10.01.2005

Spezieller Kick im Unterfahrt

Als ich noch auf dem Land lebte, seufzte ich stets vor mich hin: "Ach, in der Stadt, mit einem so grossen Kulturangebot, da könnte man so viel unternehmen, ins Theater gehen, klasse Konzerte besuchen und dauernd auf Achse sein." Und es kommt, wie es kommen muss: wenn man dann in die große Stadt gezogen ist, nutzt man das vorhandene Kulturangebot kaum. Es gibt in München einen Jazzclub namens Unterfahrt, dessen Plakate an Litfaßsäulen und in U-Bahn-Station ist ständig studiere und mir denke "jo, gute Leute haben die da, da müsste man mal hin." Natürlich hat es vier Jahre gedauert, bis ich zum ersten Mal, gestern abend, im Unterfahrt war. Dazu kam es auch nur, weil Patrick, a.k.a TheBreathingBE aus dem #progrock-dt und Schlagzeuger der ProgMetaller Divine Temptation, eigens aus Tirol für die gestrige Special Kick Jam Session anreiste und die Gelegenheit für ein erstes Treffen in persona nicht ungenutzt verstreichen sollte.

"Special Kick" ist die momentane Band von Fusion-Bassist Wolfgang Schmid. Mit seiner früheren Band "Kick" sowie seinem Paradox-Projekt mit Billy Cobham und Bill Bickford hatte ich Schmid schon einige Male in den 90er Jahren gesehen: deren funkige Fusion mit Latinelemente machte live immer wieder Freude, auch wenn die einsame Kick-Studio-CD "No filters" in meiner Sammlung leider eher Fahrstuhlmusik-Charakter besitzt. Jener Wolfgang Schmid leitet im Januar die allsonntäglichen Jam-Sessions im Unterfahrt, und gestern waren eben "Special Kick" mit - neben Schmid - Schlagzeuger Marco Minnemann, Gitarrist Peter Wölpl und Saxophonist Libor Shima für die Session angekündigt, obendrein zum ungewöhnlich günstigen Eintrittspreis von 5 Euro.

Das Unterfahrt liegt im Einstein Kulturzentrum am Max-Weber-Platz, den ehemaligen Lagerbierkellern einer Brauerei, in dem neben dem Jazzclub noch einige weitere Veranstaltungsräumlichkeiten untergebracht sind. Dementsprechend geht es von Eingang aus erstmal eine ganze Weile durch katakombenartige Gänge, ehe man sich bis zum eigentlich Unterfahrt durchgeschlagen hat. Dieses selbst hat für einen Club eine angenehme Größe und ist angenehm düster und verräuchert, wenn auch noch nicht versifft genug, um klischee-erfüllende Jazz-Atmosphäre zu erzeugen. Ich weiss - siehe oben - nicht, ob es immer so ist, aber jedenfalls lohnte sich unsere Karten- und Tischreservierung: es war proppevoll, will heissen geschätzte 80-90 Besucher, wobei das Publikum insgesamt erstaunlich jung war.

Gegen 21:30 ging's dann los, erstmal mit ca. einer dreiviertel Stunde "Special Kick" pur, also nicht als Jamsession, sondern einem kurzen Programm mit Songs der Band. "Special Kick" wirkten auf mich etwas rockiger als die alten Kick, was daran liegen mag, dass keine Keyboards in der Besetzung sind und der Sound daher etwas Gitarren-zentrierter ist. Obendrein spielt Minnemann bei allem Groove bestimmt und fett, was den rockigeren Charakter unterstützt. Schmids Bassspiel war bekannt knackig und virtuos, auch wenn er den Flitzefinger erstaunlich selten raushängenliess und sich eher auf verspielte Begleitung konzentrierte. Sein Zusammenspiel mit Minnemann war aber auch so einfach nur ein Hinhörer, so dass es mir gelegentlich schwerfiel, mich auf die Solisten zu konzentrieren, da die Rhythmusfraktion schon für sich genommen ungemein unterhaltsam war. Obendrein ging Saxophonist Shima - im Hauptberuf übrigens klassischen Fagottist - mit seinen jazzigen Solobeiträgen manchmal im Mix etwas unter, wobei der Sound trotz minimaler Abnahme der Instrumente im grossen und ganzen sehr gut und druckvoll, aber nicht zu laut war.

Minnemanns verspielte, fette Grooves wurden immer wieder von dermassen explosiven, virtuosen Breaks unterbrochen, dass ich mir ein staunendes Grinsen nicht verkneifen konnte. "Staunendes Grinsen" erzeugte er auch bei seinem Solo, das musikalisch keine Offenbarung, sondern auf den Show-Effekt, eben Entertainment - und ein Stück Angabe, die ihm aber niemand krumm nahm und nehmen konnte - ausgerichtet war und vor allem atemberaubende Stick- und Double-Bass-Akrobatik bot. Gitarrist Wölpl spielte ein ebenfalls überaus eindrucksvolll, je nach Bedarf mit Funkschärfe, jazziger Geschmeidigkeit, rockiger Härte oder beinahe psychedelisch angehauchten Effekten. Ulis Ausruf "Was sind das nur für Tiere da oben auf der Bühne?" kann ich mich nur anschliessen.

Nach der eigentlichen "Special Kick"-Eröffnung ging es nach einer Pause mit der eigentlich Jam-Session weiter, bei der - bis auf Schmid am Bass - ständig wechselnde Besetzungen die Bühne bevölkerten. Der Anfang mit zwei Standards, unter anderem "Night in Tunesia" war noch ein bisschen zaghaft, danach wurde aber auch die Session immer besser. Nur waren fast immer Sänger/innen beteiligt, und Jazzgesang ist nur bedingt mein Ding; das trübte den Genuss minimal. Trotzdem gab es auch hier einige cool funkig-groovige Momente und durchweg ein hohes instrumentales Niveau. Erstaunlich war, dass trotz teilweise bis zu acht Musikern auf der Bühne kein Soundbrei entstand, sondern jeder sich diszipliniert und intelligent in den Gruppenklang einordnete, was keine Selbstverständlichkeit ist. Nach insgesamt fast drei Stunden gabs dann noch ein furios-rockiges Finale in Triobesetzung Schmid-Wölpl-Minnemann, und damit viel gute Musik für wenig Geld.

Es ist ein ganz schönes Weilchen her, dass ich bei einem Konzert war, bei dem man so hemmungslos und guten Gewissens mitwackeln konnte; das alleine machte den Abend schon zu einem Erfolg, dazu kamen nette Atmosphäre und neue Bekanntschaften. Eigentlich sollte man öftern ins Unterfahrt pilgern, aber wegen der eingangs beschriebenen Umstände mag ich dazu keine Prognosen abgeben.

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