21.12.2005

Interview zur "Szene-Analyse zur Progszene"

Markus Voss a.k.a. Markus Wierschem a.k.a. Valacar arbeitet gerade für sein Studium an einer Hausarbeit zur "Szene-Analyse zur Progszene". Neben einigen Umfragen (siehe z.B. im progforum.de) führt er elektronische Interviews mit verschiedenen Prog-Fans, unter anderem yours truly.

Unten finden sich meine Antworten auf die sechs Fragen, die Markus dafür geschickt hat. Einiges von dem, was sich darin findet, geht übrigens inhaltlich in die Richtung dessen, was mir als ein ausgedehnterer Essay mit dem Arbeitstitel "Paraphernalien einer Prog-Mythologie" schon seit längerer Zeit vorschwebt. Weil dies aber nicht nur schon längere Zeit schwebt, sondern auch längere Zeit brauchen würde, habe ich vor kurzem schon als Aperitiv eine erste Skizze an dieser Stelle untergebracht, die zeigt, in welche Richtung es dabei gehen könnte. Insbesondere die Antworten zu Fragen 2 und 5 aus Markus Fragenkatalog könnte man fast als weitere Skizze zu den Paraphernalien ansehen.

Achtung: das Folgende wird ein bißchen länger. Aber vielleicht wäre es interessant, wenn es noch länger würde, nicht nur für mich, sondern auch für Markus. Wenn der ein oder andere Leser Anmerkungen zu meinen Antworten oder auch eigene Antworten auf die Fragen hat: die Kommentarfunktion steht allen offen.

1. Wie lange hörst Du schon "Prog", und was hörst Du am liebsten? [Wichtig wäre hier, auch darauf Bezug zu nehmen, ob du Musiker / Veranstalter etc. bist, so dass man etwas über deinen Hintergrund weiß.]

Zum Hintergrund: ich habe zwar Keyboards in zwei Prog-Bands und einer Jam-Band gespielt und bin auch jetzt noch gelegentlich in einer Free-Rock-/Impro-Band aktiv, würde mich selbst aber nicht als Musiker bezeichnen. Denn das selber Musik Machen ist schlicht nicht (mehr) mein musikalischer Lebensmittelpunkt. Eher bin ich Hörer und mag es auch, über Musik und alles, was damit zusammenhängt, zu schreiben, sowohl in Rezensionen fuer die Babyblauen Seiten als auch in meinem Blog und ganz gelegentlich fuer Fanzeitschriften.

Prog höre ich seit ca. 17/18 Jahren, angefangen mit Jethro Tull, deren Fernsehauftritt bei "Wetten dass...!"(!) anlässlich ihrer damals aktuellen Platte mich 1987 neugierig machte. Tulls "Crest of a knave" war dementsprechend auch mein erstes proggiges Album. Vorher hatten mich schon die Beatles mit ihren Songs aus der Zeit 1967-1970 damit fasziniert, was man alles mit Pop-Musik anstellen kann, wenn man nur mutig genug ist. Die Suche nach anspruchsvoller, ungewöhnlicher Rockmusik führte mich in die örtliche Bibliothek, wo ich ein Pop- und Rock-Lexikon nach Beschreibungen durchstöberte, die interessant klangen. Fündig wurde ich - alphabetisch, wie im Lexikon ;-) - dabei vor allem mit Can, Genesis, Gentle Giant, King Crimson, Magma, Soft Machine, Yes und Zappa.

Die einzelnen Bands bzw. Künstler, ich aus dem Prog-Bereich nach wie vor am liebsten mag, sind wohl (ebenfalls alphabetisch) Änglagård, King Crimson, Magma und Zappa (dessen Einordnung als Prog nicht unumstritten ist, aber da er einen Haufen sowohl im Wortsinne als auch im konventionellen Sinne proggige Musik geschaffen hat, nehme ich ihn nonchalant mit rein, davon ausgehend auch einige zappa-beeinflusste Künstler wie Mike Keneally oder Mats/Morgan).

