The Dillinger Escape Plan, Poison The Well, Burst, 17.11.2004, Backstage, München
Gestern war wieder einmal einer jener Abende, an denen ich mich trotz meiner nur xx Lenze ziemlich alt fühlte: ähnlich wie bei vielen Veranstaltungen im Kafe Kult waren 90% des Publikums beim The Dillinger Escape Plan Konzert im gut gefüllten Backstage ausreichend jünger, um mir bewusst zu machen, dass ich wenn nicht auf den Herbst, so doch auf den Sommer meines Lebens zugehe. Naja. Sommer ist auch eine schöne Jahreszeit. Meistens. Manchmal. Bemerkenswert fand ich, wie relativ reserviert das Publikum grossteils wirkte. Ausser den fröhlich hüpfenden ersten zwei Reihen war wenig Bewegung geboten, auch die paar Stagediving-Versuche wirkten eher halbherzig. Von mir altem, sowieso deplatzierten Sack ist nichts anderes zu erwarten, aber die jungen Hüpfer hüpften erstaunlich wenig.
Der Abend wurde eröffnet von Burst aus Göteburg, denen man die schwedische Herkunft deutlich anhörte. Neben heftig krachenden Hardcore- und Metal-Passagen schlichen sich immer wieder melancholische, sogar ansatzweise hymnische Passagen in ihre Stücke ein, die die halbe Stunde ihres Auftritts abwechslungsreich und kurzweilig vorübergehen liessen. Nur bleibt leider auch bei Burst erhalten, was mir - so sehr ich die Musik an sich gelegentlich schätze, da sie oft nicht nur hart und heftig, sondern durchaus vertrackt und technisch anspruchsvoll ist - bei Hardcore-Bands fast immer sauer aufstößt: der Anti-Gesang. Ich weiss, ich weiss: des ghört so. Aber warum? Ich glaube, die emotionale Wirkung vieler der Stücke wäre wesentlich grösser, wenn nicht nur pseudowütend gebellt würde, sondern zwischendurch auch einmal eine richtig feine Gesangsmelodie erklingen würde. Und wenn das abgeschmockt ist: ja und? Gerade Burst würden in ihren melodischen Passagen durch Gesang statt "Gesang" deutlich gewinnen. Unwillkürlich musste ich fragen, wie diese Musik klingen würde, wenn kein Halbstarker rumkreischen, sondern Bancos Fracesco Di Giacomo anrührend singen würde. Ich glaube, das wäre eine nicht nur ungewöhnliche, aufsehenerregende Kombination, sondern auch einfach richtig gut.
Poison The Well haben bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie wirkten etwas metallisch-normaler, weniger mitreissend, hatten aber den Vorteil, dass der Sänger wenigsten gelegentlich so tat, als sei er einer.
The Dillinger Escape Plan spielten danach, etwa eine Stunde ohne Zugabe. Dabei ging auf der Bühne - nicht nur musikalisch - ganz schön die Post ab. Dillingers Mix aus atemberaubenden technischen Passagen, unerwarteten Breaks und purer Power kommt nicht nur auf Platte, sondern auch live hervorragend, insbesondere ab dem zweiten Drittel. Eindrucksvoll wie das Ganze war: zwei Dinge würden Dillinger von ziemlich cool nach sehr, sehr cool katapultieren.
Zum einen bin ich kein grosser Freund exzessiven Bühnengehampels. Besonders der linke Gitarrist (sorry, ich bin mit der Band nicht vertraut genug, um zu wissen, welcher Gitarrist zu welchem Namen gehörte) mit seinem Gitarre-Hochreissen, über die Monitorboxen- und überhaupt quer über die Bühne flitzen, ging mir zum einen ansatzweise auf die Nerven, zum anderen finde *ich* es intensiver und kraftvoller, wenn die Band einfach rumsteht, als wenn krampfhaft Dynamik via Bewegung demonstriert werden muss. Und so wirkte es: das war nicht nur spontaner körperlicher Ausdruck, sondern da war Gepose im Spiel.
Ausserdem: Dillinger sollten instrumental werden und bleiben. Ihre Musik ist so reichhaltig und abwechslungsreich, dass ich mir nicht nur wünsche, sie hätten einen Sänger statt einem "Sänger", sondern dass sie störenden, instrumentale Finessen übertünchenden Gesang ganz weglassen würde. Das wäre immer noch satt spannend.
Weitere aktuelle Beiträge
- 08.02.2009 - 13:36
- 04.02.2009 - 10:11
- 20.01.2009 - 16:49
- 14.01.2009 - 14:21
- 11.01.2009 - 16:42
Audio-Beiträge
- 24.11.2008
- 24.10.2008
- 23.07.2008
- 01.06.2008
- 08.04.2008
Bildergalerien
- 11.01.2009
- 12.11.2008
- 16.10.2008
- 30.09.2008
- 15.09.2008
Kommentare
Kommentar hinzufügen