18.03.2005

Verfinstertes Magma - Director's Cut

Eclipsed-Tausendsassa Marcus Wicker bat mich im Januar, anlässlich ihres neuen Albums "K.A" für das März 05-Heft einen einseitigen Artikel (äh, natürlich im Sinne von: einen Artikel von einer Seite Länge) über Magma zu schreiben. Mein erster Entwurf wurde natürlich doch ein bisschen länger. OK, fast doppelt so lang. Allerdings stellte sich schließlich heraus, dass Christian Vander die zugesandten Fragen für das ebenfalls geplante Interview nicht rechtzeitig zum Redaktionsschluss würde beantworten können, da sich die Band zu dem Zeitpunkt auf Tour befand. Der freigewordene Platz wurde dem plötzlich doch nicht mehr so viel zu langen Artikel zugewiesen, der sogar noch um Kurzbeschreibungen einer "Top 5" von Magma-Alben erweitert werden konnte. Im Folgenden findet sich der komplette Artikel, wie er eingereicht wurde, also auch ohne die Redigierung durch die Eclipsed-Redaktion, inklusive Zitate sowie die für die gleiche Ausgabe verfasste Rezension der Trilogie-Live-Box.

Magma - Ekstahtïk Katartïhk Kommandöh

Mekanïk Destruktïw Kommandöh (1973)

Nach dem Übergangsalbum "1001° Centigrades" übernahm Christian Vander das alleinige Kommando bei Magma und warf der Welt mit Mekanïk Destruktïw Kommandöh ein einzigartiges, kompromissloses Album zum Fraß vor. Henry Cow-Schlagzeuger Chris Cutler beschreibt MDK treffend: "Alles auf 'Mekanïk' dient der Musik; nichts ist überflüssig, und es gibt keine Zurschaustellung von Technik um ihrer selbst willen." In dem von manchen als "klingonische Oper" beschriebenen Werk treffen in einer üppigen Hochzeit von Orffs Carmina Burana mit Rock und Jazz hymnische, monolithische Chöre auf peitschende Schlagzeugarbeit, einen fetten Bläsersatz und agressiven Bass, und nach ständigem, wellenförmigen Spannungs-Aufbau und -Abbau löst sich erst im drängenden Finale alles in ekstatischer Euphorie auf.

Live (Hhaï) (1975)

Die ganze erste Hälfte dieses Doppel-Albums gehört einem weiteren zentralen Epos in Magmas Oevre, dem mystisch-düsteren Köhntarkösz, in einer mitreissenden Live-Version, die der Studioaufnahme vorzuziehen ist. Die zweite LP bietet mit "Hhaï" und einem langen Ausschnitt aus MDK zwei Magma-Live-Grundsteine.

Wurdah Ïtah (1974)

Unter "Christian Vander" als Soundtrack veröffentlicht, handelt es sich bei Wurdah Ïtah eigentlich um ein Magma-Album, und es wird in der Regel auch so geführt. In kleiner Besetzung (voc, keys, b, dr) von der Kernband eingespielt, wirkt es trotz - oder wegen - des intimen Klangs besonders intensiv.

Üdü Wüdü (1976)

Nach mehreren kürzeren Stücken auf der ersten Seite bricht Jannick Tops gut viertelstündige, repetitive Bass-Schlagzeug-Orgie "De Futura" garniert mit bellendem Gesang von Klaus Blasquiz wie ein Mahlstrom über den Hörer herein: ein Meilenstein, der zur Sound-Blaupause für etliche Zeuhl-Bands wurde.

Magma (1970)

Dieses schlicht "Magma" betitelte Doppel-Album steht am Anfang einer langen Geschichte, nicht nur der Band, sondern auch des zugrundeliegenden Mythos vom Planeten Kobaïa. Hier präsentieren sich Magma dank dominanter Holzbläser noch jazziger im Klang, vergleichbar den zeitgenössischen Soft Machine.

