Veröffentlichungen weisen soll. Leider ist diese bisher nicht auf CD erhältlich. Zwar bestätigen die auf "Best of Wonderland" enthaltenen Stücke aus "No. 1" diesen Ruf nicht gerade, aber da es sich eben gerade um die ausgekoppelten Singles handelt, muss dies nichts bedeuten. Nicht nur positive Erwähnungen in den diversen Krautrock-Büchern von Asbjørnsen und den Freemans sprechen dafür, auch das Booklet der "Best of" legt dies nahe: Dort wird nämlich "No. 1" genauso wie "schwer verdaulichen" folgenden Reichel-Werke abschätzig (im Gegensatz zum Single-Stoff der vorhergehenden "Wonderland"-Besetzung) als vernachlässigbare Übergangsprodukte abgetan - und genau das sollte dem Fan abenteuerlicherer Klänge Mut machen, dass es hier vielleicht doch noch eine Entdeckung zu machen gibt.

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