11.03.2006

Sun Ra and his Intergalactic Solar Arkestra - Space is the Place

Endlich mal ein Science-Fiction-Film, über den ich hier schreiben kann, ohne ständig nervös über die Schulter zu schauen, denn massiger Musikbezug. Wobei, und wohl deshalb gutes Gewissen, "Space is the Place" einen Sci-Fi-Film zu nennen, wäre in dieser Reinheit irreführend.

Der Klappentext macht uns ein wenig schlauer: "Sci-fi, blaxploitation, cosmic free jazz und radical race politics" werden versprochen. Schauen wir uns die einzelnen Bestandteile näher an:

Sci-Fi

Der Film startet gleich in einem außerirdischen Garten, Sun Ra und seine Truppe fliegen nach jahrelanger Erkundung des "Outer Space" mit ihrem an eine Mischung aus aus dem Körper operierten Augen und Busen erinnernden Raumschiff zurück zur Erde, und Sun Ra beweist schließlich nicht nur musikalisches Talent, sondern kann anscheinend auch Personen nach Wunsch teleportieren. Aber wenn man - wie auch seine Gefolgschaft - in altägyptisch inspirierten Glitzerklamotten inklusive ellenhoher Hüte und Masken durch die Gelegenheit, braucht man natürlich ein paar besondere Talente (wesentlich durchgestylter kommt der "Overseer", Ras Gegenspieler im Film daher, nämlich als gestriegelter schwarzer Pimp mit fetter Karre und immer zwei Frauen im Arm). Und für Sun Ra als Moog-Adepten sind auch die passenden futuristischen Effekte im Soundtrack kein Problem, insbesondere, da das Raumschiff selbst anscheinend durch Musik angetrieben wird. Also:

[X] SciFi

Blaxploitation

Hier wird's komplizierter. "Blaxploitation" ist ein reichlich schwammiger Begriff. Damit wurden und werden Filme wie "Shaft" oder "Superfly" und Ähnliches bezeichnet, also - wie dem Begriff nach klar - "Exploitation" von und für Afroamerikaner(n).

Wat is nu "Exploitation"? So, wie ich das verstehe, waren sogenannte "Exploitation"-Filme ursprünglich als Aufklärungsfilme verkleidete Features, die (damals) spektakuläre, weil unterdrückte und verpönte Sujets wie Drogen, Gewalt und Sex behandelten, und dabei die Neugier und Sensationssucht des Publikums nutzten. Spätere Exploitation verzichtete dann auf die Verkleidung als Aufklärung und behielt nur die Themen bei - sowie die Verzicht auf künstlerischen Anspruch (was nicht heisst, dass nicht dennoch gelegentlich Kunst hinten rauskam).

Hamma jetzt hier "Blaxploitation"? Naja, es gibt einmal kurz zwei nackte Frauen zu sehen und es gibt eine Szene mit Gewalt zweier weißer Freier gegenüber schwarzen Prostituierten in einem Bordell, einen Einsatz einer Schußwaffe und einige Szenen, die urbanes schwarzes Leben dokumentieren. Hmhm:

[\] Blaxploitation

Cosmic free jazz

So könnte man Ras Musik in der Tat nennen: eine recht wüste Kombination aus experimentell-elektronischen Klängen aus Ras Synthesizeren, afrikanischen Rhythmen von der ausgiebigen Percussion, freejazzigem Gequietsche von den Bläsern und souligem Gesang. Nur, dass es von dieser erstaunlich wenig im Film gibt, und wenn, dann fast immer nur in kurzen Fetzen. Aber dafür gibt's ja die entsprechende Soundtrack-CD bei "Impulse!":

[X] Cosmic Free Jazz

Radical race politics

"Space is the place" meint vor allem, dass Ra im Film auf einem fernen Planeten ein schlafendes Paradies für das "schwarze Volk" gefunden hat, wo sie einen Neuanfang wagen und zeigen kann, was ohne weiße Oberaufsicht in ihr steckt ("Schwarze sind unbezahlbar. Denn sie haben keinen Wert" ist einer seiner leicht verqueren Aphorismen). Das vorgeblich weiße Raumprogramm der US-Regierung habe keinen Platz und keine Verwendung für Schwarze, und Ra will den Schwarzen trotzdem den Weg zu den Sternen öffnen, was natürlich angesichts seiner exotischen Technik die Neugier und den Neid der Offiziellen weckt, weshalb das FBI ihn observiert. Also:

[X] Radical race politics

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