10.07.2005

Produzentenalben

Ich glaube, irgendwann in den 70er Jahren kam im Laufe von Platten wie Alan Parsons "Tales of Mystery and Imagination" der Begriff "Produzentenalbum" auf, also eine Platte, die nicht von einer Band oder einem instrumentenspielenden/singenden Künstler geprägt ist, sondern vom Produzenten, der die Musiker und die Kompositionen auswählt bzw. dirigiert, die Arrangements bestimmt und den Sound prägt.

Dieses offizielle aus dem Versteck kommen des Produzenten als einer der entscheidenden Faktoren für den Klang einer Rock/Pop-LP dürfte für einige Hörer überraschend gekommen sein, auch wenn schon früher der Einfluß des Produzenten an überragenden Gestalten wie Phil Spector und seinem typischen Sound festgemacht werden konnte. Auch heute gibt es das Phänomen des "Produzentenalbums" noch; vor allem im Hiphop-Bereich scheint es verbreitet zu sein, wenig verwunderlich: die Art der Beats und Bässe oder die Auswahl der Samples prägen ein Rap-Album mindestens genau so stark wie der eigentliche Sprechgesang.

Aber nicht nur im Hochglanz-Poprock- und HipHop-Bereich gibt es Produzentenalben. Ein prognahes Beispiel bietet (neben Exoten wie Robert Berrys "December People", das man vielleicht auch so bezeichnen kann) Ronan Chris Murphy (früher eher als "R. Chris Murphy" etwa als Toningenieur von King Crimson bzw. verschiedener ProjeKcts dem ein oder anderen vielleicht ein bekannter Name), der in den letzten Jahren so maßgeblich die Produktion zweier ebenso ähnlicher wie unterschiedlicher Alben vorangetrieben hat, dass ich die Bezeichnung "Produzentenalben" für vertretbar halte, obwohl beide Platten unter dem Namen des jeweiligen musikalisch federführenden Gitarristen erschienen sind. Es handelt sich dabei um Willie Oteris "Spiral Out" und Anthony Curtis' "Book Of The Key".

Beide Alben sind stark jam-artig gehalten. Die musikalischen Grundideen wurden entweder vom musikalischen Leiter des Jams bereitgestellt oder gemeinsam erarbeitet, die Grundausrichtung der CDs aber stark von Murphy beeinflusst, etwa durch stilistische Vorgaben und stark auch durch die Auswahl der beteiligten Musiker (den jeweils eher unbekannten Namensgebern werden dabei Veteranen wie Tony Levin, Pat Mastelotto und Mike Keneally - dieser ausnahmsweise nicht als Gitarrist, sondern nur als Keyboarder - zur Seite gestellt, die sich sowohl in die jeweilige musikalische Situation problemlos einfühlen können als auch durch ihren Bekanntheitsgrad potentiell größere Käuferschichten erreichen sollten). Leider trägt - ebenso in beiden Sessions - aber das musikalische Material nicht immer über die gesamte Laufzeit der Stücke, mancher verplätschert sich trotz hochklassiger Musiker im Ungeplanten und Ungesteuerten, im Oteri-Fall in funkig-jazzigen Elektro-Miles-Davis-Referenzen (Trompete: Ephraim Owens), bei Anthony Curtis eher im etwas härteren Jazzrock à la Mahavishnu Orchestra, nicht nur durch Curtis' Gitarrenspiel geprägt, sondern auch durch mystisch-orientalisierendes Gehabe und die Anwesenheit einer Violine in diese Richtung gedrängt.

Murphy gelingt es dabei in beiden Fällen, den improvisatorischen Ansatz der Musiker kongenial in zwar glasklaren, aber dennoch rauh, frisch und sehr natürlich räumlich klingenden Aufnahmen einzufangen, was beiden Alben in eine ähnliche, dominierende Klangwelt versetzt und den Eindruck der "Produzentenalben" weiter stärkt. Wenn es Murphy jetzt nur noch gelingt, seine nächsten Projekte etwas weniger aus dem Ärmel geschüttelt (mit allen Vor- aber eben auch Nachteilen dieser Herangehensweise) und musikalisch straffer und konzentrierter klingen zu lassen, verliert der Ausdruck vielleicht auch endgültig den unschönen Beigeschmack, den er zumindest für mich besitzt.

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