29.05.2006

Tarantula A.D., Monofaktur, München, 25.5.2006

Memo an selbst: Nie vor 21:30 zu einem Konzert in die Monofaktur.

"Ab 20:00" stand auf der Monofaktur-Website. Na denn, pünktlich dagewesen - und vor verschlossener Tür gestanden. Immerhin, Soundcheck-Geräusche waren zu hören. Neben den nur vier weiteren wartenden potentiellen Konzertbesuchern erster Hinweis darauf, dass es aber auch ein bisschen später werden könnte, waren die verstreuten Monofaktur-Mitarbeiter, die nach und nach eintrudelten und selbst erst per Handy-Anruf nach drinnen Einlass begehren mussten. OK. Also die Sonnenstraße hoch und runter getigert, Schaufenster voller Hochzeitskleider, indischem Nippes oder Kreditangebote studiert, einen Abstecher zum den Hamburger Fischmarkt am münchener Sendlinger Tor gemacht. 20:30, endlich, die Tür geht auf.

Fast bin ich mit der unnötigen Warterei versöhnt, als im Inneren der so gut wie leeren Monofaktur vergleichsweise schräger Post-Bop-Jazz läuft (könnte Thelonious Monk gewesen sein, mal ins Blaue geraten). Aber anscheinend rechneten auch die Angestellten nicht mit einem baldigen Beginn: Der Barmann flipperte, die Garderoben-Dame liest. Klasse Maßnahme, das, denn als alter Pendler habe ich natürlichlich immer etwas zu lesen dabei, hocke mich also auch mit Robert Todd Carrolls "Skeptic's Dictionary" an die menschenverlassene Bar, nachdem die zweiköpfige Kassen-Crew auf Nachfrage hin bestätigt, dass es normalerweise gegen 21:30 los gehe, man heute aber eher mit 22:00 Uhr rechne. Toll.

Die eher kleine Monofaktur schlägt im Inneren in eine ähnliche Kerbe wie das Atomic Café, allerdings abgewetzter, verlebter, weniger schickeriaig, damit prinzipiell sympathischer, namentlich: Club-Atmosphäre mit Faux-60s-Chic, tiefrote Wandbemalung, altertümliche Lampen an den Wänden und Decken, Disco-Kugel, abgerundete Raumecken. Die eher kleine Bühne ist im Inneren des Raums rechter Hand des Eingangs platziert, dahinter eine Reihe mit Hörsaal-/Schul-Plastikstühlen mit kleinen fest installierten Schreibunterlagen, rechts davon eine Sitzecke mit Tischen und couchartigen Wandmulden, dazu zwei Bars.

Nach und nach trudelten weitere Gäste ein, allerdings wieder einmal frustrierend wenige. 22 oder 23 zahlende Zuhörer dürften es schließlich gewesen sein - genau konnte ich nicht auseinander halten, wer zum Monofaktur-Stab gehörte und wer nicht. Von diesen wenigen schien ein selbst für das kosmopolitisch angehauchte München überproportional großer Anteil aus englischsprachigen bzw. amerikanischen Gästen zu bestehen. Anscheinend sind Tarantula A.D. in ihrer Heimat populärer als hierzulande, was zugegebenermaßen kein Kunststück wäre.

Gegen 22:15 ging schließlich das eigentliche Konzert los, nach dem ich mit Hilfe des Buchs und mitgehörter Bargespräche (Barmänner können nicht nur flippern, sondern sind anscheinened gelegentlich auch studierte Maler, die im Moment, wenn sie nicht hinter Bars stehen, als Pianisten arbeiten) eine weitere Stunde Wartezeit rumbekommen hatte. Tarantula A.D. traten im Trio auf, allerdings wirkte jeder Beteiligte im Laufe des Konzertes an mehreren Instrumenten (etwa der Cellist auch an der Geige, die er sich allerdings originellerweise nach Cello-Art zwischen die Beine klemmte, quasi "Kniegeige"). Dementsprechend war eine ganze Armada an Technik auf der Bühne zu finden, insbesondere hatten Gitarrist und Cellist jeweils dutzende altertümlich anmutender Bodeneffekte verschaltet. Diese waren insbesondere dafür verantwortlich, dass die Gruppe obschon nur zu dritt bei den meisten Stücken dem Klang auf ihren Alben bzw. EPs erstaunlich nahe kam, wobei es insgesamt deutlich rauher zuging: Mit Hilfe von Live-Schleifen baute spezielle der Cellist die komplexem Arrangements auch live auf, und der Gitarrist benutzte eine Double-Neck-Guitar mit Bass- und Gitarren-Teil, um gelegentlich beide Parts gleichzeitig abzudecken.

Dabei ging es analog zu den Studioaufnahmen ordentlich zur Sache: Krachig-verzerrte Streicher, kantige Rhythmik bei immer wieder heftigen rockigen Ausbrüchen (ich hoffe, der Cellist hat genügend Ersatzbögen dabei oder kennt einen guten Bogenbauer in Deutschland, denn gleich zwei davon hingen nach dem Konzert ziemlich in Fetzen), dazwischen klassizistische und introspektive Passagen und auch mal lautmalerische Experimente. Lediglich der oft mehrstimmige Gesang war gelegentlich etwas arg wacklig - die instrumentalen Passagen sind klar die Stärke der Gruppe. Trotz des blöden Zeitmanagements (der Auftritt dauerte schließlich vielleicht inklusive Zugabe 75 Minuten) war's insgesamt ein lohnenswertes Konzert mit Musik, wie man sie selten zu hören bekommt. Und ich befürchte, angesichts des eher schwachen Publikumszuspruchs werden wie sie in Deutschland so schnell auch nicht wieder zu hören bekommen. Wer also noch die Chance hat, Tarantula A.D. bei einem ihrer drei ausstehenden Auftritte in Deutschland zu besuchen, sollte diese nutzen.

Kommentare

Das kommt drauf an, von wann die Aufnahme stammt. Wenn man die eigentlich Zeit des Bebop grob von 1945-1955 ansetzt, die Aufnahme aber von später stammt, kann man auf jeden Fall von Post-Bop reden ;-) Ausserdem hatte die Musik zwar Bop-Elemente, hatte aber grossteils nicht die hektisch-zerrisssenen Melodie-Linien. Das kantige, angeschrägt-sprunghafte Piano klang aber nach Monk, deshalb die Vermutung.

Die Wortkreation "schickeriaig" hat schon was. Der hinterste Teil mutet fast schon Gälisch an. ;-)

Wenn die Beschallung POST-Bop war, kann's aber kaum Thelonious gewesen sein, oder? Schliesslich ist Mr. Monk eine DER Definitionen des Bebop.

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