P.Funk: Prog Funk?
Irgendwann irgendwo in den 70er Jahren: vielteilige, oft mehr als 10 Minuten dauernde Longtracks, esoterische Texte, ausufernde virtuose Gitarrensoli, klassisch ausgebildeter Keyboarder, glitzernde Bühnenklamotten, Konzeptalben mit Science Fiction-Einschlag, aufwändige Bühnenshow mit bombastischen High-Tech-Kulissen. In den 80er Jahren: Implosion.
Wir reden... nicht über Prog. Wir reden über Funk, genauer: P.Funk.
Letzten Samstag habe ich es endlich geschafft, die "geilste Tonträger-Abteilung der Stadt" anzutesten. Jo, wenn ich ein Album gleich dreißig mal hätte kaufen wollen, dann wäre der neue Saturn am Stachus "geil". So besteht er einfach nur zu zwei Dritteln aus Neuigkeiten-, Sonderangeboten- und Bestseller-Stapeln. Das ist nicht geil, sondern Standard, ebenso wie es anscheinend Standard ist, die Flower Kings unter Heavy Metal einzusortieren. Hallo? Die "Flower Kings". Hart wie Marmelade.
Dennoch wurde ich fündig: beim Streunen durch die Regale fiel mir eine halbwegs günstige Funkadelic-Box namens "Under A Groove" ins Auge, die die vier Alben der Band zwischen 1976 und 1981 auf 3 CDs enthält. Ich habe eine kleine Schwäche für P.Funk, also: gekauft.
P.Funk ist die Musik von Parliament-Funkadelic (zwei Schwesterbands rund um George Clinton aka Dr. Funkenstein aka Dr. Funk aka Mr. Wiggles aka Starchild) sowie deren verschiedener Ablegerprojekte.
Die oben erwähnten Analogien zum Prog sind zwar auffällig wie - natürlich - oberflächlich. Die beiden Stilrichtungen kommen aus zu unterschiedlichen Hintergründen, um wirklich musikalisch ähnlich zu sein. Unfair ist es z.B. zu einem gewissen Grad, Funkadelic mit Parliament in einen Topf zu werfen, auch wenn beide Bands wenigstens teilweise aus genau den gleichen Mitgliedern bestanden. Das Konzept der wesentlich instrumentaler, psychedelischer geprägten Funkadelic war einfach ein anderes als das der mainstreamigeren, gesangslastigeren Parliament: die oben erwähnten ellenlangen Gitarrensoli findet man etwa nur bei Funkadelic.
Dafür klingen diese dann teilweise (siehe etwa "Hardcore Jollies") erstaunlich spacig und gar nicht unähnlich zu dem, was Steve Hillage grob zeitgleich solo und mit Gong fabrizierte.
Überhaupt: seltsame Science Fiction Saga, Musiker-Alter Egos mit albernen Namen, spacige Gitarren, unüberschaubares Gewirr an Parallel- und Nachfolgeprojekten mit verschiedenen, aber ähnlichen Namen: da schlagen die Pothead Pixies den Gong, würde ich meinen. (Natürlich kommt die Verwendung von Science Fiction Motiven für afroamerikanische Künstler natürlich aus einer ganz anderen Motivation als bei Europäern und war obendrein nichts Neues, vgl. Sun Ra. Ebenso waren Parliament-Funkadelic viel offener politisch in ihren Texten als Gong und die meisten anderen Prog-Gruppen, wenn man die links-gerichteten RIO-Bands einmal ausnimmt.)
Eine andere Analogie ist vielleicht noch bizarrer, aber eigentlich noch augenfälliger: repetitive Songs mit Überlänge und ständigen Variationen über den wiederholten Strukturen, sehr dominante Bassarbeit, starker Chorgesang, ein über mehrere Alben gestreckter Science Fiction Konzeptzyklus, starker Jazzrock-Einschlag: diese nüchterne Aufzählung könnte auch Magmas Zeuhl statt Parliaments Funk beschreiben.
Natürlich ist immer noch das Ausgangsmaterial beider Bands sehr unterschiedlich, und aus unterschiedlichem Material wird eben meist ein unterschiedliches "Produkt". Dennoch: vielleicht erscheint Magmas Hinwendung zu Soul/Funk à la "You" und spacigen Glitzerkostümen bei "Retrospektïw 3", "Concert Bobino 1981" und "Merci" unter diesem Licht nicht mehr ganz so bizarr...
So schön das Spiel "finde die Analogie" ist: progressiv im Wortsinne waren Parliament-Funkadelic vielleicht, "Prog" im engeren Sinne sicher nicht. Das will aber nicht heissen, dass sie nicht das Potential hätten, vielen Proggern zu gefallen! Einige Postings in rec.music.progressive legen nahe, dass sie, wenn schon nicht "Prog Funk", so doch vielleicht wenigstens "Progger Funk" sind.
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