21.07.2005

Testadeporcu & Squartet, Kafé Kult, München, 20.7.2005

Das Kafé Kult ist mir der liebste Veranstaltungsort in München? Wo sonst gibt es regelmäßig - wenn auch nicht immer - interessante Musik in uriger Atmosphäre, zu fairen Eintrittspreisen (5-7 Euro in der Regel) und nicht-alkoholische Getränke für 1,- (in Worten: "ein") Euro sowie Bier für 2,- Euro das Stück? Ich frage mich nur, wie sowohl der Laden als auch die Bands dies finanzieren. Nicht zum ersten mal tummelten - eher "nicht-tummelten - sich gestern abend gerade mal 10-12 zahlende Besucher beim Doppel-Konzert der italienischen Bands Squartet und
Testadeporcu.

Vielleicht lag es an der die Allgemeinheit oder zumindest das typische Kult-Publikum abschreckenden Stilbeschreibung "Jazzcore"? Genrebezeichnungen sind erfahrungsgemäß immer eine umstrittene Sache und sind im Laufe der Musikgeschichte aus dem Boden geschossen oder vom Himmel gefallen wie die Pilze im Herbst oder die Regentropfen bei... äh Regen eben, je nach Gusto des Bezeichnungprägenden. "Jazzcore"? Was soll das sein? Ich würde spontan an die Vereinigung von Hardcore und Jazz denken. Zumindest Squartet kann man teilweise so beschreiben: härtere Passagen mit verzerrtem Bass und kräftigem Schlagzeug treffen auf eine jazzig gespielte semiakustische Gitarre. Die Kompositionen sind gelegentlich funkig-groovend, andere Male manisch komplex. Trotzdem: der "Hard"-Teil vom "Hardcore" kann eigentlich nicht gemeint sein, denn so heftig war's nicht. Schräg: gelegentlich schon. Ekstatisch und energetisch: fast immer. "Jazz" als solcher war allerdings auch nur in geringer Dosis enthalten, vor allem durch Teile der Gitarrenarbeit, eine Dizzy Gillespie-Bearbeitung ("A Night in Tunesia") und gelegentlich freieres Spiel bei insgesamt aber eher geringem Improvisationsanteil. Fantasiegenre-Name hin, musikalisch Sektion her: sehr gut waren "Squartet" dank abwechslungsreicher, verspielt-komplexer Kompositionen, hoher Bühnenenergie und sehr guter Instrumentalisten auf jeden Fall.

Auch Testadeporcu - übrigens mit Schlagzeuger Claudio Trotta von Deus Ex Machina - waren hervorragend, wenn auch musikalisch anders gelagert: ein weiterer Eintrag in der eher überschaulichen Liste der mir bekannten Bass-Schlagzeug-Duos. Ihre großteils hektische Musik ist hochkomplex, mit vielen ungeraden Takten, ständigen Stops und Starts und vielen verschiedenen Teilen, die in kurze und kürzeste Nummern gepresst sind. Teilweise wurden die Zuhörer vom Schluß des jeweiligen Stückes so überrascht, dass erst nach dem "Grazie" eines der Bandmitglieder klar war, dass man jetzt applaudieren konnte (und wollte!). Auch hier: kraftvoll verzerrter Bass und kraftvoll, aber überaus filigrane Schlagzeugarbeit. Dazu unverständliche Vokalisen, teils gebellt, teils gesungen. Manchmal ließen sich Testadeporcu vielleicht zu wenig Zeit: viele der interessanten Riffs hätten es sehr gut vertragen, auch mal ein paar Takte länger wiederholt zu werden, aber Groove und Fluss wurden wohl bewusst vermieden, der Eindruck von Zerfahrenheit und Zerissenheit scheint gewollt.

Beide Bands sind in den nächsten Tagen weiter in Deutschland unterwegs. Wer auf abenteuerlichere Klänge mit einem gewissen Rotzfaktor steht, sollte die Gruppen unterstützen, damit ihre erster Deutschlandausflug nicht auch ihr letzter bleibt. Details zur Tour finden sich auf der Jazzcore Inc-Website. Und wer die Bands noch weiter unterstützen will, kauft einen ihrer Tonträger (vor Ort für je läppische 10,- Euro): sowohl das Album von Squartet als auch das von Testadeporcu ist exzellent und fängt die Energie und Lebendigkeit der Live-Aufführung ein. Meine Empfehlung!

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