SF, Teil 1: Fantasy
Es ist ja ein weit verbreitetes Vorurteil, dass Prog-Fans und -Musiker in der Regel auch Fantasy-Fans seien. Allen Tolkien-inspirierten Bandnamen zum Trotz denke ich, dass dies ein solches ist. Ich kenne genügend Prog-Fans und -Musiker, die mit Fantasy nicht im Entferntesten etwas am Hut haben und genügend Fantasy-Fans, die Prog fürchterlich finden, um auch den Umkehrschluss zu widerlegen. Vielleicht ist der Anteil an Fantasy-Jüngern unter den Proggern höher als im Rest der Bevölkerung, aber das ist er meiner Erfahrung nach auch unter Metallern und Physik-Studenten.
Ähnliches gilt anscheinend für Science Fiction. Im englischsprachigen Raum scheint sich übrigens die Abkürzung "SF" (von "Speculative Fiction", nicht von "Science Fiction") durchzusetzen, da die Unterscheidung zwischen Fantasy und Science Fiction nicht immer einfach zu treffen, geschweige denn leicht eine Grenze zu ziehen ist, wann ein Buch überhaupt zur Fantasy oder Science Fiction gehört. Die entsprechenden Debatten erinnern mich in fatalerweise an die "Was ist Prog?"-Diskussionen, die ich in schöner (naja, "schön" ist eher ein Euphemismus) Regelmässigkeit in diversen ProgForen erlebe: ein weiterer Hinweis darauf, dass die ebenfalls immer wieder auftretende selbstmitleidige Behauptung mancher ProgFans, dass speziell ProgFans immer Schubladen erfinden, aufmachen und befüllen müssen, zum einen mindestens übertrieben ist und zum anderen paradoxerweise genau ein Symptom des Wesenszugs ist, der ursprünglich angeprangert wird.
Ich persönlich würde Science Fiction grob dadurch charakterisieren, dass ein mehr oder weniger glaubwürdiges Zukunftsszenario entworfen wird, das von der momentan bekannten Situation der Erde und des Weltalls ausgeht, während Fantasy parallele Welten mit möglicherweise anderen Naturgesetzen zur Grundlage nimmt. Diese sind nur grobe Charakterisierungen mit offensichtlichen Problemen bei der Einordnung etlicher Bücher, also nicht allgemein als kanonisch aufzufassen :-)
Ich persönlich lese gerne gute Science Fiction und Fantasy, würde mich aber nie als Kenner bezeichnen (wer einen solchen sucht, sei an rec.arts.sf.written verwiesen). Aber von etwas wirklich Ahnung zu haben stand nicht im Anforderungs-Profil bei der Bewerbung als Blogger, deshalb halte ich nicht an mir.
Es gib ohne Zweifel jede Menge gräßlich schlechte SF-Romane. Das trägt dazu bei, dass vom Kultur-Establishment Fantasy und Science Fiction normalerweise nur naserümpfend und unwillig zur Kenntnis genommen wird. Aber: es gibt noch viel mehr gräßlich schlechte Nicht-Fantasy-Literatur. Schwarze Schafe gibt es in jedem Genre. Obendrein sind die Anforderungen an "gute"® Literatur ("Hochwert-Literatur" habe ich übrigens letztens als Begriff kennengelernt) nicht nur möglicherweise, sondern ziemlich sicher andere als die an "gute"® SF. Nachfolgend einige Fantasy-Reihen/-Romane, die ich als "gut"® empfinde. Terry Pratchetts Discworld-Reihe lasse ich dabei aussen vor, da ich mich zu dieser schon geäußert habe.
Robert Jordans Wheel Of Time Reihe umfaßt momentan 10 Bände. Mindestens zwölf sollen es ingesamt wohl werden, aber so recht glaubt daran niemand mehr, da Jordans eigene Vorhersagen über den Umfang mehr als einmal über den Haufen geworden wurden. Jordans Stärke ist vor allem das sogenannte "World building": die detaillierte Ausarbeitung der Merkmale von Völkern und deren jeweiliger Philosophie/Theologie/Moral sowie Mythologie und Geographie der Welt, in der die Wheel Of Time-Romane spielen. Die der Serie zugrundeliegende Geschichte scheint unter anderem von Tolkien (Überraschung!) und James Herberts Dune inspiriert und bietet eine Heerschar von Figuren sowie obligatorische komplexe Plot-Wendungen. Leider hat sich Jordan in den letzten paar Figuren auf Nebenschauplätzen und in nur bedingt Story-relevanten Details verzettelt. Gerade Band 10 krankte auffällig daran, dass die Geschichte selbst vor lauter minutiös beschriebenen Details nicht aus den Puschen kam. In diesem Erzähltempo werden es wohl eher 22 als 12 Bände, bis die Serie beendet ist, und Jordan wird auch nicht jünger. Die ersten 5, 6 Teile sind aber hervorragende epische Fantasy, sofern man über die Anfangs etwas kindischen Hauptcharaktere hinwegsehen kann, die sich folgerichtig in den späteren Bänden auch in Richtung erwachsen-sein weiterentwickeln.