Im Allgemeinen höre ich gerne klassischen Prog aus den 70er Jahren, die Klassiker ebenso wie obskurere Bands, etwa von 70er-Jahre-Bands aus den USA, die im Großen und Ganzen eher unbekannt geblieben sind. Dabei sollte aber nach Möglichkeit in der Musik etwas "los sein", also rein schwärmerischen Midtemposchönklang wie vieles von Camel oder ähnlichen Bands finde ich eher langweilig. Außerdem bin ich, anscheinend im Gegensatz zu sehr vielen deutschen Prog-Fans, kein besonderer Freund von Genesis, die ich zwar respektiere, aber nicht verehre. Dementsprechend interessiert mich die NeoProg-Schule, die überwiegend Genesis verpflichtet ist, nur am Rande. Zeuhl ist ein weiteres meiner Steckenpferde, d.h. Bands und Platten aus der Magma-Nachfolge sammle ich vergleichsweise ungehemmt. Auch die Canterbury-Szene mag ich nicht missen. Krautrock interessiert mich, zumindest die nicht rein oder vorwiegend elektronische Schiene, ebenso RIO, der über reines Experiment um den Experiments willen hinausreicht. Gut gemachten und einigermaßen komplexen RetroProg mag ich ebenfalls, auch hier solange er - siehe oben die Bemerkung zu Camel - nicht nur auf symphonischen Schönklang setzt (etwa: die frühen Flower Kings mag ich sehr, die späten - ab etwa "Space Revolver" nur teilweise, mit der Ausnahme "Unfold the Future").

Dazu kommt eigentlich noch viel mehr, da sich z.B. in fast jeder Ecke des Prog etwas finden läßt, was mich auf die ein oder andere Weise anspricht, auch wenn ich manche Richtungen tendenziell lieber mag als andere. Auchdschwer zu klassifizierendes wie Isildurs Bane oder After Crying ist mit der obigen Aufzählung nicht abgedeckt. Es darf gelegentlich auch gerne etwas härter werden, wenn es sich nicht um tumbes Geschrammel handelt, siehe Gruppen wie Ephel Duath, The Mass, Dillinger Escape Plan, Behold... The Arctopus oder Ähnliches.

Abseits des Progs nehmen z.B. die Beatles, John Coltrane, Miles Davis, Astor Piazzolla, Ben Folds und Prince größeren Platz in meinen CD-Regalen ein.

Allerdings höre ich in letzter Zeit aber hauptsächlich meine jeweiligen Neuerwerbungen, die wegen der recht hohen Frequenz, mit der sie ins Haus kommen, kaum Zeit dafür lassen, alte Klassiker hervorzukramen.

2. Was zeichnet deiner Meinung nach die Musik aus, grenzt sie von anderen Stilen ab?

Das ist eine Frage, die seriös eigentlich nicht kürzer beantwortet werden kann, als es ein zumindest kleines Buch wäre. Der Grund dafür ist zum einen, dass die Prog-Szene musikalisch überaus heterogen ist. Es gibt zwar Gemeinsamkeiten zwischen klassischem Symphonic Prog, Canterbury, Zeuhl, RIO, NeoProg, RetroProg, New Artrock, Psychedelic, elektronischer Musik, Krautrock, Postrock, ProgMetal etc. etc. Aber oft treten diese nur paarweise zutage oder es gibt weniger Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Und die Unterschiede innerhalb des Progs oder auch gegenüber Musik, die oft nicht mehr als Prog bezeichnet oder wahrgenommen wird, sind natürlich fließend, ganz abgesehen davon, dass die Antwort auf diese Frage wie immer stark davon abhängt, wem sie gestellt wird.

Ein grober, notwendigerweise sehr holpriger und dementsprechend bestreitbarer Definitionsversuch: Prog steht meistens mit einem Bein (oder zumindest zwei, drei Zehen) im Rock/Pop im weitesten Sinne, sei es durch die Dynamik, Instrumentierung oder Art der Aufnahme und Darbietung. Aber das andere Bein, oder besser: die möglichweise vielen anderen Beine stehen aber in anderen Einflussbereichen, sei es in der Klassik (hauptsächlich ab der Romantik aufwärts) oder im Jazz, teilweise im Folk. D.h. es werden Techniken benutzt oder Einflüsse aufgegriffen, die im Mainstream-Pop/Rock ansonsten nur deutlich seltener vorkommen, wenn überhaupt. Kompositorisch, vom Sound her, was die textliche Inspiration angeht usw. Dieses "Über-den-Pop-/Rock-Mainstream-Hinausreichen" bei gleichzeitiger mindestens teilweiser Basierung im Pop/Rock (also ohne ganz in einem der Genres zu landen, bei dem Anleihen vorgenommen werden) ist meines Erachtens das entscheidende Prog-Merkmal. Dieses Hinausreichen kann durch die formale Organisation der Kompositionen (lange, vielteilige Stücke oder thematisch verwandte Suiten im Gegensatz zum Song-Format etc.), die verwendeten musikalischen Mittel ("ungewöhnliche" Taktarten im Gegensatz zum ansonsten vorherrschenden 4/4, ungewöhnliche und komplexer aufgebaute Harmoniefolgen, Kontrastierung von lyrisch-akustischen Passagen und agressiv-elektrischen innerhalb eines Stücks, ausgedehnte Improvisationen oder gar vollkommen "freie" Klänge etc.), die Instrumentierung (die typischen Prog-Sounds wie Mellotron, verschiedene Moog-artige Synthesizer-Klänge, Rickenbacker Bass etc.) oder viele andere Methoden erreicht werden.

