06.01.2007

Untote und mehr, Teil 4 - Kampfkunst-Special

Vor kurzem gab es auf ARTE eine Musical-Themennacht: Erst der Spielfilm "Singin' in the Rain", anschließend eine Fred-Astaire-Dokumentation/-Hommage. Frage: "Sowas guckst Du?" Antwort: "Klar, schließlich mag ich auch Kung-Fu-Filme." (Ganz abgesehen davon, dass gerade "Singin' in the Rain" auch für sich genommen mit seiner Verschachtelung verschiedener Ebenen nicht nur als Genre-Film, sondern auch als Film-Film sehr interessant ist.)

In beiden Genres (Tanzfilm/Musical und Martial Arts) geht es um ausgefeilte Choreographien und Körperbeherrschung. So wie Fred Astaire in seinen besten Momenten nicht an die Schwerkraft gebunden scheint, sondern sie nur zur Kenntnis zu nehmen scheint, gilt ähnliches auch für die großen Martial-Arts-Künstler. Als Hinweis darauf, dass Martial Arts und Tanzfilm/Musical verwandt sind, könnte man deuten, dass Gene Kelly nicht nur als athletisch-eleganter Tänzer, sondern auch als fechtender, raufender D'Artagnan eine mehr als gute Figur machte.

Sei's drum, jedenfalls hatte ich in den letzten zwei Wochen mal wieder eine kleine Kampfkunst-Film-Phase, die auch diesen vierten Teil von Film-Kurzbesprechungen hervorgebracht hat. Der "Untote und mehr"-Titel passt natürlich eigentlich nicht (auch wenn es wie den bereits erwähnten "Legend of the 7 Golden Vampires" oder "Shaolin vs. Evil Dead" durchaus Kandidaten gibt, die beide Genres kombieren). Aus Traditionspflege bleibt er aber bestehen.

Alla:

The Iron Monkey

"The Iron Monkey", nicht zu verwechseln mit "Iron Monkey" (s.u.), ist ein klassischer Kung-Fu-Film mit klassischer Rachegeschichte, der dem Titel entsprechend vor allem den Monkey-Kampfstil schön in den Vordergrund stellt. Dabei wirken die Kulissen und Drehorte vielleicht etwas realistischer als bei anderen Filmen aus der gleichen Zeit, aber auch hier hat der Meister den unvermeidlichen langen künstlichen Bart und fast genauso lange, künstliche Augenbrauen (vgl. die liebevolle Hommage an dieses Stilmittel in "Kill Bill"). Dass der Held der Geschichte einen Fürstenhof "undercover" infiltriert, um an den Ober-Bösling herankommen zu können, erinnert an den viel späteren "Hero". Erstaunlich und ungeöhnlich ist auch das offene Ende (das durch den Vorspann bereits vorbereitet wird). Ein feiner klassischer Kung-Fu-Streifen.

Meister aller Klassen

Dem jungen Jackie Chan in seinen Kung-Fu-Filmen zuzusehen, ist eine immer eine Freude, also so auch in "Meister aller Klassen". Während die Kung-Fu-Einlagen zu Beginn des Film typisch rhythmisch choreographiert sind und wirklich mehr an einen komplexen Tanz erinnern, ist der gut viertelstündige Endkampf zwischen Jackie Chan und dem bösen Meister erstaunlich brutal. Leider muss man, bis es so weit ist, auch hier durch einige bizarre Comedy durch, die so viele Hong-Kong-Filme für westliche Zuschauer so seltsam macht. Die zahlreichen ansehnlichen Kampfeinlagen entschädigen dafür aber (wie ebenfalls in vielen anderen Filmen).

Die unbesiegbaren der Shaolin / Snake & Crane Arts of Shaolin

"Die Unbesiegbaren der Shaolin" ist ein weiteres frühes Jackie-Chan-Werk, allerdings m.E. nicht eines seiner stärksten (etwa im Vergleich mit "Meister aller Klassen" oder "Drunken Master"), aus zweierlei Gründen: Zum einen ist die Geschichte etwas arg schwachbrüstig: Acht Shaolin-Meister entwickeln einen neuen Kampfstil, der Schlangen- und Kranich-Kung-Fu kombiniert und schreiben ihre Erkenntnisse in einem Buch nieder. Dann werden sie aber heimtückig vergiftet und nur einer der Meister überlebt und kann mit dem Buch fliehen. Als der junge Kämpfer Hsu Yin-Fung auftaucht, der scheinbar im Besitz des Buches ist, entbrennt um es ein Kampf zwischen etlichen verschiedenen Clans (in Wirklichkeit ist das ganze nur eine List, um den Mörder der Shaolin-Meister aus der Reserve zu locken).

