02.03.2005

Was macht einen guten Longtrack aus?

Da töne ich rum, dass ich keine Top x-Listen mag, und schon verfolgen mich solche. Zugegeben, an der momentanen babyblauen Umfrage bin ich nicht ganz unschuldig. Nicht schuld habe ich allerdings am demnächst kommenden eclipsed-Feature zu Longtracks, wofür u.a. Top 10 Listen mit Longtracks aus verschiedenen Genres erbeten wurden.

Abgesehen von allgemeinen Problemen mit Bestenlisten: Was macht eigentlich einen guten Longtrack aus?

Zur Begriffsklärung: Stücke, die ausschließlich deshalb Überlänge erreichen, weil sie ellenlange Soli enthalten, würde ich nicht als "Longtracks" bezeichnen. Nicht, dass ich etwas gegen lange Soli habe: schließlich höre ich gerne Jazz. Aber in solchen Fällen würde ich eher das/die gelungene Solo/Soli loben bzw. missratene schelten als das Stück als solches. Schliesslich kann man jede Komposition aufblähen, in dem man einen beliebigen Teil wiederholt und darüber solieren lässt.

Lange Songs sind bekanntermaßen bei Progfans beliebt. Ich habe manchmal den Verdacht, dass dies nicht unbedingt daran liegt, dass das entsprechende Stück lang ist, sondern weil immer wieder Longtracks die besten Teile einer Platte enthalten, die aber an sich genauso gut wären, wenn sie in kürzeren Stücken auftauchen würden.

Was einen Longtrack zu etwas besonderem macht, ist die Möglichkeit, innerhalb eines Stückes eine langen Spannungsbogen aufzubauen und eine echte musikalische Entwicklung durchzuführen. Das kann man natürlich auch im Verlauf eines Albums oder einer Abfolge von Liedern, aber innerhalb eines Songs wirkt es geschlossener und ist vor allem unmittelbar erkennbarer, weil man innerhalb einer einzelnen Komposition eher noch solchen Strukturen sucht.

Die Methoden der Entwicklung sind aber vielfältig, und ich glaube nicht, dass es einen Königsweg gibt, eine gelungene lange Komposition zu konstruieren. Manche mögen die Arbeit mit thematischen Variationen verlangen, Passagen, in denen bereits vorgestelltes musikalisches Material wiederaufgegriffen wird und/oder variert wiederkehrt. Allzu gezwungene Variationen wirken andererseits auch wieder aufgesetzt. Manche mögen's, wenn die Komposition fliesst und keine sprunghaften Wechsel von Tempi und Stimmungen beinhaltet. Andererseits kann ein geschickt eingesetzter musikalischer Bruch effektiv und sinnvoll sein: man sollte dem Hörer nicht das geben was er will, sondern das, was er braucht, wenn er nicht unbedingt weiß, was das ist... Obwohl: auch ein - oberflächlich betrachtet, aber auch tatsächlich - monotones Stück kann durch hypnotische, ekstatische Wirkung viel Reiz haben. Für mich persönlich braucht's dabei aber rhythmischen Druck. Die sanft-wellenden Wabereien der Berliner Schule etwa geben mir nicht viel, andere geraten in Verzückung.

Gerät der "gute Longtrack" am Ende doch wieder in die Fänge des "Alles eine Frage des Geschmacks"-Gemeinplatzes? Scheint so.

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