17.11.2005

MIO Records - ein Nachruf

Das 2001 gegründete israelische Label MIO Records hat vier Jahre lang aufwändig aufgemachte CDs mit 70er-Jahre-Obskuritäten aus dem weiteren Prog-Umfeld (also elektronische Musik, Avantgarde und Jazzrock eingerechnet) wiederveröffentlicht oder gar erst ausgegraben und zum ersten Mal veröffentlicht, ergänzt durch eine Neuerscheinung (Mr. Toad mit "Trench Art", irgendwo zwischen sanfter Kammermusik, Folk und den frühen King Crimson) und ein Paar israelische Garagenpsychedelik-Klassiker (Danny Ben Israels "Bullshit 3 1/4" und Shmulic Krause - manchmal auch als Shmuel Kraus geführt - mit "A criminal record").

Im August 2005 gab MIO-Boss Meidad Zaharia bekannt, dass MIO aus vielerlei Gründen leider den Betrieb einstellen werden und keine weiteren Veröffentlichungen geplant sind. Seither werden bis zum 1. Januar 2006 die CD-Restbestände zu Sonderpreisen verkauft, sowohl über den MIO-eigenen Webshop als auch via eBay.

Zeit also, die meines Erachtens lohnenswertesten MIO-Veröffentlichungen zu erwähnen. Die Sache hat nur einen Haken: die beiden besten MIO-CDs - siehe unten - sind beim Label selbst bereits vergriffen. Aber möglicherweise hat der ein oder andere Zwischenhändler sie noch am Lager (vielleicht sogar das Kaufhaus Beck...).



Prädikat: Besonders wertvoll

Begnagrad - Begnagrad

Diese Gruppe aus Ljubljana spielt auf ihrem einzigen Album aus dem Jahr 1982 eine wüste Mischung aus schrägen Rock-in-opposition-Experimenten und Balkanfolklore, und dies ungemein energetisch und mit mehr als hohem Spaßfaktor.

Mehr - natürlich - auf den Babyblauen Seiten

Pocket Orchestra - Knêbnagäuje

Diese CD bündelt zwei bis dato unveröffentlichte Demos der amerikanischen Band "Pocket Orchestra", die mitreissend tempovoll und virtuos sowohl komplexe Kompositionen als auch relativ freie Improvisationen in der RIO-Nachfolge zelebrieren, möglicherweise manchmal ein wenig zu verkopft, allerdings ohne jede Behäbigkeit.

Pocket Orchestra auf den BBS

Prädikat: wertvoll

Mosaïc - Ultimatum

Auch im schrägeren Bereich tummeln sich Mosaïc aus Frankreich, die auf erfrischende Weise Zeuhl, Canterbury und RIO vermengen, was auf der MIO-CD via ihr erstes und einziges Album, ein Demo und weitere Bonusnummern dokumentiert wird.

Mosaïc auf den BBS

Nicht nur schräg

Nicht, dass der Eindruck entsteht, dass bei MIO Records nur allzu abgefahrenes Zeug erschienen ist (obwohl etwa auch die Decibel- und Magical Power Mako-Sets sowie die Besombes-Sammlung und Flamen Dialis reichlich seltsam sind). Mit Atmosphera aus Israel oder Kyrie Eleison aus Österreich - erstere deutlich Yes-beeinflusst, letztere ein Beinahe-Genesis-Klon - gibt es auch Futter für Symphonic-Freunde, allerdings vor allem für diese Archivare darunter. Die üppige Kyrie Eleison-Box krankt unter der stark unterdurchschnittlichen Klangqualität der Aufnahmen. Atmosphera klingen insofern professioneller, sind mir persönlich aber etwas zu harmlos.

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