26.07.2004

Verdachtskäufe, oder: Nil != Nyl

Eigentlich kaufe ich seit einiger Zeit nur noch sehr, sehr selten CDs auf Verdacht, was ich früher ziemlich oft gemacht habe. "Auf Verdacht" bedeutet, dass ich mir ein Album nur mit minimalen Informationen, etwa wg. eines Covers, eines halb-erinnerten Beschreibungsfetzens oder gar nur wegen einer Tracklänge besorge. Schliesslich gibt es heute dank WWW jederzeit die Möglichkeit, Informationen zu den obskursten Veröffentlichungen zu finden. Nicht nur Websites sind hilfreich: auch die Google-Archive von Newsgroups-Postings ziehe ich regelmässig zu Rate, insbesondere rec.music.progressive, auch wenn der Informationsgehalt der Newsgroup in den letzten zwei, drei Jahren durch die Abgänge einiger der best-informiertesten Experten sowie die vielen konkurrienden Foren und Mailinglisten ziemlich gelitten hat. Aber aus früheren Jahren lässt sich immer noch viel abschöpfen, insbesondere was obskure ältere Alben angeht.

Manchmal läßt sich ein Verdachtskauf aber nicht vermeiden. Die vorletzte solche Situation war während meines letzten Urlaubs, als ich unter akuten Entzugserscheinungen leidend in einem winzigen CD-Laden in Las Palmas stand und mit zitternden Händen mich auf der Suche nach Stoff durch CDs wühlte. Dort fand ich im "Örtliche Folklore"-Regal ein Album einer Band namens "Taburiente", das ein typisches Prog-Cover sowie eine Longtrack hatte, obendrein nur 7 Euro kosten sollte. Der Kauf war in dieser Situation natürlich ein No-Brainer. Hatte ich übrigens erwähnt, dass ich gar keinen CD-Player im Urlaub dabei hatte, die CD also frühstens erst eine Woche später hören konnte...?

Letzte Woche fand ich mich in eine ähnliche Situation versetzt. Ich bin ja ein alter Zeuhl-Fanboy. Alben aus dem Genre besorge ich mir auch mehr oder weniger bedindungslos, wenn sie mir in die Finger fallen, und meistens geniesse ich sie dann auch (mehr zu dem Thema die Tage, angeregt durch die aktuelle Musea-Veröffentlichung der Band "Pseu"). Als ich dann die Tage bei eBay einen Artikel namens "NIL(Magma) s/t CD prog OOP" finde, bin ich natürlich sofort angefixt. Die Artikel-Beschreibung verrät, dass Ex-Magma-Bass-Monster Jannick Top mitspielt und die Aufnahmen von Anfang der 70er stammen sollen. Da werd ich erst recht kribbelig. Also geht's auf zum lustigen Googlen nach Informationen zu Nil+Jannick+Top. Die Ausbeute ist absolut ernüchternd: praktisch keine brauchbaren Infos. So'n Scheiss. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Eigentlich habe ich den Verdacht, dass es sich um ein falsch beschriebenes Album der aktuellen französischen Band "Nil" handelt, darauf deutet auch das eher modern aussehende Titelbild hin. Nur leider hat diese Band eine ziemlich unbrauchbare Homepage, der sich Infos über ihre Diskographie nur schwer entreissen lassen. Ich werde ungeduldig. Was soll's? Ich biete mal mit. Noch ist der Preis vernünftig, und die modernen Nil mag ich auch, falls es was von denen ist, ist das auch kein Fehlkauf. Junkies finden halt immer eine Selbstrechtfertigung.

Die Transaktion läuft reibungslos und schnell. Dank PayPal ist internationale Bezahlung kein Problem, und weniger als eine Woche nach Auktionsende ist die CD aus Amerika schon in meinem Briefkasten. Jo. Die modernen Nil sind es nicht. Sondern tatsächlich ältere Aufnahmen, und bei drei Songs (darunter dem längsten des Studioparts der CD) malträtriert unverkennbar grollend und pumpend den Bass. Zeuhl isses nicht, mit Magma hat es nicht viel zu tun, sondern mehr - allerdings durchaus netter, treibender - garagiger, fast krautiger Psychedelic, mit gelegentlichen jazzigen und poppigen Anwandlungen (sowas hätte ich aus Frankreich allerdings nicht unbedingt erwartet). Dennoch: schon mal kein Fehlkauf.

Nur: Ganz offensichtlich ist die CD eine durchaus aufwändige Wiederveröffentlichung. Neben Studio-Tracks finden sich noch über dreissig Minuten Demo- und Live-Aufnahmen. Aber die Liner Notes geben keinerlei, ich wiederhole: keinerlei Hinweise darauf, von wann die Aufnahmen sind, was was ist und welche Geschichte die Band hat. Hallo? So kann man den Hörer doch nicht in der Luft hängen lassen. Wie's besser geht, beweisen Musea mit fast jeder ihrer Archiv-Veröffentlichungen, die immer eine ellenlange Band-Geschichte beinhalten. Die letzte Idee, die ich noch habe, ist mal Dag Erik Asbjørnsens Print-Enzyklopädie obskurer psychedelischer und progressiver Euro-Bands ("Scented Gardens Of The Mind") zu befragen. Und tatsächlich werde ich fündig. Die Band heisst "Nyl", nicht "Nil". Argh. Google ist zwar in gewisserweise Tippfehler-tolerant, aber das ging wohl doch nicht, lang lebe die Print-Recherche. Yep. Googlen nach Nyl+Jannick+Top gibt etliche Treffer, wenn auch nicht viele weiterführende Informationen dabei rumkommen.

Taburiente war übrigens auch kein Fehlkauf. Folkig geht's zwar zu, aber vor allem die Vokalarrangements sind ziemlich aufwändig, gehen teilweise fast in Richtung der mehrstimmigen Beach Boys-Art. Dies kombiniert mit der kanarischen Volksmusik macht durchaus was her. Kein Prog per se, aber auch nett. Die nächsten Blindkäufe können also kommen :-)

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