Polytoxicomanisches Ensemble
Diese Tage trudelten unvermittelt zwei interessante Alben bei mir ein, die in vielerlei Hinsicht Gemeinsamkeiten haben, obwohl sie musikalisch überaus unterschiedlich sind.
Bei beiden CDs handelt es sich um Werke deutscher Bands, die mir vorher vollkommen unbekannt waren. Beide Gruppen haben seltsame Namen mit Anklängen an klassische Ensembles, eine Vorliebe für arg verschwurbelte Pressetexte und machen trotzdem richtig gute Musik.
Polytoxicomane Philharmonie - Psycho Erectus
Die "Polytoxicomane Philharmonie" begreift sich als ein offenes Ensemble, dem es bisher gelang dem zielsicheren Tentakelgriff der jeweils aktuellen Modeerscheinung zu entkommen. Die beteiligten Musikanten schufen sich damit eine Plattform, um ihrer Liebe, dem Surrealismus und der Beschäftigung mit dem kollektiven Unbewussten zu frönen, und das in diesem angespülte Treibgut klanglich zu verarbeiten.
O...K... Nun gut, die "Philharmonie" meint's vielleicht nicht so ernst: bei Spacerockern ist das Spiel mit der bedeutungsschwangeren Albernheit nicht unverbreitet.
Ikarisches Ensemble - Incipit Tragoedia
Das Ikarische Ensemble interpretiert unerhörte, taktlose Kompositionen, die als stilistische Melange aus avantgardistischem Rock, Jazz und abendländischer Konzertmusik umschrieben werden können. Bei dieser Musik handelt es sich um Vertonungen von Gedichten, die das Lebensgefühl transzendentaler Obdachlosigkeit illustrieren und folgerichtig den grotesken Zustand einer travestierten Religiosität darstellen. So verschmelzen Wort und Ton zu einer Einheit, die das Auditorium zum Zuhören herausfordert.
Bei den Ikariern bin ich mir schon nicht mehr so sicher, ob ein Augenzwinkern im Spiel ist, will es aber stark hoffen: wer allen Ernstes im der CD beigefügten "programmatischen Essay" in den Fussnoten Nietzsche, Platon, die Bibel, Schopenhauer, Descartes und Sartre referenziert, hat entweder mächtig den Schalk im Nacken oder ein schweres Ambitioniertheits-Problem.
Gottheit-der-Wahl sei Dank überzeugen beide Bands musikalisch auch unabhängig vom konzeptionellen Überbau, und es stimmt mich hoffnungsvoll, dass auch im deutschen Untergrund noch solche Gruppen mit - kompositorisch, instrumentaltechnisch und auch von der Aufnahme- und Klangqualität her - internationalem Format lauern und der Entdeckung harren.
Die "Polytoxicomane Philharmonie" bietet hochklassigen, verspielten Psychedelic-/SpaceRock, der mit beständigen ungeraden Taktarten und Saxeinsatz sehr eigenständig klingt und obendrein eine verblüffend dichte, schwebende, melancholisch-surreale Atmosphäre erzeugt.
Das "Ikarische Ensemble" verquickt klassische Elemente, Metal, Jazz mit natürlichen Breakbeats und harten Alternative-Sound. Ein Störfaktor sind für mich persönlich allerdings die deutschsprachigen Texte, die ich angesichts von Zeilen wie "Der Mammon der Bosse und der blutige Schweiss der Plebs sind der Stoff, aus dem die Träume gemacht sind" beim Hören lieber ausblende.
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