King Kong (2005)
Ich weiß nicht, wie Peter Jackson es schafft, für seine Projekte das Geld zu besorgen, aber alleine die Tatsache, dass ein Filmemacher, der seine Karriere mit humorigen, aber auch sehr blutigen Low-Budget-Splatterfilmen wie Bad Taste oder Braindead / Dead alive begann, inzwischen hunderte Millionen bewilligt bekommt, um seinen Träumen nachzugehen, ist alle Anerkennung wert (auch wenn etwa Sam Raimi - vielleicht kommt ja irgendwann "Evil Dead vs. Spider-Man"? - eine nicht unähnliche Karriere hingelegt hat). Diesmal hat es also keine literarische Vorlage erwischt, sondern einen von Jacksons Lieblingsfilmen: King Kong. (Jacksons Horrorherkunft bricht sich ähnlich wie beim Herrn der Ringe in manchen Einstellungen allerdings immer noch Bahn, siehe etwa die verwaschenen SloMo-Aufnahmen beim Kampf mit den Eingeborenen).
Wie beim Herrn der Ringe bleiben Jackson und seine Drehbuchautoren der durch das Original vorgegebenen Grundgeschichte soweit treu, ändern dabei aber einige Koordinaten, insbesondere Hauptfiguren, und blasen den Actionanteil weiter auf, wofür insgesamt mehr als drei Stunden Laufzeit benötigt werden. Den Großteil der Mehrzeit verbraucht "King Kong" vor der Landung auf "Skull Island", Kongs Reich: die Exposition in New York mit den Mühen des Regisseurs Denham, Geldgeber für seinen nächsten Film zu finden wird ausgeweitet, ebenso die Vorgeschichte seiner schließlichen Hauptdarstellerin Ann Darrow, die hier zu einer arbeitslosen Vaudeville-Künstlerin wird, deren Theater depressionsbedingt schließen musste. Diese längere Einführung schadet dem Film aber überhaupt nicht, obwohl ich, nachdem die ersten Kritiken erschienen, diesbezüglich Sorge hatte.
Überhaupt ist die Figur Ann Darrow in Jacksons "King Kong" wesentlich menschlicher angelegt; die hervorragende Naomi Watts darf eine viel größere Bandbreite an Emotionen spielen als Fay Wray im Original, die im großen und ganzen nur schön blond sein und viel, wirklich viel kreischen durfte. Ihre Liebesgeschichte mit dem Drehbuchautor Jack Driscoll bleibt dennoch auch hier - wie im Original, wo Driscoll allerdings einer der Seemänner war - blass und wirkt zu schnell herbeigezaubert.
Jack Blacks Carl Denham ist hier viel stärker ein Scharlatan, jemand, der sein Leben so inszeniert wie seine Filme und mit den Menschen um sich herum sowie schließlich Kong ebenso umgeht wie mit den Schauspielern in seinen Filmen: Sie dienen nur dem Erreichen seiner Ziele und können bei Bedarf eben wirklich durch Schauspieler ersetzt werden - für ihn gibt es insofern keine Trennung zwischen Wirklichkeit und Fiktion.
Auch Kong als nominelle Hauptfigur des Films ist nicht der gleiche. Zwar ermöglicht es die moderne Computertechnik mit Hilfe von Andy Serkis' Darstellungskunst, der künstlichen Figur wesentlich ausgeprägtere Nuancen des Ausdrucks zwischen Neugierde, Langeweile, Faszination und Wut einzuhauchen. Aber Kongs Faszination mit Ann Darrow wirkt hier seltsam klinisch. Wo im Original eine unterschwellige, aber mehr als deutliche sexuelle Komponente spürbar war - die sicherlich einiges zur vom Zuschauer empfundenen Bedrohlichkeit Kongs beitrug, man denke nur an die Szene, in der Kong Ann Darrow "entblättert" und dabei zwischendrin immer wieder an seinen Fingern riecht -, wirkt Kong hier einfach wie jemand, der einen Kumpel braucht, und dieser ist halt zufällig eine blonde Menschenfrau.
Natürlich ist die Qualität der Computergraphiken bei einem solchen Film ein Thema. Während es bei der Affenanimation fast nichts zu meckern gibt, wirkten einige der Szenen mit den Sauriern auf Skull Island erstaunlich altbacken - was die Optik angeht. Teilweise waren sogar deutliche Blue-Screen-Schatten um die Schauspieler zu erkennen. Teilwese (ich denke - ohne zu viel spoilern zu wollen - an die "Verfolgungsjagd") wirkte es so, als ob das Jacksons Phantasie und das Drehbuch mehr abgebissen haben, als die Animateure trotz 200 Millionen Dollar Produktionsbudget schlucken konnten. Äußerst effektiv war aber die sogenannte "Spider Pit"-Szene, die aus dem 33er Film geschnitten wurde - und seither ist das Originalmaterial verschollen -, weil man glaube, sie dem Publikum nicht zumuten zu können. Dass fast das gesamte Kino hier immer wieder aufstöhnte und -seufzte lag aber nicht unbedingt an besserer Animationsqualität, sondern eher daran, dass der vergleichsweise reale Horror glitschiger Würmer und vielgliedriger Spinnentiere anscheinend tiefer ins kollektive Unterbewusste stößt als zwar bedrohlich-agressive, aber eben eigentlich lange ausgestorbene Urviehcher.
Kein Kong-Remake kommt natürlich ohne mehr oder weniger explizite Anspielungen auf das Vorbild aus. Mir aufgefallen sind folgende Referenzen: Als er die Liste möglicher Hauptdarstellungen durch geht, verwirft Denham eine "Fay", weil sie momentan für "Cooper" an einem RKO-Film arbeite (Fay Wray spielte 1933 Ann Darrow unter der Regie von Merian C. Cooper); auf dem Schiff drehen Denham, Darrow und der männliche Hauptdarsteller Bruce Baxter eine Szene, die im 33er Film genauso vorkommt; Denham diskutiert mit dem Autor Jack Driscoll dessen Drehbuch: "Du läßt den ersten Offizier umkommen?" (im 33er Original war Jack Driscoll der erste Offizier des Schiffskapitäns sowie Ann Darrows Liebhaber und Retter).
Alles in allem ist der 2005er Kong ein netter, wenn auch sehr langer Popcorn-Film, mit teils durchwachsenen, teils spektakulären Effekten und einer universell verständlichen Geschichte. Allerdings ist er im Endeffekt kein echter Ersatz für das filmhistorisch sicherlich bedeutsamere und inhaltlich nicht weniger gehaltvollene Original.
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