02.09.2004

Warum ich nie zu einer Max Goldt-Lesung gehen werde

Ich mag Max Goldt. Besser: Ich mag seine Texte. Diese sind vernünftig, lebensklug, unterhaltsam, mit Sinn für's Bizarre und Groteske geschrieben und obendrein sprachlich brillant. Max Goldt würde nie zweifeln müssen, ob man zu einer Lesung, auf eine Lesung oder in eine Lesung geht.

Ich mag also Max Goldt. Ich mag ihn aber nicht genug, um mir seine Bücher als gebundene Ausgaben zu kaufen. Ich habe genug Zeit, darauf zu warten, dass sie als Taschenbücher erscheinen. Das will nicht viel heissen: ich kaufe fast nur Taschenbücher, egal, wie der Autor heisst. Von mir aus müsste es keine Hardcover geben. Diese sind schwer und klobig. Weder im Bett noch in der Bahn lassen sie sich bequem lesen und erst recht nicht in eine Jackentasche stecken. Es macht mir nichts, wenn man Büchern ansieht, dass sie gelesen wurden. Taschenbücher brauchen weniger Platz im Schrank und sind billiger. Damit ich ein gebundenes Buch kaufe, muss schon etwas ganz Ungewöhnliches, Weltbewegendes vorfallen, etwa ein neuer Harry-Potter-Band erscheinen.

Den Menschen Max Goldt kenne ich nicht und werde ich wohl auch nie kennenlernen, denn ich werde zu keiner seiner Lesungen gehen. Es ist unwahrscheinlich, dass mir Max Goldt einmal in der U-Bahn gegenüber sitzen wird. Und wenn, würde ich ihn nicht erkennen.

Während einer Max Goldt Lesung muss man sich als Zuhörer unter ständiger Beobachtung wähnen: der des Autors und Lesenden. In etlichen von Goldts Texten werden Vorkommnisse während seiner Lesereisen berichtet: Hörer, die die Füße auf die Bühne legen, Hörer, die tuscheln, Hörer, die an den falschen Stellen lachen, Hörer, die zu viel, die zu wenig klatschen, Hörer, die während der Lesung vor den Augen von Vortragendem und Publikum ihre Notdurft verrichten.

Nicht, dass ich vorhabe, Max Goldt vor die Füße zu pinkeln. Aber die Aussicht, mich nach einem unwillkürlichen Niessen oder missratenen Räuspern als - wenn auch wahrscheinlich anonymer - Protagonist einer Kolumne oder eines anderen Textes wiederzufinden, schüchtert mich zu sehr ein.

Ich lege Wert auf meine literarische Unversehrtheit. Deshalb werde ich nie zu einer Max Goldt Lesung gehen.

Kommentare

Das ist gut gedacht - oder vielmehr geschrieben: Bevor man sich als Hoerer den literarischen Genuessen Max Goldts hingibt, muss man aber auch ganz genau wissen, wohin man sich setzt. Laut Max Goldts Schriften sitzen die interessierten Leute nicht in der ersten, sondern in einer der vorderen mittleren Reihen - wie im Auto, in dem die Excellenzen im Wagenfond und nicht neben dem Fahrer sitzen. Da ich sowohl aeltere als auch neuere Werke des Autoren gelesen habe, weiss ich, dass Rauchen waehrend seinen Lesungen mittlerweile verpoent ist, was vor einigen Jahren unkommentiert geblieben ist. Die Gliedmassen bleiben am Boden und die Exkremente im Koerper - das ist korrekt, dem sei aber noch hinzuzufuegen, dass auch Getraenke in unmittelbarer Naehe des Hoerers zu sein haben, sonst kommt man schnell in Verruf Max Goldts. Mich stoert es persoenlich nicht, mein Trinkgefaess vor mich auf den Boden abzustellen oder in der Hand zu behalten, ist die Buehne doch einige Meter entfernt, doch auf das Rauchen moechte ich nicht verzichten. Ich bin nur einmal auf einer seiner Lesungen gewesen und habe dann in der ersten Reihe gesessen, nicht etwa, um ihn zu veraergern oder mich als einer seiner zahl- und namenlosen Antigonisten in seinen Texten wiederzufinden, was mich persoenlich eigentlich eher amuesieren denn aergern wuerde, sondern weil ich vorn einfach besser zuhoeren sowie besser sehen kann. Ich moechte ja den Vortragenden auch sehen, das waere schwieriger, wenn ich einen Huenen vor mir habe oder jemanden, der energisch seinen Oberkoerper wie ein verhaltensgestoertes bulgarisches Heimkind hin- und herwiegt. Saesse ich in den mittleren Reihen, wuerde ich nur die Haelfte verstehen, genoetigt, unangenehme Koerperausduenstungen zu inhalieren und meine Beine nicht ausstrecken zu koennen. Ansonsten habe ich die ungeschriebenen Regeln wie folgt befolgt: Ich habe zum einen gar nicht geklatscht, da ich das Geraeusch zweier aufeinanderprasselnden Haende multipliziert mit der Anzahl der Hoerer unertraeglich finde und mit einem Laecheln kann man dem Vortragenden auch Respekt ueber seinen Text ausdruecken, finde ich. Zum anderen habe ich vielleicht an den verkehrten Stellen geschmunzelt, aber das sei mir verziehen, da Schmunzeln leiser als Lachen vonstatten geht.
Nach der Lesung ist es allgemein ueblich, sich in eine Schlange von Menschen einzureihen, die sich irgendetwas signieren lassen moechten und ein paar Worte mit dem Autor zu wechseln. Das mache ich nicht, denn ich wuerde mir wie inder Kirche vorkommen, um die Hostie entgegenzunehmen. Lieber lade ich den Autor nach dem ganzen Trubel auf ein geistiges Getraenk ein, sofern dieser Zeit und Lust hat.
Mit dem Vorzug von Taschenbuechern den Einbaenden gebe ich Ihnen recht: Ein Taschenbuch ist eine feine Sache - und zerlesen sieht es fast noch interessanter als ein starrer Einband aus. Einbaende sind optisch dem Taschenbuch vorzuziehen, in einem Buecherregal macht sich ein Textilruecken huebscher als ein grellfarbiges, in der Mitte geknicktes Taschenbuchgesaess. Fuer das taegliche Leben ist ein Taschenbuch einfach die praktischere Variante, ob auf Reisen, auf Toilette, im Rucksack oder im Bett. Doch das Taschenbuch als solches ist jedenfalls verbesserungsfaehig: Auf Seiten, die so duenn wie Gesetzbuchblaetter sind, laesst es sich mit der Haelfte des Gewichts angenehm lesen und ein dicker Waelzer wuerde in jede Gesaesstasche passen. Der Buchruecken stammt von einem Einband, die Deckel eines Taschenbuchs schuetzen die Seiten eines Gesetzbuches - und das ideale Buch ist geboren.

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