The World's Greatest Sinner
Der zweite Film neben "Run Home Slow", für den Frank Zappa vor seiner "Mothers"-Zeit die Musik verantwortete, war die bizarre Timothy-Carey-Produktion "The World's Greatest Sinner". Carey war in Hollywood vor allem als sogenannter Charakterdarsteller in Nebenrollen bekannt und wurde unter anderem dreimal von Stanley Kubrick angeheuert, "The World's Greatest Sinner" war ein Projekt, an dem er seit dem Ende der 50er mehrere Jahre arbeitete, bevor der Film 1962 fertiggestellt wurde - und nach seiner Premiere prompt in der Versenkung verschwand und heutzutage nur noch gelegentlich bei Kultfilm-Nächten gezeigt wird.
Honey, he's no beginner.
I said, the world's greatest sinner.
Ah, he's the world's greatest sinner.
As a sinner he's a winner.
Carey spielt in "The World's Greatest Sinner", durch den übrigens der Teufel in Form einer Schlange als Erzähler führt, den Versicherungsverkäufer Clarence Hilliard, der eines Tages genug von seinem langweiligen Leben hat und in einer Epiphanie erkennt oder beschließt (genau wird nie erklärt, wie er hinter dieses scheinbare Geheimnis gekommen ist und was es tatsächlich ausmacht), dass jeder Mensch selbst ein "super human being" sein kann, dass der Mensch keinen Gott braucht, sondern jeder selber einer ist und unsterblich sein kann und dass der Menschheit dafür nur die Augen geöffnet werden muss. Also schmeißt er seinen Job hin und beschließt, in die Politik zu gehen, um genau dies zu schaffen.
Aber erst ein Besuch eines Rock'n'Roll-Konzertes und die Erfahrung der dortigen Ekstase des Publikums und der Musiker zeigt ihm einen Weg auf, wie der die Menschen wirklich für seine Ziele begeistern kann. Also schnallt er sich eine Gitarre um, sucht sich eine Begleitband, nennt sich foran "God Hilliard" und bringt fortan seine selbstgeschriebenen und -gedruckten Pamphlete bei Konzerten unter's Volk, bei denen er im Goldlamé-Anzug als eine Mischung aus Elvis (inklusive bizarrer Schüttelkrämpfe) und charismatischem Prediger auftritt, der sein Publikum zur Raserei bringt. Aber schnell wird aus diesen Graswurzel-Aktionen eine tatsächliche politische Bewegung, die "Eternal Man"-Partei, die Hilliard als "God" führt, und deren Anhänger ein auf ihre Ärmel gesticktes "F"-Emblem (für "Follower") tragen. Die Rock'n'Roll-Events werden durch agitierende Reden vor Menschenmassen ersetzt, die in ihren sich überschlagenden Stimmmelodie und düsteren, krampfhaften Posen und Gesten klar nach dem Vorbild faschistischer Dikatoren modelliert sind.
Als aber erst seine geliebte Mutter stirbt und anschließend seine katholische Frau und kleine Tochter ihn angesichts seiner Blasphemie konfrontieren und zum rechten Weg zurückbringen wollen, verliert Hilliard die Fassung und schlägt seine Tochter. Anschließend befallen ihn aber Selbstzweifel, und nach einer Messe stiehlt er aus einer Kirche eine Hostie, die er zurück in seinem Zimmer mit einer Nadel durchsticht und bricht, um von Gott, falls es ihn doch gibt, ein Zeichen zu verlangen. Erst passiert nichts, und Hilliard triumphiert irre lachend. Aber schließlich ergiesst sich aus seinem Zimmer ein Blutbach, und als Hilliard diesem Folgen hinein stürzt, wird er von einem gleißenden Licht geblendet. Film rum.
Seltsame Sache, das ganze, deutlich Do-it-yourself, mit abrupten, desorientierenden Schnitten von einer Szene zur nächsten und ständigen Sprüngen in der Ton-Qualität und Lautstärke der Dialoge. "The World's Greatest Sinner" lebt ganz klar von Careys unbestreitbarem Charisma, seiner düsteren Ausstrahlung, wenn er mit falschem Kinnbart, schweißverklebt und mit stechendem Blick seine nietzscheanischen Ideen verbreitet. Vielleicht ist das ganze ein düster-satirischer Blick auf die Verquickung von Entertainment, Religion und Politik, vielleicht auch nur leicht größenwahnsinniger Murks.
Zappas musikalischer Anteil ist - gefühlt - etwas weniger als bei "Run Home Slow". Neben der oben zitierten Eröffnungsnummer, die auch unter dem pseudonymigen Bandnamen "Baby Ray & The Ferns" (wegen Sänger Ray Collins, auch eine spätere "Mother") als Single veröffentlicht wurde, gibt es allerdings auch hier etliche orchestrale Passagen, die zwar alles in allem etwas geradliniger und typisch symphonischer erscheinen, aber ebenfalls Zappas späteren Stil bereits deutlich anklingen lassen. Tatsächlich wurden einige der Themen für spätere Kompositionen Zappas wiederverwendet.
Als Film ist "The World's Greatest Sinner" trotz seiner Schwächen sicherlich interessanter als "Run Home Slow", während dieser musikalisch vielleicht etwas ergiebiger ist.
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