30.11.2005

The Claudia Quintet, Unterfahrt, München, 29.11.2005

Es kommt nicht gerade oft vor, dass wir in Deutschland eine Cuneiform-Band live bewundern können: zu seltsam oder zu insidermäßig, zu weit weg. Das Claudia Quintet hat's allerdings etwas besser, schließlich gehen sie als Jazz durch. Und Jazz hat ein Publikum. Kein Massenpublikum (abseits der großen Namen jedenfalls), aber eine Stammklientel und entsprechende Veranstaltungsorte.

Außerdem ist Jazz "Kultur"... Die Konzertreihe "Fat Tuesday" im Münchner Unterfahrt, deren letztes Konzert der Claudia Quintet-Auftritt war, wird "unterstützt von Kulturstiftung der Stadtsparkasse München". Und wenn noch jemand zweifelt: gestern abend war sogar der Deutschlandfunk anwesend um mitzuschneiden; die Aufzeichnung wird voraussichtlich im Februar 2006 gesendet, und Bayern 4 sendet im nächsten Jahr ein Portrait von Claudia-Schlagzeuger und -Bandleader John Hollenbeck. Jetzt würde ich mir nur wünschen, dass die Kulturstiftung der Stadtsparkasse München demnächst etwa Present oder Univers Zero sponsort und ein Doppelportrait von Daniel Denis und Roger Trigeaux im Radio läuft. Allein, mir fehlt der Glaube.

Das Unterfahrt war jedenfalls sehr gut gefüllt. Fast jeder der Tische war reserviert, und schließlich auch jeder besetzt, als das Konzert gegen 21:15 mit leichter Verspätung begann. Die Musik des Claudia Quintets ist eine durchaus originelle Mischung aus Jazz, Kammermusik und modernen Elementen. Besonders Hollenbecks bestimmtes, vergleichweise rockiges (im Claudia-Umfeld von Kontrabass, Tenor-Sax/Klarinette, Vibraphon und Akkordeon jedenfalls) Schlagzeugspiel fügt dem eine urbane Note hinzu: viele seiner Rhythmen scheinen mir durch Drum'n'Bass-Ästhetik, ja sogar Hip-Hop-Grooves inspiriert, natürlich durch den Fleischwolf ungerader Taktarten und vieler Rhythmuswechsel gedreht. Vielleicht ist er aber auch nur von den gleichen Jazz-, Soul- und Funk-Klassikern beeinflusst, bei denen sich Rap-Künstler so gerne via Samples bedienen.

Sanft schwebende Passagen gab es ebenso wie druckvoll Rhythmisches und leichte Freiform-Anflüger mit sanfter Instrumentalexperimentation (Kontrabass mit Klöppeln gespielt, Vibraphon mit zwei Bögen gestrichen und co.). Herkömmliche Mainstream-Jazz-Passagen und Soli waren eher selten, und die verspielten, vielteiligen Kompositionen sowie die ungewöhnliche Besetzung sorgen für einen erfrischend eigenen Sound, der durch die launischen Ansagen Hollenbecks begleitet wurde. Allerdings wirkte Akkordeonspieler Ted Reichman immer wieder mal ein wenig verloren auf der Bühne - ehrlich gesagt glaube ich, dass die Musik ohne das Akkordeon genauso gut funktioniert hätte.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie auch ein akustisches Ensemble in der Livesituation wesentlich fetter und druckvoller und damit mitreissender wirkt als auf den Studioaufnahmen, die im Gegenzug eine stärkere Detailtiefe ermöglichen. Entsprechend reagierte das Publikum sehr freundlich, wenn auch nicht restlos enthusiastisch, und es gab sogar Applaus für eine zweite Zugabe, die allerdings - ich nehme an mangels Material - nicht mehr kam, und die Band verabschiedete sich mit einer gemeinsamen Verbeugung von den Zuhörern.

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