11.01.2005

"Siegfried"-Testscreening

Auf dem Weg zum Ausgang nach dem letzten Kino-Besuch strahlten uns auf den Stehtischen im Foyer leuchtendrote Flugblätter entgegen: "Kostenloses Kinovergnügen!" Geiz ist geil, also steckt man mal einen ein. Zuhause erwies sich der Wisch als Einladung zu einem Testscreening, zusammen mit einer Webadresse mit einem Anmeldeformular. Als "Ain't it cool"-Leser kannte ich Screenings bisher nur aus zweiter Hand, die daraus resultierende Neugierde und die Aussicht, eine "neue Komödie", die "erst Sommer 2005 uraufgeführt wird", lange vor dem Kinostart zu sehen zu bekommen, machten die Anmeldung zu einem Nobrainer.

Danach fing die Spekulation an: welcher Film könnte es sein? Aber in Zeiten des Internet gilt: nichts leichter als das. Die durchführende Agentur verrät uns auf ihrer Website, dass sie für den Constantin Filmverleih arbeitet. constantin-film.de listet unter "Derzeit in Post-Produktion" nur "Siegfried":

Es war eine finstere Zeit, als der Rhein sich rot färbte vom Blut der Unschuldigen, eine Zeit des Tötens und Sterbens - der Kriege und Schlachten um den sagenhaften Schatz der Nibelungen, lange vor unserer Zeit.

 

Hauptdarsteller und Co-Drehbuchautor: Tom Gerhardt.

OK.

War die Anmeldung wirklich eine gute Idee?

Egal, erstens konnte ja immer noch ein anderer Film auf dem Programm stehen, und zweitens schaut man dem geschenkten Gaul nicht ins Maul, schliesslich hat man schon Pferde kotzen sehen (allerdings war das wahrscheinlich nur in einem Tom Gerhardt-Film)<-- aus dem Off: ...es war eine finstere Zeit, als die Blogeinträge sich ihren Themen anpassten. Das könnte ins Auge gehen.

Am Kino war schon eine Viertelstunde vor der auf der Einladung angebenen Zeit die Hölle los: tatsächlich schienen fast alle 400 verfügbaren Teilnehmerplätze belegt gewesen zu sein. Wir wurden von einer freundlichen Hostess abgehakt und bekamen eine Eintrittskarte sowie freundlicherweise einen Gutschein über ein Getränk und einen Snack, an die heranzukommen wegen ellenlanger Schlangen allerdings nicht einfach war. Nachdem wir Karte und Gutschein bekommen hatten, fing uns eine weitere Dame ab und fragte uns, ob wir nach dem Film Zeit und Lust hätten, in einer "Gruppendiskussion" noch näher zum Film befragt zu werden. Hatten wir natürlich.

Schliesslich öffneten sich die Tore, und Massen strömten in den Vorführraum. Nach einer kurzen Einführung der leitenden Agentur-Angestellten ("Der Film ist noch nicht komplett fertig, also bitte nicht so sehr auf den Schnitt und den Ton achten") kamen die entscheidenen Worte: "Wir zeigen Ihnen heute den neuen Film mit Tom Gerhardt." Na gut.

Dass der Film noch nicht fertig war, sah man vor allem am provisorischen Vor- und Abspann; der Rest, inklusive der Musik, wirkte recht abgeschlossen. Allerdings war die Bildqualität ziemlich miserabel im Sinne von pixelig, da anscheinend nicht von Film(rolle), sondern einer DVD o.ä. projeziert wurde, was sich bei einer 15 Meter breiten Leinwand eben bemerkbar macht. Surround Sound gab es keinen.

Zum Film selbst ist nicht viel zu sagen. Die Helden und Bösewichte der Nibelungensage redeten und benahmen sich offensichtlich wie rheinländische Ballermann-Besucher, und Siegfried war ein tumber Kraftmeier. Die schlechtesten Gags waren Fäkal-Gags, die besten Gags waren Fäkal-Gags. Es folgt ein kleiner Servicehinweis für alle zufällig dies lesenden Drehbuchautoren und Regisseure.

Urin, Pfürze, Erbrochenes, heruntergelassene Hosen: nicht witzig.

Damit ich nicht mal wieder in den Verdacht gerate, elitär zu sein: auch der Rest des Kinos wirkte nicht sonderlich begeistert. Lacher gab es zwar, aber nahezu immer nur von Teilen des Publikums, dabei nie besonders herzhafte oder ausgedehnte, und am Ende nur sehr zögerlichen, spärlichen Applaus. Das wird auch Tom Gerhardt aufgefallen sein, der in der für Constantin reservierten Reihe hinten Platz genommen hatte.

Neben Tom Gerhardt als Siegfried, Michael Brandner als Mime, Dorkas Kiefer als Kriemhild und Axel Stein als Stimme des sprechenden Schweins wirkten einige (mir) weniger bekannte Schauspieler. Dazu gab's Kurzauftritte von Markus Maria Profitlich, Mirco Nontschew, Mirja Boes und Janine Kunze sowie Synchron-Cameos von Atze Schröder und Otto. Meine Lieblingsfigur war allerdings Hagen (Volker Büdts), und sei es nur aus dem Grund, dass er derjenige war, der Siegfried endlich abmurkste...

Halt.

