Pendikel
Manchem Leser mag es langweilig werden, gar widerwärtig sein, wenn ich zum wiederholten Male einen "Die wichtigsten CDs der Woche"-Hype von SPIEGEL Online seziere. Solchen empfehle ich, sich ohne Umschweife wegzuklicken.
Die Zurückgebliebenen werden vielleicht noch mehr Verständnis haben, wenn ich aus der entsprechenden Rezension von Jan Wigger folgenden Signalsatz zitiere (obendrein benutzt Wigger sogar das P-Wort ohne offensichtliche Verachtung, wenn auch mit einer leicht verklausulierten Spitze):
So scheint sich der überwältigende erste Song "Dead City" vor King Crimsons Jahrhundertstück "In The Court Of The Crimson King" zu verneigen, wobei Sänger Carsten Sandkämper stimmlich eher als Widergänger [sic] des frühen Peter Gabriels auftritt.
Es geht um die deutsche Gruppe Pendikel und deren aktuelles Album "Don't cry, Mondgesicht". Leider komme ich nicht am Seufzen vorbei: Natürlich ist die Verbindung von "Dead City" mit "In The Court Of The Crimson King" ziemlicher Quatsch. Musikalisch und von der gesamten Klanggestalt her haben die beiden Stücke kaum Ähnlichkeit. Schwellende Streicherklänge hier und da machen noch keinen "Court".
Auch Carsten Sandkämper als Wiedergänger (so die korrekte Schreibweise) von Peter Gabriel zu beschreiben, liegt daneben. Zum einen gibt es weder stimmlich noch in der Artikulation - auch in den eher seltenen englischen Textpassagen - wesentliche Gemeinsamkeiten. Und: "Wiedergänger" bedeutet laut Duden "ruheloser Geist eines Toten", und dafür klingt Sandkämper bei aller Lakonie deutlich zu lebendig.
Richtig ist aber, dass Pendikel sich auch immer wieder typisch (wenn auch nicht exklusiv) proggiger Ausdrucksmittel bedienen, etwa krummer Metren, sogar leichter Polymetrik, hymnischer Bombastpassagen, bewusste Schrägheiten, Mellotronklänge. Aber: "auch". Denn daneben gibt es viel melancholischen Indie-Rock-Sound oder sogar ansatzweise Punkiges, ganz selten psychedelische Anklänge. Die einzige mehr oder weniger "echte" Prog-Nummer auf "Don't Cry, Mondgesicht" ist das Titelstück, das mit schwermütigem Mellotronüberschwang und kratzigen Gitarren an die guten Anekdoten selig erinnert.
Dennoch, nein gerade deshalb, ist "Don't Cry, Mondgesicht" ein wirklich hübsches, angenehmes, stellenweise mitreissendes Album. Die Kombination der verschiedenen Stilistiken und musikalischen Element wirkt frisch und erfrischend.
Dass Bands sich solches trauen und dafür nicht mit Kritikerverachtung abgestraft werden, dürfte das deutlichste Zeichen für das Prog-Revival sein.
Bzw.: Vor allem darin dürfte das "Revival" bestehen. Denn das "reinrassiger" Progressive Rock ein Publikumsgunst-Comeback machen wird, steht nicht zu erwarten. Sondern proggige Techniken halten mit Verspätung Einzug in die Schatzkiste dessen, "was geht"; was manche erfreuliche Vielfalt, andere postmoderne Beliebigkeit nennen werden.
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