Mini-LP-Papphüllen sind sexy, und Anthony Braxton freut sich darüber
Gestern wanderte ich zum wiederholten Male durch's Kaufhaus Beck, eine Dekoration gewordene Männerhölle aus Designerkleidung von der Stange, überteuerten Sonderangeboten, Spa- und Wellness-Bereich, Sushibar sowie einer Oase der Glückseligen: der CD-Abteilung.
-"Ich hole Dich dann da ab."
-"Lass Dir ruhig Zeit."
Der nach Prog Dürstende wird enttäuscht sein. In die steinigen Niederungen der populären Musik lässt sich das Kaufhaus Beck nicht herab. Andererseits: wo sonst könnte man sich im Weltmusikflur eine einsame Amon Düül II CD (Phallus Dei) greifen und sie von Renate Knaup-Krötenschwanz höchstselbst signieren lassen, die eben dort mit rauchig-markanter Stimme beratungswilligen Kunden zur Seite steht?
Natürlich bin ich für so etwas viel zu schüchtern, und nach einem verstohlenen Blick auf die Krautrock-Legende trollte ich mich in den Jazz-Bereich. Mich führte - wie immer - mein Weg als erstes in die Avantgarde-Nische. Dort geben sich Rock, Klassik und Jazz die Hand, und gelegentlich zerren sie dadurch eher jazzferne Formationen in feindliche Umgebung: Area und etwa Art Zoyd wurden hier schon gesichtet.
Hier tummelt sich auch ein grosser (ehemals allerdings grösserer. Das Beck scheint das Sortiment im Jazzteil sanft aber merklich einzudampfen - viele der zusätzlichen, früher ebenfalls prall gefüllten Querregale waren verwaist) Regalteil mit Aufnahmen von Anthony Braxton, der aber nur einen Bruchteil seines Gesamtwerks ausmacht.
Anthony Braxton: ich kann nicht behaupten, viel von ihm zu kennen. Ich kann nicht behaupten, dass ich alles mag, geschweige denn, dass ich das verstehe, was ich von ihm kenne. Aber jedes seiner Alben strahlt unwiderstehlich und unwidersprochen aus: hier ist jemand Besonderes zu Gange. Braxton bedeutet für mich pure Faszination. Seine Mischung aus strenger Intellektualität, ebenso ungewöhnlichen wie durchdachten formalen Strukturen bei gleichzeitiger vom FreeJazz erhaltenen Freiheit und Radikalität der Ausdrucksweise ist ebenso einmalig wie die Breite seines Schaffens: Orchesterwerke, Klaviermusik, Musik für kleine Ensembles (Trio, Quartett, Quintett, Sextett usw.), Duo und Solo am Altsax.
Ich stand also vor dem Anthony Braxton Regal, und da lachte sie mich an: die grandiose Aufnahme des Konzertes seines Quartetts beim ersten Dortmund Jazz Festival 1976. Dieses Album, "Quartet (Dortmund) 1976" gehört zu den beeindrucksten Aufnahmen mit freejazz-artigem Jazz, die ich kenne. "Frejazz-artig" deshalb: ob man Braxtons Kompositionen eigentlich, trotz aller darin vorgesehenen Freiheit des einzelnen Musikers, Freejazz nennen kann, bin ich nicht sicher. Tatsächlich kenne ich diese Aufnahme in anderem Format schon seit einiger Zeit. Aber hier steht sie als... Mini-LP-Papphülle.
Diese unschöne Wort benennt eine der gemeinsten Erfindungen der Plattenindustrie: Klangqualität und praktisches Format der CD im unwiderstehlich schmal-eleganten Look der Vinyl-LP. Plattencover in Originalgröße sind unhandlich, schnell versifft und zerfleddert; ich kann den Kult nicht nachvollziehen, den Vinylfetischisten darum betreiben. Aber sobald ein LP-Cover auf CD-Grösse geschrumpft wird, schmelze ich dahin: diese Dinger sind einfach sexy. Zu sexy.
Mein innerer Widerstand gegen den unwiderstehlichen Kaufimpuls hatte nur noch Alibifunktion. Musik vom andern Stern in nobler Verpackung, obendrein ein Sticker mit dem Aufdruck "Limited Edition of 1500": wer soll da stark bleiben? Dabei ist das Kaufhaus Beck in eigentlich allem eine recht Apotheke. Ich war schon des öfterem im Internet um die Dortmund-CD herumgetänzelt und hatte mich für wesentlich weniger Geld noch nicht entscheiden können sie zu bestellen. Wenn mir aber eine solche Verpackung unter die Nase gerieben wird, ist alles zu spät. Und da man auf einem Bein nicht stehen kann, musste noch eine zweite CD im Mini-LP-Sleeve mit, ebenfalls von Anthony Braxton, diesmal Composition No.94 für Trio in einer atemberaubenden Aufnahme von 1980: im ersten Set die eigentliche Nummer 94, im zweiten die gleiche Komposition, aber komplett rückwärts gelesen und gespielt.
Kurz darauf fuhr ich Strassenbahn.
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