04.01.2005

Schikoree

Es kommt selten vor, daß im Büro am späten Vormittag noch fertig gebrühter Kaffee vorhanden ist. Wer nach ca. 10:00 gerne einen frischen Kaffee hätte, geht normalerweise ersteinmal in Lauerstellung. Wer gibt zuerst der Sucht nach und nimmt es auf sich, neuen aufzusetzen? Der Hemmschuh dabei ist weniger, daß das Kaffeekochen eine lästige Arbeit wäre: der gemahlene Kaffee ist passend portioniert abgepackt, die große Kaffeemaschine spielend leicht bedienen. Das Problem ist nur, daß derjenige, der den Kaffee macht, keinen abbekommt: die Maschine braucht natürlich ihre Zeit, und wenn man nach angemessener Zeitspanne sich vom Arbeitsplatz wieder loseisen kann, um mit hocherhobener Tasse dem schwarzen Muntermacher zu frönen, ist natürlich keiner mehr da, da die lieben Lauer-Kollegen lange den frischen Kaffee genussvoll aufgebraucht haben.

Das ist die eigentlich gültige Variante von Terry Pratchetts New Yorker Sekunde: die kürzeste Zeiteinheit des Universums ist nicht die Zeit vom Umspringen einer New Yorker Ampel von Rot auf Orange, bis einer der Taxifahrer hinter Dir in der Ampelschlange zu hupen beginnt, sondern der Zeitraum zwischen frischem Bürokaffee und leerer Kanne.

Umso erstaunter war ich, als ich heute mittag auf der Suche nach Mineralwasser nichtsahnend eine dreiviertelvolle dampfende Kanne frischen Kaffees in der Küche erspähte. Das kann nicht angehen, und ich tat meinen Teil, die Situation von voll hin zu leer zu ändern. Lecker war der Kaffee auch. Nur irgendwie würzig, eine Spur bitterer als ich es von unserer Sorte gewöhnt bin. Das machte die an sich schon verdächtige Situation noch ungewöhnlicher. Oberflächliche Nachforschungen später stellte sich schnell heraus: das war kein Kaffee in der Kanne.

Kein Wunder, dass es noch Nicht-Kaffee gab. Wer trinkt schon gerne aufgebrühten gerösteten Schikoree? (Yep, Schikoree. Chicorée sähe für die neue Rechtschreibung viel zu sexy aus.) Die Franzosen wohl. Dort kam das Gebräu nämlich her. Allerdings wurde wohl auch in Deutschland die wohl nicht umsonst so genannte Kaffeezichorie in Kriegszeiten als Kaffeeersatz (hier bin ich mir nicht sicher, ob die Rechtschreibung stimmt, aber heutzutage gilt: im Zweifel gegen die hübschere Schreibvariante) eingesetzt.

Ehrlich gesagt war der Chicorée-Kaffee gar nicht mal schlecht, definitiv deutlich besser als Caro der korngesunde Landkaffee, der zwar auch Zichorie enthält, eber eben nur auch. Von Caro habe ich in der Werbewelt lange nichts mehr gehört, fällt mir auf. Anscheinend wird er aber in großer Anti-Starbucks- Pro-"Lifestyle"-Offensive inzwischen auch als "Caro Latte" und "Caro Vanilla" angeboten. Hmpf. Wenn man nach fünf oder sechs Tassen richtigen Herzkasper-Kaffees auf Schonenderes umschwenken mag, dann lieber Chicorée-Zeugs als "Caro Latte"-Kram oder koffeinkastrierter Kaffee. Und erst recht lieber Chicorée als Pseudo-Kaffee denn als Chicorée-Salat. Dank lichtumfluteter Lagerung ist der meiste Chicorée unnötig bitter und wird obendrein schnell labbrig. Allenfalls als Gemüse - gedünstet oder besser noch mit viel tünchendem Käse überbacken - geht er durch. Oder eben als Fast-Kaffee.

Kommentare

die Zichorienpflanze ist mit Chicoree, den, den Du mit Käse überbacken willst (ich finde den gedünstet eher fad, mag ihn aber sehr als Salat) nur verwandt. Es handelt sich tatsächlich nämlich um die Wegwarte, das ist das Dings, das im Herbst blassblau blüht, hat Bezug zum bekannteren Löwenzahn, einem der ersten Blüher im Frühling. Für mich ist es so: wenn der Löwenzahn blüht, kommt der Sommer, wenn Wegwarte blüht, geht er... Beides sind Heilpflanzen vor allem für die Leber, beide sind bitter, beides Korbblütler; die gelbe ist denn auch für den frühen Leber-, die blaue für den späten heilend, so wie sie auch blühen im Jahr. Im Gegensatz zu den meisten habe ich, seit ich denken kann, gern Muckefuck getrunken und kannte Kaffee nicht bis ich schon lang erwachsen war.
Muckefuck ist ein nettes Gesöff und eins von drei Möglichkeiten für mich, tags zu trinken. 2.: Wasser, 3.: Tee, grüner oder Kräuter oder roter, kein schwarzer, der nur mit der nötigen Zeit dazu. Für mich ist undenkbar, wie weit verbreitet, standardmäßig vor allem Kaffee zu trinken... Ab und zu und nur, wo er wirklich schmeckt und wenn ich auch die Zeit habe, ihn zu genießen.

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