Leider sind die zahlreichen Kämpfe, die sich in verschiedenen Konstellationen (teils mit Massen von Beteiligten) daraus ergeben, vergleichsweise (also in Relation zu anderen Jackie-Chan-Vehikeln Ende der Siebziger, Anfang der 80er) behäbig und zahm inszeniert und durchgeführt. Zum anderen werden etliche gute, vorhandene Gelegenheiten verschenkt, den verschiedenen Charakteren Tiefe zu verleihen. Selbst in überaus tragischen Momenten bleiben sie seltsam teilnahmslos. Schade. Hätte wirklich ein Klassiker werden können, so bleibt es bei einem ordentlichen Film für Genre-Fans.

Die Schlange im Schatten des Adlers / Snake in the Eagle's Shadow

"Die Schlange im Schatten des Adlers" hingegen ist ein veritabler Klassiker, vom gleichen Team wie "Drunken Master", nämlich mit Regisseur und Choreograph Woo-ping Yuen (siehe "Iron Monkey" unten) sowie Siu Tien Yuen wie dort als Jackie Chans Meister (hier allerdings im Schlangen-Stil) und wohl der Film, der Jackie Chan zum Martial-Arts-Star machte. Die Geschichts ist zwar nicht wesentlich spannender als die von "Die Unbesiegbaren der Shaolin", dafür sind die Kämpfe (wenn auch fast nur eins gegen eins) deutlich rasanter und spektakulärer choreographiert. Und wieder wird hier demonstriert, wie das Aufnehmen und Kombinieren verschiedener Einflüsse (hier: die Kombination von Schlangenstil und "Tigerklaue", vgl. "Snake in the Monkey's Shadow"...) gegenüber eingebildet-konservativen Puristen den Vorteil bringt.

Die unbesiegbaren Fünf / The Five Venoms

Viele der klassischen Kung-Fu-Filme spielen in einer ganz eigenen Welt. Sie scheinen immer in einem Reich zwischen Mittelalter und Neuzeit angesiedelt, die Farben, insbesondere das Blutrot, sind intensiver als im echten Leben, genauso die Schlag- und "Fahrtwind"-Geräusche in Kämpfen, die Bärte sind schnittiger und künstlicher. Dies gilt vor allem für Filme aus den Shaw Brothers Studios wie "Die unbesiegbaren Fünf", in dem die titelgebenden Charaktere wieder verschiedene Kampfstile repräsentieren, diesmal jeweils von giftigen Tieren inspiriert.

Das besondere an "Die unbesiegbaren Fünf" ist neben den eindrucksvollen Konfrontationen zwischen den verschiedenen Stilen zum einen die Tatsache, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse hier verschwimmen: Sowohl die Bösewichte als auch die Aufrechten stammen aus der gleichen Schule, beide Parteien tun geheimnisvoll und sind hinter dem gleichen wertvollen Artefakt her und unterscheiden sich nur in der Wahl ihrer Mittel. Bemerkenswert ist auch die sehr modernistische, schräge, aber effektive Filmmusik. Ein wahrer Shaw-Brothers-Klassiker.

Die 36 Kammern der Shaolin

Ein wahrer Shaw-Brothers-Klassiker ist auch "Die 36 Kammern der Shaolin" mit Gordon Liu, trotz der nicht gerade originellen Geschichte rund um den jungen San Te, der im Shaolin Tempel die Kampfkunst der Mönche erlernen möchte, um sich an einem oppressiven Manchu-General zu rächen. Dafür muss er in der harten Ausbildung die 35 Kammern der Shaolin durchlaufen, in denen jeweils andere Fähigkeiten trainiert werden. Dies gelingt im natürlich, die Bösen bekommen ihr fett weg, und San Te darf schließlich die 36. Kammer der Shaolin einführen und betreuen, in der auch Nicht-Mönchen Kung Fu gelehrt wird.