Natürlich nicht. Die Geschichte wurde in ein Happy End umgeschrieben, auch wenn Siegfrieds Tod gezeigt und mit einem flotten Zurückspulen rückgängig gemacht wurde. Hagen war trotzdem am nettesten, da er schön schleimig und fies war, dabei aber weniger überzogen dargestellt, als zu befürchten. Das ist wohl der "Robin Hood: Prince of Thieves"-Effekt. Dort spielte ebenfalls der grandiose Alan Rickman den blassen Yankee-Robin Kevin Costner gnadenlos an die Wand und avancierte zum eigentlichen Sympathieträger. Überhaupt gibt es weitere Parallelen zur Robin Hood-Sage: statt Robin of Locksley, Sheriff of Nottingham, Guy of Gisborne, Lady Marian und Prince John hiessen die Hauptprotagonisten in ganz ähnlichen Rollen eben Siegfried, Hagen, Alberich, Kriemhild und (ein tuntiger) Gunther.

Nach der Vorstellung wurden an alle Besucher Fragebögen und Stifte verteilt: 16 Fragen zum Film auf 4 DIN A4-Seiten. Danach begann die "Gruppendiskussion" mit 15 vorher eingeladenen Teilnehmern, die sich in der ersten Reihe aufreihen durften und anschliessend einzeln zum Film befragt wurden, wobei in der Reihe dahinter weitere Agenturmitarbeiterinnen die Antworten geflissentlich protokollierten und noch eine Reihe weiter ein Grossteil der anwesenden Constantin-Granden zuhörten, darunter Bernd Eichinger.

Vor Beginn der Diskussion fragte ein weiterer Zuschauer, ob er aus professionellem Interesse der Diskussion zuhören dürfe; er sei vom Entertainment Media Verlag. Er durfte, aber nur unter der Bedingung, nichts über Film und Auswertung zu schreiben. Klar, das sei kein Problem, und wenn: "Es ist ja bekannt: wir schreiben ja auf jeden Fall nur Gutes". Public Service Announcement: der Entertainment Media Verlag betreibt u.a. kino.de und verlegt die "Musikwoche".

Meinen Eindruck der Publikumsreaktionen bestätigend fand nur ein Mitglied der "Focus Group" "Siegfried" richtig gut. Selbst diejenigen, die ihn grundsätzlich OK fanden und weiterempfehlen würden, hatten das ein oder andere anzumeckern. Auffällig, wenn auch nicht unbedingt überraschend war, dass die jüngeren Teilnehmer (bis ca. 18 Jahre) den Film generell besser fanden als die älteren, wobei ich (nur *räusper* Jahre) sogar der älteste in der Runde gewesen sein dürfte. Ich glaube im Übrigen nicht, dass die Ergebnisse der Diskussion deutliche Änderungen am Film bewirken, sondern höchstens die Verteilung der Marketing-Bemühungen beeinflussen. Als Dank für unsere Zeit gab es für die Diskussionsteilnehmer noch eine Freikarte für einen weiteren, bald anlaufenden Constantin-Film, "Napola". Mehr dazu demnächst an diese Stelle.

Ehrlich gesagt wüßte ich auch nicht, was man an "Siegfried" jetzt noch - ohne umfangreiche Nachdrehs - ändern könnte, um ihn besser, also witziger zu machen. Ein bisschen weniger nicht-witzig ist vielleicht drin: den halbherzig eingesetzten Erzähler aus dem Off sollte entweder konsequenter benutzen oder besser - "show, don't tell!" - ganz weglassen. Anfang und Ende der Story könnten gestrafft werden, um die Illusion von Tempo zu schaffen. Und wenn schon ein unvermeidliches Happy End herbeigezaubert werden muss, dann sollte man diesen Weg zuende gehen: Hagen spiesst Siegfried auf, und der Abspann beginnt. Danach läuft der ganze Abspann bis zum bitteren Ende durch. Erst dann kommt der künstliche Rewind, und diejenigen Kinobesucher, die noch nicht aus ihrem Sessel geflüchtet sind, können noch eine weitere halbe Stunde "Siegfried" geniessen.

Eigentlich ist es schade, dass der Film so unwitzig und schlecht ist. Die Idee als solche hat Potential; "Siegfried" hätte von der Herkunft der Geschichte her der deutsche "Brian" sein können. Aber wohl nicht mit diesem Hauptdarsteller - und nicht mit diesem Drehbuch.

"Das Leben des Brian" etwa funktioniert nur deshalb, weil die Figur des Brian selbst ein leicht unbedarfter, aber ansonsten netter, stinknormaler Typ ist, um den herum die Bizarrheiten gruppiert werden. Tom Gerhardt gibt den Siegfried aber - Überraschung! - als unablässig zappelnden, dauergrimmassierenden Dämling ohne wirkliche menschliche Eigenschaften. Aber: normale Figuren in absurden Situationen oder absurde Figuren in normalen Situation sind aber auf Dauer einfach witziger als ständige absurde Figuren in absurden Situationen.

Kommentare

aber Testscreenings sind nach Siegfried immer besser geworden. Nach diesem war noch ein etwas "merkwürdiger" Film dabei namens "schwere Jungs", der war nicht so mein Fall. Aber "(K)ein Bund fürs Leben war echt lustig. Und der Film vor ein paar monaten war auch Recht gut...

LG

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