06.07.2004

Keiner fragt, aber ich antworte

Sal mutmasst im ÜrgselBlog:

"Vielleicht ist ja das der Grund für die zahllosen Blogs: Sie sind ein letztes Stück gelebter Anarchie im HTML-standardisiertem und Shockwave-animiertem Hochglanz DSL-für-alle Web."

Hmhm. Ich würde die Blogs nicht als "letztes Stück gelebter Anarchie werten", sondern als die Wiederkehr eines totgeglaubten Phänomens, also eine Art digitaler Zombie: der persönlichen Homepage.

Erinnert sich hier noch jemand an die frühen Tage des Web, so 1994/95? Das war die Zeit, als das WWW allmählich von einem Hypertext-Netzwerk für Wissenschaftler zu einem Massenphänomen wurde. Plötzlich brauchte jeder eine mit Frontpage zusammengeklickte (im Fall der studentischen Nerds: mit Notepad, vi(m), Emacs zusammengehackte) Homepage, die "meine tollsten Links" und eine nichtssagende Biographie enthielt und meist wenig mehr. In wenigen Fällen wurden aus solchen Homepages ein Weltkonzern (siehe Yahoo!), in viel mehr Fällen vergammeln seit April 1997 nicht mehr upgedatete Seiten bei Geocities bzw. einem Uni-Server oder verschwanden im Kielwasser des Untergangs eines der vielen Anbieter kostenlosen Webspaces.

Die momentane Blogysterie erinnert mich an diese Goldgräberstimmung. Aus Frontpage wurde einer der Massenblog-Anbieter, aus Notepad/vi(m)/Emacs wurde Movable Type, Wordpress und Co., die Geocities von heute sind 1+1 (mit erschwinglichem Hosting und Servern) oder Blog-Anbieter wie blogger.com, aus "meine tollsten Links" wurde die obligatorische Blogroll.

Was sich geändert hat: das Design und auch das HTML-Markup der Blogs ist in den meisten Fällen deutlich besser als die zusammengestümperten ersten Homepage-Versuche, da die modernen Tools besser sind und halt auch 10 Jahre Standard-Entwicklung hinter uns liegen. Und vor allem: die danke komfortabler Software bequeme Pflege eines Blogs macht es leichter, regelmässig Inhalte zu erstellen. Ob diese Inhalte taugen, ist eine ganz andere Frage. Und als Blogger weiss ich, wie schwierig es sein kann, sich regelmäßig irgendwas auch nur mäßig Interessantes aus den Fingern zu saugen.

Vielleicht ergibt sich aus dem Geblogge tatsächlich das nächste "Yahoo!". Trotzdem denke ich, dass sich zu den verlassenen persönlichen Homepages in einigen Jahren eine Unmenge-Blogleichen im Netz gesellen werden, die entweden in ewiger Stasis vor sich hin dümpeln oder sang- und klanglos verschwinden werden.

Ausserdem 'abe isch gar keine Katze!

Kommentare

[via: Keiner fragt, aber ich antworte]

*kicher*

Gut gebrüllt, Udo-Löwe... :-)

In der Tat haben Udos Ausführungen einiges für sich, wobei ich es ja schon wieder sehr spannend finde, dass solch ein "Phänomen" sich langsam (oder eben gar nicht so langsam) vom Spezialisten-Ding zum AOL-User-Hobby mausert, um dann vom nächsten Trend abgelöst zu werden und zu nichtigem Staub zu zerfallen ... so gesehen besteht ja noch Hoffnung für die Welt, denn es steht natürlich selbstredend felsenfest, dass *mein* Blog alle Moden überdauern wird und die Welt mit sinnreichem Gefasel beglücken wird.

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