"Die 36 Kammern der Shaolin" ist nicht nur mit seinem filmischen Gang durch die 35 Kammern der vielleicht ultimative Kung-Fu-Trainingsfilm, sondern überzeugt auch sonst filmisch mit gelungenen Kulissen, noblen Aufnahmen und einer durchgängig ernsthaften Stimmung.

Leider im Gegensatz zum Folgefilm "Die Rückkehr zu den 36 Kammern der Shaolin", der in deutlich als solche zu erkennenden Kulissen spielt und seltsame Comedic-Relief-Nebenfiguren einführt, die für den Fortgang der Geschichte keine rechte Rolle spielen. "Die Rückkehr" ist von weder filmisch noch von der Geschichte und den Trainingssequenzen im Shaolin-Tempel her so überzeugend wie die "36 Kammern". Dafür ist die zweigeteilte, gut 20 Minutenlange Endkonfrontation von Liu mit den Bösen so hervorragend und spektakulär choreographiert, dass dies kaum noch etwas ausmacht.

Der dritte Film der Reihe schließlich, "Die Erben der 36 Kammern der Shaolin", wirkt von der Geschichte her besonders unschlüssig und zusammengeschustert. Die akrobatischen Fähigkeiten von Hauptdarsteller Hou Hsiao sind zwar bemerkenswert, aber die Kulissen sind endgültig zu künstlich und die Charaktere zu stereotyp. Zwar gibt es einen ordentlichen Massenkampf zum Ende, aber auch dieser erreicht nicht die Intensität der vorhergehenden Teile der "36 Kammern"-Trilogie.

Iron Monkey

"Iron Monkey" (1993) von Woo-ping Yuen, der seit einiger als Kampfchoreograph (die "Matrix"-Trilogie, "Tiger & Dragon", "Kill Bill 1 & 2", "Fearless", "Unleashed", "Fist of Legend", "Die Schlange im Schatten des Adlers", "Drunken Master" undundund) Kultstatus genießt, überzeugt vor allem mit sehr schönen Einstellungen in satten Blau- und Brauntönen. Die Kämpfe anläßlich der Robin-Hood-ähnlichen Geschichte sind eindrucksvoll komplex choreographiert und natürlich makellos ausgeführt, aber es wird dabei viel mit Wires und Effekten gearbeitet. Dazu kommt die etwas käsige künstliche Musik und manchmal eine leicht videoartige Optik, und es wird klar, warum kurz danach entstandene Filme wie "Hero" und "Tiger & Dragon", die von den Bildern her opulenter und nobler wirken, eine größere Breitenwirkung hatten, obwohl sie vom Prinzip her ganz ähnlich sind.

Five Shaolin Masters

Die Zerstörung des Shaolin-Tempels durch Manchu-Vasallen ist ein beliebtes Thema für Kung-Fu-Filme, so auch für "Five Shaolin Masters". Hier retten sich nach dem Überfall fünf Shaolin-Schüler vor den bösen Häschern und verbünden sich mit weiteren Han-Rebellen, um die bösen Manchu-Buben zu bekämpfen. Dabei müssen sie feststellen, dass ihre Kampfkunst nicht gut genug ist, um die Ober-Häscher zu besiegen. Also ziehen sie sich ein Jahr lang zum Trainieren zurück und machen einen neuen, diesmal erfolgreichen Anlauf - allerdings nicht ohne persönliche Opfer. Dies ist keine sehr originelle Geschichte, bietet aber den Vorteil, dass "Five Shaolin Masters" von Anfang bis Ende satt voll mit Kämpfen in verschiedenen Konstellationen ist, von Duellen bis hin Massenschlägereien.

Aber trotz der Mitwirkung einiger namhafter Stars wie David Chiang und Ti Lung fällt eines auf: Die Kämpf sind fast sämtlich weniger kinetisch und akrobatisch als die aus Filmen, die gerade mal ein paar Jahre später entstanden (ab der Five-Venoms-Zeit und vor allem seit dem jungen Jackie Chan) und die mehr Wow-Faktor bieten. Nichtsdestotrotz hat man auch hier die Gelegenheit, verschiedene Stilistiken (Mantis, Tiger & Crane, 10 Fists etc.) zu beobachten.

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