16.05.2008

Marjoe

Im Amerikanischen gibt es den Begriff "Con man", für den es im Deutschen keine echte Entsprechung gibt. Leo u.A. schlägt "Trickbetrüger" und "Bauernfänger" vor. Beide Übersetzungen sind nicht falsch, treffen aber nicht ganz den Kern der Sache. "Con" kommt von "Confidence". Ein "Con man" erschleicht sich also das Vertrauen seiner Zielperson ("mark" im Englischen), um es anschließend um etwas zu erleichtert, meist Geld. Ein Trickbetrüger ist aber nicht notwendigerweise ein "Con man", und "Bauernfänger" würde suggerieren, dass nur Tölpel einem Con man auf den Leim gehen, wohingegen durchaus intelligente, welterfahrende Menschen zu Opfern eines Con man werden können. Marjoe (Von "Mary" und "Joseph") Gortner war eine Art Con man, in dem Sinne, dass er das Vertrauen der Gemeinden der Pfingstbewegung, in denen er als wandernder Prediger arbeitete, gewinnen musste, damit er wiederum ihr Geld bekam.

Der Film "Marjoe" (1972 Gewinner des Dokumentarfilm-Oscars) begleitet Gortners "Tour" als Prediger - seine letzte, da Gortner in dem Film und mit den Filmemachern zusammen enthüllt, wie er - und viele andere Prediger - ohne selber zu glauben mit dem Predigergeschäft gutes Geld machen. Gortner erklärt der Crew, worauf sie achten muss, um in den "Pentecostal"-Gemeinden nicht aufzufallen, also ihr Cover nicht zu versauen, er erklärt, wie man die Gottesdienst-Besucher zur Raserei bringt, um ihnen die Illusion der Anwesenheit des Heiligen Geistes einzuflößen, damit sie schlußendlich Geldbeutel oder Checkbuch zücken. Was die Schäfchen in der Raserei des Pfingstgottesdienstes natürlich tun, und während draußen die Gläubigen noch verzückte Ekstase erleben, sitzen die Prediger im Hinterzimmer und zählen Geldscheine - teilweise sogar nicht mal im Hinterzimmer, sondern auf der Bühne des Gotteszeltes.

Große Teile des Films zeigen Gortners Show und die seiner Kollegen, die ekstatische Gospelmusik, die schreienden, singenden, tanzenden Prediger, die verzückte Masse, unvorstellbare Verhältnisse für Gottesdienste in einer der deutschen Amtskirchen, und trotzdem eine stumpfe, dröge Angelegenheit: "Thank Jesus! Thank Jesus! Thank Jesus! Hallelujah! Thank Jesus! Thank Jesus! Hallelujah!" minutenlang, bis sich die Gottesdienst-Besucher in einer Schlange zum Prediger anstellen, um von ihm den heiligen Geist eingeflößt zu bekommen, wobei nicht wenige zuckend zu Boden fallen, und die Nachkommenden über sie steigen müssen. Bizarr. Komisch und traurig.

Gortner wurde von seinen Eltern, beide selber Prediger, von kleinauf für diese Karriere gedrillt. Schon als Vierjähriger begann er zu Predigen, sogar Ehen zu schließen. Als mit der Pubertät seine Wirkung nachließ und er keine Lust mehr hatte, zog er sich einige Jahre in die Gegenkultur zurück, begann aber Ende der 60er wieder als Prediger zu arbeiten, bis er aussteigen und gleichzeitig mit dem Film den Prediger-Zirkus entlarven wollte.

Sicher nicht nur aus purer Reue, den Gortner ist Selbstdarsteller und Rampensau - sonst hätte er den Job kaum jahrelang machen können. Er gibt dies auch zu - und gleichzeitig, dass er lieber ein Film- oder Rock-Star wäre (in der Tat gibt er ebenfalls zu, sich einige seiner Bühnenbewegungen während der Predigten von Mick Jagger abgeguckt zu haben), und vermutlich spekulierte er darauf, dass der Dokumentarfilm ihm helfen konnte, seine Karriere entsprechend umzubiegen. Dies hat bedingt geklappt, den anschließend wirkte Gortner als Schauspieler in unvergessenen Filmen wie der italienischen Kult-SciFi-Trash-Gurke "Star Crash" an der Seite von Caroline Munro und David Hasselhoff...

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