Kampfansage - Der letzte Schüler
Genre-Filme erwarten meist vom Zuschauer, dass er seinen Sinn für Realismus zu einem hohen Grad ablegt. Wer sich in einem Zombie-Film aufregt, dass Tote nun mal nicht auferstehen, ist schlicht im falschen Film. Wie viele Musicals erklären - natürlich ohne ihre eigene Geschichtenebene zu verlassen - plausibel, dass die Protagonisten zwischendrin in Gesang und Tanz ausbrechen, ohne sofort von Männern in weißen Kitteln einkassiert zu werden? Und wo kommt überhaupt die makellose Orchesterbegleitung dazu her? Umso erfreulicher, dass "Kampfansage", der wohl erste abendfüllende deutsche Kampfkunst-Spielfilm, tatsächlich eine halbwegs plausible Erklärung dafür parat hat, warum nahezu sämtliche Protagonisten Martial Arts beherrschen und gewaltsame Konflikte nicht schlicht ratzfatz mit ein paar Kugeln gelöst werden.
Denn et is so: In naher Zukunft (ca. 2045 nämlich) sorgt eine schwere Wirtschaftskrise für europaweite Aufstände, die zur Abschaffung der herrschenden Ordnungen führen und Europa in einen quasi-vorindustriellen Gesellschaftszustand zurückfallen lassen. Dabei gehen auch das Wissen über Benutzung, Wartung und Herstellung technologisch anspruchsvoller Waffen verloren, und in gewaltsamen Konfrontationen und Kriegen kommt es folglich wieder auf den Kampf Mann gegen Mann an.
Dieser ansich lobenswerte Ansatz wird allerdings leider nicht konsequent zu Ende gedacht. Denn wenn das Wissen um Waffen und deren Wartung verloren gegangen ist, warum gibt es noch fahrbereite Lastwagen (storyexterne Überlegung: In einem von Action Concept [Alarm für Cobra 11, Der Clown] produzierten Film müssen motorisierte Gefährte vorkommen) sowie eine offensichtlich hervorragend funktionierende Untergrund-Disco mit DJ-Plattenspieler, Soundanlage und Stroboskop? Aber siehe oben: Das sind nur kleine Nickligkeiten, über die man wohl hinwegsehen muss, auch wenn das Gesamtergebnis überzeugender wäre, wenn das ausgedachte Szenario konsequent durchgehalten worden wäre.
Trotz mancher Problemchen, die man mit "Kampfansage" haben kann, muss man vor dem jungen Kampfkunst- und Filmemacher-Team Ehrenwerte Gesellschaft den Hut ziehen, dass sie mit einem Budget von 300.000 Euro und in nur 38 Drehtagen ein solches Erstlings-Spielfilm-Werk (nach einigen Kurzfilmen) auf die Beine gestellt haben, das trotz Digital-Kamera-Dreh dank sorgfältiger Farbkorrektur hin zu fahlen Brauntönen und großteils unauffälliger, aber effektiver Computer-Nachbearbeitung und -Effekte nicht nur zahlreiche sehr gute, schnelle und akrobatische Kampfszenen bietet, die die eindrucksvollen Fähigkeiten der Hauptdarsteller effektiv zur Schau stellen, sondern eben auch einen professionellen Look und eine eigene Atmosphäre hat.
Zwar hatten mich verschiedene Kommentare zum Film (etwa von Fantasy Filmfest Besuchern) unterirdische Schauspielleistungen erwarten lassen, aber so schlimm kam's dann doch nicht, auch wenn sicher keine oscarreifen Vorstellungen geboten werden (weder von den eher aus dem Kampfkunst-Bereich stammenden Darstellern, was aber auch kaum erwartet werden kann und bei vielen Hong-Kong-Produktionen auch nicht der Fall ist, noch von den eher dem Schauspielfach entstammenden Mitwirkenden, darunter übrigens Ygal Gleim, der dem ein oder anderen noch als "Charly" aus "Unser Lehrer Doktor Specht" bekannt sein dürfte).
Auch sind die teils hölzernen Dialoge sicher nicht von Shakespeare oder Goethe, aber auch hier gab's schon deutlich Übleres in großen Mainstream-Produktionen zu bestaunen (Ein Beispiel, kurz vor dem Stabduell zwischen Jonas und Vinzent: "Der sucht wohl einen Erben, mein Freund." - "Ich bin nicht Dein Freund." - "Dein Pech." Dieser grundsätzlich gar nich so schlechte sanfte verbale Schlagabtausch leidet daran, dass der erste Satz sich nicht zu entscheiden können scheint, ob Vinzent ihn zu seinen Kumpanen oder zum Gegner Jonas spricht. Jenachdem wäre "Du suchst wohl einen Erben, mein Freund" oder "Mein Freund sucht wohl einen Erben" logischer und flüssiger. Mit etwas kritischerem "Lektorat" hätten manche solcher Holprigkeiten vermieden werden können).
Auch die Grund-Story ist nicht sonderlich originell, sondern eine Verquickung des Kampfkunst-Klassikers "Schüler rächt ermordeten Meister" mit Robin-Hood-Motiven (ein Stabduell bewirkt die Aufnahme von Robin, pardon, Jonas in die Geächteten-Clique von Vinzent, Jonas trainiert diese, um den Kampf gegen Bosco - die Scheriff-Inkarnation - aufnehmen zu können, Diebesgut wird an Bedürftige verteilt, es gibt eine Rettung vor Hinrichtung in letzter Sekunde, die nur inszeniert wurde, um den Helden in eine Falle zu locken etc. etc.).
Die Hauptbösewichte sind übrigens ein lispelndes inzestuöses Geschwisterpaar, das leider nicht so überzogen-manieriert dargestellt wird, dass es schon wieder richtig gut wird (vergl. den zugegebenermaßen unvergleichlichen, grandiosen Alan Rickman als Sheriff im Costner-"Robin Hood"). Dass filmemacherisches Potential dafür da gewesen wäre, zeigt niemand geringerer als Bela B. als herrlich bekloppter Henker.
Die "Kampfansage"-Kauf-Doppel-DVD mit ausführlichem Bonus-Material erscheint erst im Mai (leider FSK-18, obwohl die Gewalt im Film selten außergewöhnlich brutal oder blutig ist), die Verleih-Version ist aber schon jetzt in Videotheken erhältlich, und für einen durchaus unterhaltsamen Kinoabend auf jeden Fall gut, wenn man Martial-Arts nicht grundsätzlich abgeneigt ist. Jedenfalls wünsche ich mir, dass "Kampfansage - Der letzte Schüler" in Verleih und Verkauf ein Erfolg wird, damit das Ehge-Team um die während der Produktion gewonnenen Erfahrungen reicher vielleicht die Chance bekommt, ein zweites, dann noch besseres Projekt auf die Beine zu stellen.
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