Magma in ihren besten Momenten sind ein Erlebnis, das schwer in Worte zu fassen ist: Die französische Gruppe rund um Schlagzeug-Derwisch Christian Vander kanalisiert spirituelle Energien und kathartische Gefühle, wie sie rockbasierte Musik selten erreicht. Wie geschmolzene Steinmasse aus der gequälten Erde bricht, so brechen Magma über den Hörer herein. Dass dies heute, nach 35 Jahren Bandgeschichte und 20 Jahren Studiopause, immer noch gilt, beweist das aktuelle Album "K.A". Grund genug, uns in den Orbit um Kobaïa zu begeben.

"They rocketed through the music with a fierce intensity that had the room rivited. After every piece, standing thunderous ovation! It was as if 99% of the people in that room were sharing this incredible, almost fucking religious experience." (JCRYAD über Magma live, rec.music.progressive, März 2002)

Man muss Magma beileibe nicht lieben, aber kaum jemand bleibt von ihrer Musik unberührt. Wer erlebt hat, wie sich Christian Vanders Augen in seinem zur Grimasse verzerrten Gesicht nach hinten drehen, bis nur noch das Weiße zu sehen ist, während um ihn herum seine wirbelnden Arme zu Schemen verschwimmen und selbst die in die Bühne getriebenen Nägel sein millimetergenau ausgerichtetes Schlagzeug kaum festzuhalten vermögen, wer Gitarrist James MacGaw im Sog der entfesselten Rhythmusgruppe zum fernen Planeten Kobaïa abheben sieht, wem durch unablässige chorale Wiederholung die zauberformelartige Textzeile "Zïss ünt ëtnah, zïss ünt ëtnah, zïss ünt ëtnah, zïss ünt ëtnah" in ekstatischer Polymetrik vierstimmig ins Hirn gehämmert wird, während ein aggressiv verzerrter Bass grollend und pumpend die Bauchdecke des Hörers attackiert, der wendet sich entweder angewidert ab oder ist der Band verfallen.

"And it's all channelled straight into a music that is intense; so intense I think it slips over the edge into obsession." (Martin Hayman, Sounds, April 1974)

 

"Intensität": Diese Vokabel taucht immer wieder auf, wenn von Magma die Rede ist. Joachim-Ernst Berendt beschreibt im "Jazzbuch" den "Kult der Intensität" der Freejazzer. Einer der Paten des freien Jazz war John Coltrane, ein im Post-Bop groß gewordener Saxophonist. Coltrane wandte sich in seinen späten Aufnahmen auf der Suche nach dem Jenseitigen in der Musik einer Spielweise zu, die die Grenzen der sowohl den Musikern als auch den Zuhörern zumutbaren Energie auslotete. Coltranes universeller Anspruch, seine tiefe Ernsthaftigkeit und das spirituelle Wesen seiner Musik beeindruckten den jungen Jazz-Schlagzeuger Christian Vander so sehr, dass er nach Coltranes vorzeitigem Krebs-Tod im Sommer 1967 sich erst verzweifelt das Leben nehmen wollte, dann aber beschloss, dass er das von Coltrane angefangene Werk fortführen müsse. Vander verließ Italien, wo er als Session-Musiker arbeitete, kehrte nach Paris zurück und gründete 1969 Magma.

Die Voraussetzung dieser Intensität, das spirituelle Feuer, das man für die angestrebte Katharsis, das Erreichen ekstatischer Einheit mit dem Transzendentalen benötigt, nennt Vander "le cri", den Schrei. "Le cri" ist das, wonach er bei seinen Musikern sucht, "le cri" ist das, was Magma von anderen Bands unterscheidet. Magmas frühe Geschichte ist daher vor allem eine Geschichte der Abgrenzung. Vander grenzte sich gegenüber Mainstream-Jazzern ab, die Coltranes Erbe nicht verstanden, geschweige denn weiterführten, und gründete eine Rockband. Gleichzeitig grenzte er sich gegen den an angloamerikanischen Vorbildern orientierten französischen Pop ab und suchte sich seine Inspiration neben Coltrane bei Wagner, Strawinsky, Orff und dem Mahavishnu Orchestra.

