30.10.2005

Kein Mann aus Stahl



Sprach ich vor kurzem noch davon, mir keine weitere Obsession, speziell in Sachen Comic leisten zu können? Als ich vor kurzem auf einen Kaffee in der Hugendubel-Filiale am Stachus weilte, fiel mir der ausgestellte Stand mit den bisher erschienenen Teilen der neuen Reihe "Klassiker der Comic-Literatur - Ausgewählt vom F.A.Z.-Feuilleton" in die Augen - natürlich nicht wörtlich. Und schwupps war es um meinen Widerstand geschehen.

Ist aber auch raffiniert: bei einer solchen Ballung von vermeintlichen Kulturschlagwörtern ("Klassiker", "Literatur", "Feuilleton") könnte man sogar, wenn man nicht bereits der Meinung wäre, dass Comics Kunst sein können, guten Gewissens ein Comic einkaufen und gleichzeitig das Gefühl haben, damit etwas für die Bildung getan zu haben. Einen kleinen Wermutstropfen in den schmackhaften Kaffee schüttet die Tatsache, dass es sich im Prinzip bei diesen Bänden um nichts anderes als Best-Of-Zusammenstellungen handelt, wie ich sie bei Musik prinzipiell verabscheue. Aber man kann nicht alles kennen, und manchmal muss eine Anthologie leider reichen.

Mit dieser Resignation angesichts eines unüberschaubaren Kulturangebots bei gleichzeitigem Hunger nach Wissen und Führung stehe ich aber kaum alleine da. Ansonsten wären die allerorten seit Schwanitz' Bestseller "Bildung - Alles, was man wissen muss" und Reich-Ranickis "Der Kanon - Die deutsche Literatur" aus dem Boden sprießenden Reihen vor allem der diversen Zeitungsverlage keine so großen wirtschaftlichen Erfolge.

Dies lehrt u.A. auch: solange nicht SZ oder FAZ eine 52-teilige "Kulturgeschichte des Progressive Rocks in Hörbuchform mit Musikbeispielen" herausgeben, müssen wir uns um die Mainstreamwerdung des Progs keine Gedanken machen (und das wird wohl noch dauern; die Ausgaben 1969 und 1973 der SZ-Diskothek-Reihe "1000 Songs. 50 Jahre Pop. 1955 bis 2004." etwa enthalten keine einzige Kernprog-Nummer, lediglich mit "Neu!" schon immer politisch korrekt gewesene Krautrocker, die man auch als Feuilletonist mögen darf) - und ich kann mich trotz des kleinen Comic-Schwächeanfalls noch ein Weilchen wohlig elitär fühlen...

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