20.10.2004

Verdachtskäufe (Teil 2), oder: der Zauberer von Oz ist gar nicht so zauberhaft

10 Tage sind lang. Zumindest für einen Musikjunkie. Zwar habe ich - 20 Gigabyte-Festplatte im mp3-Player sei dank - immer mehr oder wenig genug Musik mit auf Reisen, aber ich konnte mich - wieder... - nicht zurückhalten. Und was macht man, wenn man mitten in einer Urlauberhölle aus Beton einen Suchtanfall bekommt? Jedenfalls stürzt man nicht in den nächstgelegenen Andenkenladen, um eine Billigst-CD mit Original-Mutanten-Flamenco aus der Dose zu erstehen. Lieber setzt man sich in die Renfe-Bahn und fährt für wenig Geld ein Viertelstündchen nach Malaga. Dort gibt es wenigstens ganz in der Nähe der Renfe-Station eine El Corte Inglés-Filiale mit zumindest annähernd ansehnlicher Tonträger-Abteilung.

Ziel muss dort natürlich das Regal mit spanischen Veröffentlichungen sein. Und schon ein sachtes Überfliegen findet einige Alben, die nähere Inspektion lohnen könnten. Leider bleibt es dabei: das Detailstöbern fördert nur CDs zu Tage, die entweder unmöglich einzuordnen sind oder nach gräßlichem Mainstream aussehen.

Als erstes fiel mir eine Band namens Mägo De Oz auf. "Den Namen hast Du schon mal irgendwo gelesen... Wo nur?" Da ich hauptsächlich prog-relevante Websites frequentiere, verfuhr ich nach dem Prinzip "im Zweifel für den Angeklagten" und wertete das als günstiges Zeichen dafür, dass hier Angeproggtes vorliegen könne. Bei dem Bandnamen ("Zauberer von Oz"), der Tatsache, dass es sich anscheinend um ein Don Quixote-Konzeptalbum handelte, das obendrein hübsch aufgemacht war... Der Rest der Geschichte ist klar.

Ich hätte vielleicht besser hingucken sollen. Die Tatsache, dass der Cover-Don-Quixote ein AC/DC-T-Shirt trägt, hätte mich wohl stutzig gemacht...

OK, ganz so schlimm wie AC/DC kam es beim ersten Hördurchlauf nicht. "La Leyenda de la Mancha" bietet eher biederen Metal, der durch folkloristische Elemente (Fiedel und Co.) aufgelockert ist: ohne größere Schmerzen anhörbar, aber letzten Endes verzichtbar.

Den im gleichen Regal befindlichen Triana-Bereich erleichterte ich um ein Album von 1977: ein weniger risikoreiches Unterfangen. "Hijos del Agobio" bietet den mehr oder weniger gleichen, eher mainstreamigen Flamenco-Prog wie die beiden diskographisch flankierenden Triana-CDs, die ich schon aus dem letzten Spanien-Besuch mit nach Hause gebracht hatte.

Der wahre Treffer des Kaufhausbesuchs war aber eine Zusammenstellung namens "Grandes Grupos Progresivos". Dabei handelt es sich nicht um einen ürgseligen Sampler, sondern um die kompletten Aufnahmen, die drei verschiedene Bands Anfang der 70er Jahre für das spanische Dimension-Label tätigten. Die Doppel-CD fiel mit nicht wegen des obigen Übertitels auf, sondern wegen des auf dem Frontcover leicht lesbaren Gruppennamens "Pan Y Regaliz" (Brot und Lakritz), ein weiterer jener "Den Namen hast Du schon mal irgendwo gelesen... Wo nur?"-Momente. Als ich den Übertitel entdeckte, war der Kauf natürlich geritzt, obwohl ich Lakritz nicht ausstehen kann. Erst zuhause habe ich bemerkt, dass die zweite CD obendrein zwei King Crimson-Cover enthält. Glückliches ich.

OK, die beiden King Crimson Nachspielstücke ("In the Court" gekürzt sowie "21st Century Schiozoid Man", ebenfalls gekürzt) der Band Evolution sind ziemlich übel. Der wahre Schatz unter den "Grandes Grupos Progresivos" sind tatsächlich Pan Y Regaliz: ziemlich cooler psychedelischer ProtoProg mit jede Menge Jethro Tull-Anklängen (à la "Stand Up") sowie seltsam-witzigen Ausflügen in andere Stilrichtungen, das ganze natürlich im jahrgangsgemässen (1971) Soundgewand. Hübsch und historisch wertvoll. Die Original-LP von Pan Y Regaliz scheint ziemlich selten zu sein, diese CD ist aber recht leicht zu bekommen, etwa bei Laser's Edge.

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