Vander betont in frühen Interviews immer wieder seine nicht-französische Abstammung (einer seiner Großväter war ein "Zigeuner-Geiger"), ebenso die nicht-französische Herkunft anderer Bandmitglieder, etwa des baskischstämmigen Sängers Klaus Blasquiz, der mit seinem kräftigen, fast opernartigen Bariton den Magma-Klang in den Siebziger Jahren entscheidend mitprägte. Die buntgekleideten Hippies waren Vander zu heuchlerisch: Also kleideten Magma sich ganz in Schwarz und trugen Ketten mit dem bedrohlich-enigmatischen Band-Emblem als monströse Anhänger. Das Französische war Vander zu weich: Also erfand er eine eigene Sprache, Kobaïanisch, ein zugehöriges Science Fiction-Epos und gab seinen Mitspielern kobaïanische Namen.

"Ich habe den Engel des Lichts gesehen, und er lächelte mich an. Er lächelte mich an, er lächelte mich an, der Engel des Lichts. Und die anderen, überrascht, fragen ihn: Der Engel des Lichts lächelte Dich an? Und er antwortet, mit wachsender Überzeugung: Er lächelte mich an, der Engel des Lichts." (Christian Vander, Klappentext "Mekanïk Destruktïw Kommandöh")

Diese Sage erzählt von einer Gruppe menschlicher Siedler, die der Erde angesichts spiritueller Armut, Kriegstreiberei und Ressourcen-Ausbeutung den Rücken kehren und auf dem Planeten Kobaïa eine neue Gesellschaft gründen. Das Debütalbum legte 1970 den Grundstein der Geschichte. Weiter ausgebaut werden sollte sie in einer drei Trilogien umfassenden LP-Reihe - ein Vorhaben, das bis heute nur teilweise umgesetzt wurde.

Die erste Trilogie umfasst das bisher nur in Live-Versionen veröffentlichte "Theusz Hamtaahk", das zuerst als Film-Soundtrack realisierte "Wurdah Ïtah" sowie Magmas Opus Magnum "Mekanïk Destruktïw Kommandöh". Im Jahr 2000 wurde anlässlich des 30jährigen Band-Jubiläums der Zyklus komplett aufgeführt, 2001 als Live-3-CD-Box veröffentlicht.

"K.A" ist die nachträgliche Aufnahme des bereits 1972/73 komponierten ersten Teils der zweiten Trilogie, die durch das schon 1974 veröffentlichte "Köhntarkösz" fortgesetzt wird. Der abschließende Part "Emehnteht-Re" war bisher nur bruchstückhaft durch auf verschiedene Alben verteilte Ausschnitte bekannt; seine Rekonstruktion soll 2005 live uraufgeführt werden.

"Magma make the kind of music that Ken Russell might use as a soundtrack for the firebombing of Dresden; it's almost as if you'd expect them to stride onstage wearing Viking helmets with horns." (Pete Erskine, New Musical Express, August 1975)

Die auf sakrale, düstere Effekte zielende Optik, das disziplinierte Auftreten der Band und die teils martialisch anmutende Musik trafen in den vom Geist des Hippietums geprägten 70er Jahren nicht immer auf Begeisterung. Magma wurde ein mindestens frivoler Flirt mit faschistoider Ikonographie vorgeworfen. Gründungsmitglied Klaus Blasquiz hingegen, der zusammen mit dem immens einflussreichen Bassmonster Jannick Top in der ersten Dekade der Gruppe eine der Galionsfiguren neben Vander darstellte, betonte immer wieder die positive Botschaft der auf spiritueller Erfüllung basierenden Magma'schen Utopie.

Jannik Top! I’m shaking in me booties just thinking ‘bout him. Jannik Top was a Gene Simmons for people with their own IQ. He played the bass like a Tyrannosaurus Rex skinning a Stegosaurus. He was at least eight feet tall and had claws instead of hands. His bass sound made the night fall early, and kept the moon from rising at all. (Julian Cope, Head Heritage, September 2001)

