The Aristocrats
Ein Witz. Hundert Comedians. Ein Film? Yep: "The Aristocrats", eine Dokumentation über den gleichnamigen Witz, den sich US-Komiker seit Generationen gegenseitig erzählen (und praktisch nie vor Publikum, weil: 1. Auf der Bühne Witz-Witze zu erzählen gilt als künstlerische Bankrott-Erklärung; 2. Den Inhalt des Witzes würde man eher selten einem Publikum vorsetzen, das auch in die nächste Show kommen soll). Dabei ist der Witz als solcher nicht einmal sonderlich lustig, sondern die Kunst besteht aus dem Erzählen. Und genau das tun im Film dutzende Comedians und philosophieren über die Faszination von "The Aristocrats".
Darunter sind neben etlichen hauptsächlich in den USA bekannten Komikern, Journalisten und Produzenten auch hierzulande mehr oder weniger bekannte Namen wie Robin Williams, Whoopi Goldberg, Carrie Fisher (a.ka.a Prinzessin Leia), Kevin Pollack (der allerdings imitiert, wie Christopher Walken den Witz erzählt), Paul Reiser (Mad About You), Eric Idle (Co-Monty-Pythan Terry Gilliam wurde ebenfalls interviewt, allerdings gab es bei der Aufnahme Probleme mit dem Ton; im Bonus-Material der DVD gibt Co-Produzent Penn Jillette aber eine Zusammenfassung davon), Jason Alexander (Seinfeld), Bob Saget (Full House).
Die Standversion des Witzes hat einen mehr oder weniger festgelegten Anfang und eine feste Punchline/Pointe. Alles was dazwischen kommt, bleibt komplett der Fantasie und Improvisationskunst des Erzählenden überlassen.
Die Ausgangssituation: Eine Familie, meist, aber nicht zwingend Vater, Mutter, Tochter, Sohn und Hund, kommt in eine Künstleragentur, um sich zu bewerben. Der Agent bittet sie, ihre Auftritt vorzuführen.
Dann: Improvisation. Und zwar mit dem Ziel, sich die krassesten Akte auszudenken, die man sich überhaupt auf einer Bühne vorstellen kann, nach Möglichkeit unter Einbeziehung aller denkbaren Sexualpraktiken, sämtlicher Körperflüssigkeiten und Exkremente. Je vulgärer, abstossender und bizarrer, desto besser.
Die Punchline: der Agent ist geschockt und fasziniert zugleich: "Und wie nennt Ihr Eure Truppe?". Der Vater: "The Aristocrats". Tataa.
Wie gesagt: so beschrieben ist das Ganze nicht sonderlich witzig. Aber wenn einige der besten Komiker der Welt richtig in Fahrt kommen, mit dem Ziel, sich selbst und sämtliche vorherigen Versionen des Witzes zu übertreffen, wird's trotzdem spannend.
Die Struktur des Witzes gleich einem Jazz-Standard: festgelegte Kopfteile, dazwischen Improvisation. Und es ist faszierend, wie einzelne der Protagonisten dem Witz ihren eigenen Stempel aufdrücken und in dabei teilweise stark abwandeln. Auch dafür trägt der Musik-Vergleich: es gibt drastisch veränderte Arrangements (in dem z.B. die Art des Mittelteils und die Punchline quasi auf den Kopf gestellt werden, der Witz als Beschreibung einer geplanten TV-Serie umgestrickt wird, zwei Freunde über den Besuch in einer Varieté-Show reden, der Witz von einem Pantominen ohne Wort oder einem Zauberkünstler als Kartentrick(!) vorgeführt wird); sogar eine Zeichentrick-Version mit den South Park Jungs ist darunter.
Dass das ganze nicht jedermanns Sache sein dürfte, ist klar. Aber auf jeden Fall bietet "The Aristocrats" einen faszinierenden und, die entsprechenden Humor-Sensoren vorausgesetzt, hochkomischen Einblick in die US-Comedy-Szene. Vielleicht ist der Film ein paar Minuten zu lang, da nicht alle Interviews gleich interessant und alle Versionen des Witzes gleich lustig sind, aber das wird durch die zahlreichen Highlights großteils aufgewogen. (Und im umfangreichen Bonus-Material der DVD-Ausgabe gibt es noch mehr, ausführlichere und andere Versionen...)
PS: Eine Version für Zappa-Fans gibt es auch.
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