George RR Martin: A Song Of Ice And Fire
Von A Song Of Ice And Fire liegt momentan der dritte Band vor, der vierte Teil der Reihe ist seit einigen Monaten überfällig (vgl. Robert Jordan...); insgesamt sind wohl 6 Bände geplant. Martins Forte ist die Charakterisierung der handelnden Personen sowie das Spinnen komplexer Intrigennetzwerke. Die Geschichte von A Song Of Ice And Fire ist sehr politisch geprägt, allerdings in mittelalterlicher Pseudo-Kulisse. Bei Jorden zentral angelegte übernatürliche Elemente, vor allem Magie, kommen bei Martin zwar vor, spielen bislang aber nur eine untergeordnete Rolle, obwohl sich andeutet, dass sich dies mit den folgenden Bänden ändern könnte. Die Kapitel werden aus der Sicht verschiedener Charaktere erzählt. Dabei gelingt es Jordan zum einen, die unterschiedliche Weltwahrnehmung seiner Personen lebendig werden zu lassen als auch mit der Erwartungshaltung des Lesers zu spielen: ein über hunderte von Seiten als amoralischer, verabscheuenswerter Bösewicht aufgebauter Charakter entwickelt sich über Persönlichkeitsreifung und vor allem das Schlüpfen in seine Haut über seinen Point-Of-View beinahe zum Sympathie-Träger. Auch auf andere Weise überrascht Martin den Leser: ich kenne keine andere Fantasy-Reihe, die eine dermassen resignativ-düstere Wirkung entfaltet. Dies liegt vor allem daran, dass Martin hemmungslos bücherlang aufgebaute Identifikations-Charaktere abmurkst, endgültig. Hier sterben nicht nur die Bösewichte. Bei keinem Band kann man sich sicher sein, welche der Hauptpersonen am Ende noch am Leben sein wird.
Steven Erikson: Malazan Book Of The Fallen
Steven Erikson ist bis jetzt die rühmliche Ausnahme unter den vorgestellten Autoren: mit schöner Regelmässigkeit veröffentlicht er jedes Jahr einen neuen Band dieser Reihe, bis jetzt 5 Bände. Die Malazan-Bücher bestechen durch die Weitläufigkeit des Blickwinkels: Völker, Personen, Landschaften, militärische Kampagnen, Magie, Götter, Unsterbliche Gott-Anwärter, Propheten, Tyrannen, Rebellen, die Breite und Tiefe ist beinahe überwältigend, erschlagend, wird aber durch spannende Plots und bodenständigen Humor in den Dialogen gerade soweit abgemildert, dass der Leser trotz der auf in einstürmenden Detailfülle am Ball bleibt und sich mitfiebert und -leidet.
China Mieville: Perdido Street Station
Zum Abschluss noch ein Buch, auf das in die oben erwähnte Unschärfe zwischen Fantasy und Science Fiction fällt. Perdido Street Station ist eigentlich Fantasy, fühlt sich aber an wie Science Fiction... Steam Punk (eine Art "was wäre wenn"-Gattung, die Gedankenexperimente umsetzt, in denen spätere technologischen Entwicklungen lange vor ihrer Zeit fiktiv schon eingetreten sind) in einer erfundenen Welt könnte man es nennen. Ausser durch die Cyberpunk-inspirierte Story in dieser viktorianisch geprägten Fantasiewelt besticht Mieville durch die drastisch-farbigen Schilderungen der an Mutanten angelehnten Rassen. Hauptsächliche Attraktion des Romans ist sowie so New Crobuzon, die Stadt, in der der Roman spielt, die Mieville als surreale, verzerrte Horrorvision und Traumbild im Detail schildert und lebendig werden lässt. Auf der gleichen Welt wie Perdido Street Station spielen noch zwei weitere Romane von Mieville, "The Scar" und "Iron Council", die ich aber beide noch nicht gelesen habe.
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Kommentare
Hab ich. Eigentlich hätte ich dazu ein paar Worte in "SF, Teil 2: SciFi" verloren, aber ich kann das auch vorziehen :-)
Otherland ist gut! Die Grundidee und der Plot selbst sind klasse. Nur gibt sich Williams soviel Mühe mit der Charakterisierung der Personen, dass die Geschwindigkeit des Plots manchmal darunter leidet. Obendrein verbringt er sehr, sehr viel Zeit damit (ich versuche, halbwegs spoilerfrei zu bleiben, ein bisschen was muss ich aber verraten, wenn ich begruenden soll, was ich meine, also: Achtung) die Charaktere durch die verschiedenen Welten zu schicken, gerade im zweiten und dritten Band fand ich das etwas arg zaeh. So 600, 700 Seiten weniger haetten der Reihe gut getan, wenn man mich fragt. Aber sonst ist es schon ne nette Sache.
Hi Udo,
hast Du schon mal was von Tad Williams aus dem "Otherland"-Zyklus gelesen? Da gibbet z.Zt. alle 4 Bände im Schuber, aber bevor ich zuschlage, wollte ich noch ein paar Meinungen einholen...
CU, ThomK
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