Nach dem gemeinschaftlich ausgerichteten ersten Album übernahm Christian Vander immer mehr die Führung. Daraufhin spaltete sich ein Teil der Musiker ab, um im Projekt "Zao" eigene Ideen auszuleben. Es begann ein stetiges personelles Wechselspiel. Im Laufe der Jahre wirkten mehr als 50 Musiker bei Magma, wobei durch Vanders strenges Regiment die musikalische Identität stets bewahrt blieb. Durch den hohen Durchsatz an Mitgliedern prägten Magma die französische Musiklandschaft wie kaum eine zweite Gruppe: Fast jeder Ex-Musiker brachte in seine folgenden Projekte Elemente des typischen Magma-Sounds ein. Auch personell unabhängige Gruppen beeindruckte Magma stark. Es entstand ein eigenes Genre rund um den Magma-Klangkosmos: Zeuhl, benannt nach dem kobaïanischen "zeuhl wortz", "himmliche Musik". Auch heute sind Bands rund um den Globus, insbesondere in Japan, dem Magma-Erbe verpflichtet.

Nach der Auflösung Magmas Mitte der 80er Jahre konzentrierte sich Vander auf das akustisch und noch stärker choral ausgerichtete Projekt "Offering". Erst Mitte der 90er stellte er eine neue Magma-Besetzung zusammen, die im Kern bis heute unverändert geblieben ist und die Musik Magmas durch rege Live-Tätigkeit sowie die neue CD "K.A" lebendig hält. Mit den Sängern Antoine und Himiko Paganotti - Kinder des Ex-Bassisten Bernard Paganotti - ist die Band inzwischen auch personell in der zweiten Generation angelangt. Daher ist Christian Vanders Aussage vom November 2004 im Musikmagazin Tracks des Fernsehsenders ARTE vielleicht nicht so unwahrscheinlich, wie es auf den ersten Blick scheint: "Wir haben die volle Reife noch nicht erreicht. Das Beste kommt erst noch. Aber nicht weitersagen."

Theusz Hamtaahk Trilogie (2001, 3 CDs, DVD)

2000 feierten Magma 30jähriges Jubiläum. Daher wurden im Pariser Trianon-Theater zwei Konzerte organisiert, auf deren Programm Magmas Hauptwerk stand: Die "Theusz Hamtaahk"-Trilogie, bestehend aus dem gleichnamigen Stück, "Wurdah Ïtah" und "Mekanïk Destruktïw Kommandöh". "Stück" ist mit Vorsicht zu geniessen; jedes der drei Epen füllt eine komplette LP. Magma zelebrieren die Trilogie in grosser Besetzung: 4-6 SängerInnen, 1-2 Keyboards, Bass, Gitarre, Schlagzeug, bei MDK ergänzt durch einen Blechbläsersatz. "Theusz Hamtaahk" selbst zeigt Magma mit seinen repetitiven Figuren von ihrer hypnotischsten Seite. "Wurdah Ïtah" verbindet Magma-typische Intensität und ekstatischen Gestus mit burlesken Melodien und osteuropäischer Folklore. "Mekanïk Destruktïw Kommandöh" ist gleichzeitig hymnisch, bombastisch und mitreissend treibend, vor allem im jazzrockigen "Nebehr Gudahtt"-Teil, in dem Gitarrist MacGaw in einem virtuosen Solo endgültig gen Kobaïa entschwebt. Die Trilogie ist als edel aufgemachte 3-CD-Box sowie als spartanischere Video-DVD erhältlich. Da die DVD bei gleichem musikalischen Inhalt und zusätzlicher optischer Komponente deutlich günstiger ist, stellt sie für Einsteiger den wohl besseren Kauf dar, auch wenn die quasi-sakrale Präsentation nicht jedermanns Sache sein dürfte. Allerdings fehlt das der Audio-Version beigelegte Libretto, ein unverzichtbarer Bestandteil beim Kobaïanisch-Karaoke.

Kommentare

Wo bekommt mensch denn sowas? :-(
Ich hab fast alles "alte" bis in die 80er auf LP und CD (eine Promo CD). Ich weiss nicht, wie das urhberrechtlich und so ist, aber wen eine Aufnahme nicht mehr im Handel erhältlich ist, könnte das nicht kopiert werden und Magma bekommt nen Obulus?
Grüße von Rudi (Ebenso Art Zoyd und Univers Zero Fan :-))

Würde mich über eine E-Mail freuen.

magma sind leider nur noch ein schatten ihrer selbst,während es für art zoyd seit"experience de vol."
und univers zero steil nach oben geht.

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