04.12.2005

King Kong (1933)



Vormittags ins Kino ist desorientierend: wenn man anschließend aus dem dunklen Vorführsaal wankt und draußen in die grelle Sonne blinzelt, stellt sich nur eine Frage: Warum zum Teufel ist es nicht stockdunkel? Gelegentlich ist eine Matineeverstellung trotzdem eine feine Sache - insbesondere, wenn sie wie nahezu jeden Sonntag im Cinema mit einem im Eintrittspreis enthaltenen Frühstück verbunden ist: Kaffee, Tee oder Kakao in beliebigen Mengen, ebenso Brezn, Croissants, Brötchen (mit zweierlei Marmelade, Butter und Erdnußbutter).

Neben dem kulinarischen Anteil gab's diesen Sonntag in Erwartung der immanenten Peter-Jackson-Neuverfilmung auch einen filmhistorischen Leckerbissen: "King Kong" im englischsprachigen Schwarzweißoriginal von 1933, ein Film, den ich bereits etliche Male im Fernsehen geschaut habe. Aber auf großer Leinwand in einer sehr guten, wenn auch nicht makellosen restaurierten Version: das ist etwas Besonderes - und nicht nur, weil der auf das Empire State Building geflohene Kong zu den ins Massenunterbewusste der modernen westlichen Welt eingebrannten, popkulturellen Ikonen gehört.

Zum Beispiel war mir auf dem kleinen Bildschirm noch nie aufgefallen, wie dünn und durchsichtig die Blusen der weiblichen Hauptfigur Ann Darrow, dargestellt von der hier platinblondierten Fay Wray, einer der ersten Scream-Queens des Tonfilms, tatsächlich waren. Außerdem war mir nicht mehr bewußt, wie brutal einige der Szenen tätsächlich ausgefallen sind: Menschen fallen meterweit in einen Canyon, werden von King Kongs Kiefern zermalmt oder seinen Füßen zerquetscht.

Die King Kong-Geschichte ist hinlänglich bekannt. Nun sind Monster-Filme in den seltensten Fällen einfach nur solche - die meisten lassen sich auf anderen als der oberflächlichen Popcorn-Ebene genießen (ein Beispiel, etwa auch mit Fay Wray: in "The Vampire Bat" saugt der örtliche Bourgeois die kleinen Leute gnadenlos aus, im Film nur eben wortwörtlich, und das im Titel versprochene Monster entpuppt sich letztenendes als ziemlich menschlich).

Bei King Kong ist dies besonders augenfällig. Ein Film über Filmemacher und das Drehen eines Films verführt immer zu Hintergründigkeiten. Deshalb kann man King Kong auch anders als eine weitere mögliche Interpretation, nämlich einer frankensteinartige Geschichte vom unverstandenen Monster auf der Suche nach Liebe, lesen. Die Doppeldeutigkeit der Drehbuchs war den Regisseure und Produzenten Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack sicherlich bewusst, schließlich lassen sie unterwegs auf dem Schiff in einer Kameraprobe Fay Wray als Ann Darrow genau das Entsetzen mimen, das Darrow schließlich auf der Insel erleben wird - und dem Zuschauer ist dadurch dabei die ganze Zeit bewusst, dass es nur gespielt ist.

So wie die Eingeborenen auf Skull Island dem Riesenaffen eine Jungfrau opfern, um ihn zu besänftigen, so muss der Filmemacher Carl Denham dem Publikum eine Liebesgeschichte, insbesondere eine gutaussehende weibliche Hauptdarstellerin bieten und steht damit so sehr unter Druck, dass er sie kurz vor Abfahrt zum Drehort nahezu wahllos von der Straße aufliest. Dieses Opfern am Altar des Massengeschmacks wird dadurch metaphorisiert, dass Darrow schließlich dem den anonymen Moloch Publikum personifizierenden Kong dargebracht wird. So bekommt das Publikum im Saal die geforderte Liebesgeschichte, die ihm gleichzeitig unter die Nase reibt, welcher Preis möglicherweise dafür bezahlt werden muss.

Dann wird aber der Spieß umgedreht. Kong wird gefangen genommen und als gefesselte Monstrosität selbst vorgeführt: seht, so schaut's im Showbiz wirklich aus. Nicht umsonst gerät King Kong erst unter den bedrängenden, endlosen Blitzlichtern der Reporter in die Raserei, die ihn seine Fesseln sprengen läßt.

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