Spontane Komposition
Inzwischen habe ich die Aufnahmen der Nekropolis 23 Session mit Engelbert vom Montag gegenhört. Und zum wiederholten mal zeigt sich: das Anhören der Aufnahmen vermittelt einen vollkommen anderen Eindruck als während des Spielens selbst. Speziell, für diesen Fall: die zweite Hälfte des Abends war musikalisch noch gelungener, als ich es in Erinnerung hatte.
Überhaupt bin ich immer wieder selbst erstaunt, wo wir die Musik herholen. Für die, die es noch nicht wissen: der Nekropolis 23 modus operandi ist freie Improvisation. Frei wie in: keine, wirklich keine, Absprachen, keine Regeln, keine Vorplanung.
Die meiste Rockimprovisation findet über bestimmten wiederholten Figuren und Akkordfolgen - Riffs und Vamps - statt. Solche Passagen haben wir auch immer wieder, aber diese dauern eher selten lange an. Manchmal stossen wir bei einer besonders griffigen Idee in eine Art trancige Zone vor, aber das ist nur ein Ergebnis unter vielen. In der Regel herrscht die Angst vor der wiederholungsbedingten Langeweile vor. Das soll mit Sicherheit kein Dissen dieser Art von Improvisation sein, im Gegenteil: wer den "mindless One-Chord-Jam", meinetwegen auch "Two-Chord-Jam" wirklich beherrscht, verdient höchsten Respekt. Das reduzierte harmonische Grundmaterial bietet, aber erfordert eben auch grossen Einfallsreichtum in der melodischen Gestaltung: eine echte Kunst für sich.
Im Jazz kennt man dieses Improvisationsprinzip schon lange, richtig populär wurde es mit Miles Davis' Kind Of Blue, dort in der modalen Ausrichtung, noch länger kennt es der Blues. Im FreeJazz steht der Verzicht auf melodische und harmonische Konventionen im Vordergrund. Allerdings gibt es auch dort häufig einen gemeinsamen Startpunkt, eine Figur, ein rhythmisches Muster oder sogar eine Art abstrakten Ablaufplan, der als Grundlage der Improvisation genutzt wird (deshalb werden wohl bei vielen FreeJazz-Stücken einzelne Komponisten geführt). FreeJazz steht trotzdem im Ruf, strukturloses Genudel zu sein, was bei näherer Betrachtung für viele Aufnahmen nicht haltbar ist (siehe Ekkehard Josts eingehende Analysen in seinem Buch "Free Jazz") und eher daher kommen dürfte, daß die Hörgewohnten der entsprechenden Hörer bezüglich Linienführung, Harmonik und Klangcharakteristik untergraben werden.
Eben solche Passagen mit "strukturlosem Genudel" finden sich auch bei uns, lösen sich aber genauso wie die Riff-basierten Jams in der Regel nach einiger Zeit in "strukturierte" Passagen auf.
Vor jeder "Probe" (So nenne ich es traditionell, weil ich es von früheren Bands zu verinnerlicht habe. Im Fall von Nekropolis 23 ist "Session" wohl zutreffender) habe ich leichte Anflüge von Panik. Was zum Teufel soll ich heute abend spielen? Dabei sollte man meinen, daß wir uns es eigentlich leicht machen: kein Grübeln über und Basteln an Harmonien, Strukturen und Melodien sowie Texten. Keine langwierigen Proben an komplexem Material. Sondern einfach: drauflos spielen. Tja, "einfach" ist einfacher gesagt als getan. Denn wir spielen selten "einfach drauflos". Freie Improvisation erfordert viel Konzentration: "Instant-Kreativität" ist gefragt, das Erfinden eines passenden, möglicherweise den kollektiven Fluss weiterentwickelnden Parts, ohne lange Überlegungen, ohne das Sicherheitsnetz eines Standard-Arrangements, auf das man zurückfallen könnte. Noch mehr als bei vorbereiteten Arrangements muss man auf die Mitspieler hören, auf rhythmische und harmonische Veränderungen reagieren, oder noch besser: sie vorausahnen, was natürlich am besten klappt, wenn man die Kollegen gut kennt und schon oft miteinander gespielt hat. Beides funktioniert nicht immer. Aber wenn es funktioniert, ist der Moment umso magischer. Mit Nekropolis sind wir inzwischen so gut aufeinander eingespielt, dass sich immer wieder Passagen ergeben, die einfach "passen". Und durch die spontane Natur der Musik gibt es keine ausgeklügelten Strukturen, aber eben auch keine gezwungenen Brüche, sondern einen natürlichen Fluss. Deshalb haben wir im "Vol. 1"-Booklet auch von "spontaner Komposition" und nicht von "Improvisation" gesprochen.
Am Ende bleibt wohl nur eins sicher: "Das ist ja Drogenmusik!", wie der andere Uli immer wieder auszurufen pflegt. Und solange - wie in unserem Fall - gilt, dass die Musik die Droge *ist*, und nicht via Drogen entsteht, lasse ich das gerne gelten.
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