Mellotron mal anders
Majestätische Streicherflächen und bombastisches Chorwabern: Daran denkt man als Progfreund wohl zuerst, wenn das mystische Mellotron erwähnt wird. Dass damit die Vielseitigkeit des antiken Samplers auf Tonbandbasis unter Wert verkauft wird, demonstrieren - wie schon in meiner babyblauen Rezension zu ihrem Debütalbum "Soundtracks For Imaginary Movies" ausgeführt - z.B. Systems Theory, ebenso wie die Tatsache, dass das Mellotron seinen Platz nicht nur im klassischen Prog hat, schließlich verdanken Systems Theory modernen und althergebrachten - etwa Tangerine Dream, die das Mellotron ebenfalls einsetzten - Elektronikmusikern mindestens so viel oder mehr, als Yes, Genesis oder ELP.
Eine ganze andere Richtung schlägt ein ebenfalls überaus mellotrongetränktes Album ein, das dieser Tage bei mir eintraf: Fritz Doddys - mit einem solchen Namen kann man fast nur gute Musik machen - klein-feines Popmeisterwerk "The Feeling of Far". Hier geht es weniger um ungewöhnliche Mellotronsounds, als um ein ungewohntes Umfeld. Fritz Doddy, im Hauptberuf Werbekomponist, schafft eine Platte, in der das Mellotron vor allem mit Streichern und Flöte, aber auch mit speziell angefertigten Klängen, einen wichtiger Farbtupfer darstellt, der die Klangpalette gleichermaßen grundiert wie abrundet.
Dabei werden aber auch jede Menge weiterer Instrumente, teils ziemliche exotische, verwendet, allerdings nie als reine Gimmicks, sondern immer in den Songzusammenhang eingebunden, so dass sich ein sehr farbenfrohes, aber homogenes Gesamtbild ergibt. Diese feingliedrigen, detailreichen Arrangements mit viel Gesang, Doddys raffiniert und routinierte Produktion zwischen Moderne und 60er Jahren alleine würden die Scheibe bemerkenswert, aber nicht gut machen. Aber im Zusammenklang mit den wunderschönen aber nicht schnulzigen, feinen aber nicht peinlichen Melodien geradewegs aus der - leicht psychedelisch angehauchten - Beatles- und vor allem Beach Boys-Schule - und dem fluffigen, leichten Gefühl, das transportiert wird, lassen "The Feeling Of Far" zu einem der sträflich-unbekanntesten Alben des letzten Jahres werden.
Der Kreis läßt sich nun gleich im und gegen den Uhrzeigersinn schließen: in seiner Rezension zu "The Feeling of Far" nennt Steven Davies-Morris eben von System Theory Doddy einen "mellotron-wielding Brian Wilson". Das ist nicht nur ein Bild, das wegen der - für mich - unvermeidlichen Assoziation des Wortes "wielding" mit dem Ausdruck "axe wielding" (Axt schwingend) mir ein leichtes Grinsen ins Gesicht zaubert, sondern trifft es auch inhaltlich. Und System Theorys Mike Dickson betreut die Website der Streetly Electronics Mellotron Tape Library, auf der auch einige von Fritz Doddys speziellen Mellotronbändern vorgestellt werden. Die Welt ist klein, die Mellotronwelt noch ein bisschen kleiner.
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