Wer überwacht den Wächter?
Das nennt man wohl postmodern: Alan Moore dekonstruiert den amerikanischen Comic-Superhelden in einem Superhelden-Comic. In zwölf Kapiteln, die ursprünglich als einzelne Hefte erschienen, erzählen Moore und Zeichner Dave Gibbons ausgehend von einer Rahmenhandlung um Anschläge auf weitere maskierte Helden die Geschichte(n) einer Gruppe von - überwiegend menschlichen - kostürmierten Superhelden.
Der Whodunnit-Hintergrund ist dabei der Aufhänger, die Hintergründe der Figuren aufzudröseln, wodurch sowohl indirekt die Faszination, die Superhelden auf das lesende Publikum ausüben (eine der Figuren namens "Rohrschach" kann etwa als wenig verschlüsselte Personifikation dessen gedeutet werden, dass die Helden auch und vor allem eine Projektionsfläche für die Leser selbst bieten), aufgearbeitet wird wie auch "größere" Themenkomplexe wie Selbstjustiz, Gerechtigkeit, Verantwortung, Gleichgewicht des Schreckens (welches natürlich Mitte der 80er Jahre ein größeres Thema war als später, aber angesichts der letzten Entwicklungen rund um den anschwellenden Atomkonflikt westlicher Länder und des Irans deutlich akuter als noch vor ein paar Jahren ist) und mehr.
Den ambitionierten Inhalten entspricht die gleichermaßen raffinierte Struktur des Buches, das nicht nur eine Art "Alternate History" entwirft, in der durch das Auftauchen des nahezu allmächtigen Superhelden "Dr. Manhatten" Anfang der Sechziger Jahre die USA lange Zeit etwa einen entscheidenen Vorteil im kalten Krieg hatten und auch den Vietnam-Krieg eindeutig gewannen. Außerdem gibt es Rückblenden verschiedener Art in die Vorgeschichten der verschiedenen Hauptfiguren, teils über innere Monologe, teils in psychologischen Sitzungen, teils in Gesprächen, die oft graphisch und inhaltlich eng mit der Gegenwartshandlung verzahnt sind. Dazu gibt es eine Art "Comic im Comic", das auch die Resthandlung ergänzt und kommentiert und obendrein einen weiteren, erst spät offensichtlich werdenden inhaltlichen Bezug zur Haupthandlung hat. Zwischen die einzelnen Kapitel sind fiktive Ausschnitte aus Büchern, Zeitschriften, Polizeiberichten etc. montiert, die Geschehnisse aus anderen Winkeln beleuchten (was teils erst später klar wird), usw.
Die Graphik ist ("gottseidank!", möchte man angesichts der verschachtelten Erzählweise meinen) eher unauffällig gehalten, die Panels sind überwiegend streng in drei Spalten arrangiert (auch wenn gelegentlich breitere Bilder sich über immer noch optisch getrennte Einzelbilder ziehen). Umso wirkungsvoller sind allerdings diejenigen großformatigen Schlüsselbilder, in denen diese Aufteilung aufgegeben wird.
Wie gesagt: meine Comic-Kenntnisse sind nicht sehr umfassend. Trotzdem scheint mir nachvollziehbar, dass "Watchmen" als ein epochales Werk angesehen wird, sowohl im Superhelden-Genre als auch als "Graphic Novel".
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