Wächter der Nacht
Nachdem der hier schon besprochene russische Kultfilm "Nochnoi Dozor" morgen in die deutschen Kinos kommt, wird es vielleicht auch Zeit, ein paar Worte zur deutschen Übersetzung der Buchvorlage, Sergej Lukianenkos "Wächter der Nacht", zu verlieren, die vor kurzem erschienen ist.
"Wächter der Nacht" besteht aus drei verschiedenen Teilen, die zwar insofern aufeinander aufbauen, dass Entwicklungen der vorhergehenden Handlungen die nachfolgenden beeinflussen und auch die gleichen Personen auftauchen, aber trotzdem in sich geschlossene Geschichten erzählt werden.
Der Film basiert auf dem ersten der drei Abschnitte, wobei im Vergleich zum Buch die Rolle des Jungen Jegor deutlich dramatischer und wichtiger angelegt sowie die Vorgeschichte der Hauptfigur Anton daraufhin angepasst ist (mehr zu verraten würde die Pointe des Films zerstören, die in dieser Form im Roman - zumindest nicht in dem bisher auf Deutsch vorliegenden ersten Teil - nicht gegeben ist). Die Mythologie von Lukianenkos Welt mit dem ewigen, momentan durch ein vertraglich ausgehandeltes Gleichgewicht gezähmten Kampf zwischen den "Dunklen" und den "Lichten" wird im Roman deutlich klarer, da vieles von dem, was im Film nur andeutungsweise und in eindrucksvollen optischen Chifren dargestellt ist, ausgesprochen und erklärt wird - oft zwar nur schrittweise im Laufe der jeweiligen Geschichten, aber dafür deutlicher. Dies geht allerdings zu Lasten der mystischen, stimmungsvollen Atmosphäre, die der Film durch seine Dunkelheit und Wagheit erzeugt. Stärker ausgeprägt sind auch die allegorischen Bezüge auf Geschichte und Gegenwart (etwa die Verbrämung von Nationalsozialismus und Kommunismus als katastrophal gescheiterte und aus dem Ruder gelaufene Experimente der "Lichten", eine "gute" Gesellschaft aufzubauen).
Dies wird allerdings teilweise dadurch ersetzt, dass sich in den Geschichten ein Geflecht aus Finten, Täuschungsmanövern, Hinterhälten und -gedanken entwickelt: die jeweiligen Führer betreiben den Kampf zwischen Gut und Böse inzwischen als eine Art gigantisches Schachspiel, in dem persönliche und allgemeine Interessen auf dem Spiel stehen oder das Ziel sind, und die umfassenden Regulierung des Zusammenlebens, Kontrollierens und in den Schranken Weisens sich nur noch durch Rafinesse und ausgeklügelte riskante Züge unterlaufen läßt, bei denen "wenigerwertige" Figuren wie der icherzählende Held Anton nicht nur hemmungslos benutzt, sondern auch geopfert werden können.
Mit jedem Handlungsstrang wird der Aufbau der Parallelwelt aus "Tagwache", "Nachtwache" und "Inquisition" deutlicher, werden die Eigenschaften und Rollen der "Anderen" (Nicht-mehr-Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten verschiedener Art, die das "Licht" oder das "Dunkle" wählen können, sobald sie sich ihrer Besonderheit klar werden) detailreicher und lebendiger, ohne das dem Leser ein Abschluß in Form eines Happy-Ends oder einer Niederlage des Guten gegönnt wird - bisher. Denn: "Lesen Sie weiter in: Wächter des Tages".
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