Thinking Plague, Cairo, Würzburg, 1.4.2008
Ober-Freak Charly Heidenreich lud mal wieder ins Kulturhaus Cairo in Würzburg, und immerhin etwa 50 abenteuerlustige Hörer tauchten auf, um den US-amerikanischen Avantgarde-Rockern Thinking Plague zu lauschen. Unsere eigene Anreise war zwar staugeplagt, was wenigstens in einer Punktlandung zum Konzertbeginn um 21:00 resultierte. Und sich lohnte, denn Thinking Plague lieferten einen hervorragenden Auftritt ab, in dem Mike Johnsons überaus verzwickt, schräge Songs (denn um solche handelt es sich - meistens - trotz aller Komplexität) beeindruckend souverän sowie druckvoll und mitreißend dargeboten wurden.
Gegenüber den auch hervorragenden Studio-Alben bemerkenswert war aus meiner Sicht vor allem, dass live viel sicht- und hörbarer war, was für ein großartiger Gitarrist Johnson ist, der im Übrigen wie ein gütiger Lehrer aussieht - und zumindest im "echten" Leben auch Lehrer ist. Auf den CDs stehen die Kompositionen so sehr im Vordergrund, dass man an dieser Tatsache leicht vorbeihören kann.
Schlagzeuger Dave Kerman gab den gewohnten Showman, der alles benutzte, was nicht niet- und nagelfest wa, um es zur Percussion umzufunktionieren, von Tassen, Tellern über Möhren und Äpfel bis hin zu seinem eigenen Kopf. Dieses Getue könnte leicht in Gepose ausarten. Tut es aber nicht, vor allem deshalb, weil Kerman gleichzeitig die wirklich schwer vertrackte Rhythmik der Musik so scheinbar mühelos (aber auch ungemein kraftvoll) bewältigt.
Die aktuelle Tour-Besetzung von Thinking Plague ist sowieso eine All-Star-Truppe, neben dem exzellenten Stammbläser Mark Harris, der ein beeindruckendes, bemerkenswertes Altsaxophon-Solo-Spotlight mit unglaublichen Multiphonics bekam: Bassist Dave Willey von Hamster Theatre, Sängerin Elaine DiFalco von Hughscore und Keyboarder Stevan Tickmayer von der Science Group, dazu Tontechniker Udi Koomran, der wieder einmal einen hervorragenden (und diesmal nicht zu lauten - vgl. Present bei früheren Freakshow-Festivals) Live-Sound herbeizauberte.
DiFalco war eine mehr als würdige Vertretung der eigentlichen Thinking-Plague-Sängerin Deborah Perry und navigierte die ebenfalls sehr anspruchsvollen Gesangslinien voller Sprünge über einer wenig hilfreichen komplexen Begleitung mühelos.
Mein persönlicher Gott des Abends war aber Stevan Tickmayer. Anfangs machte der wie ein typische Geek von nebenan aussehende, in Frankreich lebende Hungaro-Jugoslave im Thinking-Plague-Gesamt-Sound wenig Eindruck, was sich aber im Laufe des Konzertes zunehmend ändert. Speziell nach seinem atemberaubenden Keyboard-Solo-Spotlight bin ich schwer versucht, ihm einen kleinen Hausaltar inklusive Räucherstäbchen aufzubauen.
Ich besitze Tickmayers Solo-Album "Repetitive selective removal of one protecting group" und war immer der festen Überzeugung, dass die überwiegend verstandfickend komplexen, rasend schnellen Stücke darauf nur komplett MIDI-programmiert sein könnten.
Ich muss zugeben: Falsch gedacht. Unglaublich.
Und das i-Tüpfelchen auf einem tollen Konzertabend.
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