Tony Levin Band, Tom & Jerry, Backstage, München, 13.5.2006
Da sitzt man vor dem anberaumten "Tony Levin Band"-Konzert im münchener Backstage im Eingangsbereich des Geländes rum, kommt ein hagerer, beinahe schlaksiger Typ mit Schnäuzer zum Backstage-eigenen Döner- und Pommes-Stand und bestellt einen Vegi-Burger. Kein Wunder, dass er so ausgemergelt ausschaut. Upps, issich ja Levin höchstselbst, die charakteristische Glatze unter einer Baseball-Kappe versteckt. Auch andere erkennen ihn schließlich: Die zwei Typen, die wegen ihrer schweren Phototaschen wie Presse-Leute aussahen. Weit gefehlt. "Tony, do you have time to sign a few things for us." "Yeah, sure." Schwupps, die Taschen geöffnet, stapelweise CDs und Vinyl ausgepackt, um den Akt des "fetishising the inherent & delineated meanings" (Fripp zu Autogrammen und Personenkult) zu vollziehen. Levin wirkte jedenfalls erleichtert, als er just in diesem Moment zum Abschluß-Soundcheck gerufen wurde.
Gegen 20:30 begann das Konzert mit dem Duo Tom Griesgraber und Jerry Marotta, "Tom & Jerry" ("We like to call ourselves Griesgraber & Marotta"), und von allen Seiten hörte man die Erklärungen von Konzertgängern in Richtung ihrer anscheinend mitgeschleiften Kumpanen und vor allem Freundinnen: "Das Ding, das der eine da spielt, ist ein Chapman Stick". Diesen bediente Griesgraber in der Tat eindrucksvoll, weil er den Stick tatsächlich wie ein Piano spielt, also gleichzeitig als vollwertiges Begleit- und Melodieinstrument nutzt. Damit wirkt er eigentlich wesentlich umfassender und virtuoser als Levin am Chapman Stick, der diesen selten als Melodie-Instrument, sondern hauptsächlich bassartig benutzt, und wenn nicht, dann hauptsächlich vergleichweise perkussive Patterns spielt. Die Musik von Tom & Jerry war durchaus gefällig und recht melodisch, dabei aber charmant und mit manchen rhythmischen Haken. Vor allem nett auch der Moment, als Griesgraber mit Hilfe digitaler Riff-Schleifen eine komplette Gruppe emulierte.
Während des "Tom & Jerry"-Auftritts war die Backstage Halle noch recht leer, obwohl deren hinterer Teil schon mit einem Vorhang abgetrennt war. Allerdings könnte ich schwören, dass das Konzert ursprünglich für 21:00 angesetzt war; obendrein wurde es recht kurzfristig vom ein paar hundert Meter entfernten Backstage Werk in die Backstage Halle verlegt. Vielleicht deshalb füllte sich die Halle erst recht spät, dann aber für diese eher esoterische Band recht ordentlich: ca. 200-250 Zuschauer dürften es am Ende gewesen sein, allerdings hauptsächlich im Alter von 40+ Jahren. Ich bin inzwischen dran gewöhnt, bei vielen Konzerten den Altersschnitt zu heben - hier musste ich mir darum keine Sorgen machen.
Die "Tony Levin Band" begann vielversprechend mit einer vierstimmigen A-Capella-Nummer, eine angepasste Version von Levins "King Crimson Barber Shop", inklusive eines KC-Insider-Witzes in Bezug auf den photophoben Fripp ("You can take photooooos!" - und natürlich zückte daraufhin die komplette Band ihre eigenen Apparate und knipste das Publikum).
Anschließend war das Konzert aber für meine Begriffe wenig begeisternd: Eher routiniert als inspiriert wurde recht viele Nummern vom neuen Album gespielt, die aber fast sämtlich musikalisch wenig mitreißend ausfielen. Mal bluesig, mal poppig, mal hardrockig, aber jedenfalls harmlos. Bezeichnend war dafür die lahme, zahnlose und weder grundsätzlich noch arrangementtechnisch originelle Rock-Adaption des "Säbeltanzes" - vielleicht ich habe diesen auch einfach zu oft von volkstümlichen Akkordeon-Ensembles dargeboten gehört.
Obendrein handelt es sich bei den neuen Eigenkompositionen großteils um Nummern mit Gesang - und Levin ist nun mal kein begnadeter Leadsänger. Er singt OK, und als zweite oder dritte Stimme in mehrstimmigen Passagen ist er sicher hervorragend geeignet, aber solo hat seine Stimme zu wenig Aussagekraft und Charisma, um einen kompletten Song tragen zu können. Besser schon Jerry Marotta, der einige Vocals übernahm, mit dem Genesis-Cover "Back in N.Y.C." allerdings auch deutlich überfordert war. Übrigens beschreibt das obige "eher routiniert als inspiriert" auch dessen Schlagzeugspiel, symptomatisch für den gesamten Auftritt und ein weiterer Hinweis darauf, wieviel rockmusikalisch vom Schlagzeuger abhängt.
Gitarrist Jesse Gress war auch keine Offenbarung, sondern sein jauliger Stil wirkt auf mich eher krampfig. Und außerdem: Wozu zum Teufel braucht diese Band gleich zwei Keyboarder, insbesondere Larry Fasts Plastik-Quietsche-Klänge? Gut deshalb, dass zwischendrin immer wieder wechselnde Besetzungen auf der Bühne standen, auch mal ein Duo, Trio oder Quartett. Trotzdem war der Sound ohne Gehörschutz sehr matschig, dabei klirrend höhenlastig und obendrein zu kräftig, was auch durch einen "Zu laut!"-Ruf aus dem Publikum gleich beim Titelstück von "Pieces of the Sun" bezeugt wurde.
Das wir uns bei dem ganzen Gemoser nicht falsch verstehen: Schlecht war das Konzert nicht, nur leider auch in keiner Weise ein Live-Höhepunkt. Vielleicht stehe ich mit dieser Einschätzung auch alleine da, denn anscheinend waren die auf die Tour mitgebrachten Tony-Levin-Band-CDs samt und sonders ausverkauft.
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Kommentare
Udo, alte Miesmuschel ;-). Show war solide bis geil, Tony Levin aus zwei Meter Entfernung bei der Arbeit zuzusehen, ist immer ein Hochgenuss, und die songorientierten neuen Sachen kommen live bis auf Ausnahme des überflüssigen "What would Jimi do?" sehr viel besser als auf CD.
Bildmaterial an gewohntem Ort :-)
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