04.02.2006

The Fabulous World of Jules Verne

Vor langer Zeit, lange bevor fürchterliche fleischfressende Riesenechsen und behende Killersaurier verhuschte Säugetiere in urwüchsigen Wäldern auf ihren Speiseplan setzten, also lange vor "Jurassic Park", gab es einen tschechischen Jugendfilm namens "Reise in die Urwelt". Darin folgte eine Gruppe Jugendlicher dem Lauf eines versteckten Flusses und geriet dabei immer tiefer in scheinbar auf vergangenen Entwicklungsstufen stehen gebliebene Landschaften und trafen auf deren tierische Bewohner.

Diese "Reise in die Urwelt" von 1955 lief früher etliche Male im öffentlich-rechtlichen Nachmittagsprogramm, und die Stop-Motion-Animationen, die die vorkommenden Dinosaurier zum Leben erweckten, brauchen sich auch nicht vor der später vielgelobten Arbeit von Ray Harryhausen und Co. zu verstecken. Regisseur war ein gewisser Karel Zeman, der für eine ganze Reihe tricktechnisch wegweisender tschechischer Produktionen verantwortlich war, unter anderem für mehrere Jules-Verne-Verfilmungen (wobei auch "Reise in die Urwelt" ganz klar von Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde" beeinflusst ist) wie "The Fabulous World of Jules Verne" (US-Titel), eine Kino-Version von "Die Erfindung des Verderbens", in der aber auch - gerade zu Beginn, als die Gesellschaft der Zukunft vorgestellt wird - Motive anderer Verne-Erzählungen aufgenommen werden.

Um die eindrucksvolle und außergewöhnliche Optik des Films mit einem einprägsamen Schlagwort vermarkten zu können, erfand der amerikanische Verleih dafür den Begriff "Mysti-Mation". Tatsächlich wird eine Reihe verschiedener Techniken (gemalte Hintergründe, Kombination verschiedener Aufnahmen in einem Bild, Modelle, Stop-Motion, Zeichentrick, Pappkulissen und natürlich Aufnahmen von Schauspielern und Schauplätzen) benutzt, um die Bilder des Films so weit wie möglich an die Kupferstiche anzunähern, die in früheren Ausgaben die Bücher Vernes illustrierten. Dies gelingt eindrucksvoll und macht "The Fabulous World of Jules Verne" recht einzigartig. Die altertümliche Optik (bei der auch die typischen Streifen solcher Stiche emuliert werden) trägt hauptsächlich zur sehr eigenen, surrealen Atmosphäre des Films bei.

Hierbei handelt es sich eigentlich um eine Art Vorläufer des erst viel später so benannten Steampunk-Genres (siehe etwa Gibsons/Sterlings "Difference Engine" oder Garfinkles "Celestial Matters") und von Filmen wie "Sky Captain and the World of Tomorrow", in der die technische Entwicklung in der Vergangenheit anders gedacht und die Folgen daraus beschrieben werden.

In Vernes viktorianischer Welt gibt es bereits Luftschiffe und U-Boote, und der brilliante, aber von seinen Geldgebern unter Druck gesetzte Wissenschaftler Professor Roche arbeitet daran, eine Energiequelle von gewaltiger Kraft zu entwickeln. Der moderne Freibeuter Artigas entführt Roche und dessen Assistenten Simon Hart aus Roches Küstenresidenz mit seinem U-Boot und bringt den etwas naiven Professor mit List (und der Tatsache, dass er ihm nahezu unbeschränkte Mittel zur Verfügung stellt) dazu, seine Erfindung fertig zu stellen, die Artigas aber nicht wie vom Professor gedacht zur Energieversorgung, sondern als Waffe nutzen möchte. Wer das liest und nicht "Atombombe" denkt... Jedenfalls stellt "The Fabulous World of Jules Verne" die positiven Errungenschaften der Technik und deren Gefahren gegenüber und illustriert, was passieren kann, wenn nur mit ihrer Wissenschaft beschäftigte Forscher in die Hände der falschen Mächtigen geraten.

Nicht nur solche zeitkritischen Gedanken, die in einer fiktiven, technologisch fortschrittlichen Zukunft spielen, weisen die Verne'schen Fantasien als ScienceFiction aus, auch ohne eine Reise in den Weltraum werden ganz typische Motive umgesetzt, etwa auf der U-Boot-Fahrt von Roches Zuhause zu Artigas' Inselfestung: menschliche Wesen in einer feindlichen Umwelt, nur hier eben unter Wasser statt im Weltraum: das U-Boot übernimmt die Rolle des Raumschiffs, statt Raum- gibt es Tauchanzüge, statt Jet-Packs Unterwasserfahrräder, statt Außerirdischer nicht minder exotische Unterwassermonster.

Obwohl das Ende der Geschichte etwas überhastet erscheint und die Struktur der zugrundeliegenden Geschichte - jedenfalls heutzutage - nicht sonderlich originell ist, ist "The Fabulous World of Jules Verne" vor allem durch die nach wie vor recht einzigartige Optik beeindruckend. Auch später verfilmte Zeman weitere Ideen und Geschichten Vernes, teilweise mit ähnlichen Techniken, etwa 1970 "Auf dem Kometen". Dieser ersetzt aber die beschauliche viktorianische Verstaubtheit von "Die Erfindung des Verderbens" durch bizarre, psychedelische Seltsamheit, wohl passend zur Entstehungszeit.

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