An dieser Stelle kommt die anscheinend unendliche Geschichte der großen semantischen Verwirrung um den Begriff "Progressive Rock" ins Spiel. Im Wortsinne progressiv waren diese Unternehmungen vor allem in den späten Sechziger und frühen Siebziger Jahren, als Rockmusiker zum ersten Mal begannen, die musikalischen Grenzen des herkömmlichen Pops durch Einbeziehen anderer Stilelemente zu sprengen. Aber schon damals galt: Progressiv waren diese Künstler nur im Bezug auf das Pop-/Rock-Mainstream-Umfeld. Viele der Techniken, die sie dort progressiv machten, waren etwa in der klassischen Musik oder im Jazz schon seit Jahrzehnten eingeführt. Neu war eben vor allem die Verwendung im Pop-/Rock-Umfeld.

Aus der vor diesem Hintergrund als Beschreibung eingeführten Bezeichnung "progressive" wurde später ein Genre-Begriff, eine reine Schubladenbezeichnung, deren Bedeutung heute herkömmlichweise eine andere ist: nämlich Bands, die so klingen wie vorhergehende Gruppen, die damals im ursprünglichen Sinne progressiv waren. NB: immer noch heben diese sich durch Einbeziehung der oben erwähnten Elemente jenseits des Rock-/Pop-Mainstreams musikalisch von diesem ab, nur im Wortsinne progressiv ist dies nicht mehr, weil es eben andere auch im Rock-/Pop-Umfeld schon vor dreißig Jahren oder mehr gemacht haben.

Als Deutschsprachige haben wir den entscheidenden Vorteil, dass wir durch die Verwendung des englischen Worts "progressive" bzw. des englischen Begriffs "Progressive Rock" wenigstens ansatzweise eine Verwechslung mit dem deutschen Begriff "progressiv" vermeiden können. Deshalb zucke ich jedesmal innerlich zusammen, wenn jemand ganz unschuldig "Progressiv-Rock" sagt oder schreibt, weil man dadurch noch stärker auf sowieso schon elend rutschiges verbales Glatteis geführt wird.

3. Glaubst du, man kann irgendwie von der Musik auf die „Mentalität“ oder Persönlichkeit der Leute schließen? Gibt es irgendwelche Gemeinsamkeiten oder Eigenheiten, die beides zu vereinen scheint?

Diesmal eine kurze Antwort: nein.

Dies hängt eng zusammen mit der Antwort auf die Frage 5. Auf inzwischen hunderten Veranstaltungen habe ich persönlich Prog-Fans jedweder Coleur kennen gelernt. Und wie überall sind darunter so viele verschiedene Arten von Menschen gewesen, dass ich keine allgemein gültigen Gemeinsamkeiten in Mentalität oder Persönlichkeit unter Prog-Fans feststellen kann. Erst recht, wenn ich einrechne, wie viele Prog-Fans ich noch nicht kenne, zu deren Persönlichkeit oder Mentalität ich mir also kein Bild erlauben kann.

Mit noch mehr Proggern als persönlich habe ich via Internet in der ein oder anderen Form Kontakt gehabt, und auch darunter gibt es - natürlich! - solche und solche. Also nochmal: nein.

5. Was sind deine persönlichen Erfahrungen mit anderen "Proggies" (Musikern wie Fans) – sei es im persönlichen Gespräch, über das Internet oder auf Konzertbesuchen?

Meine persönliche Erfahrung ist, dass Prog-Fans im großen und ganzen genau so sind wie alle Fans irgendeiner Sache, und dass es darunter ebenso viele verschiedenartige Persönlichkeiten gibt wie in anderen Bereichen. Ebenso sind Proggies genauso unterschiedlich unter sich wie fanatisch nach außen wie andere Fangruppen.

Eine einzige - möglicherweise unfaire - Beobachtung zu einer möglicherweise speziell auf Prog-Fans zutreffenden Eigenschaft will ich mir aber erlauben bzw. vermuten:

Progger scheinen mir mehr und lieber über Progger bzw. die Prog-Szene zu jammern, als das andere Fangruppen über sich selbst tun. Wie oft ich schon von Proggern selbst gehört habe "Progger sind so intolerant!", "Progger sind so elitär", "Progger sind dies und das"? Dabei sind gibt es im Jazz oder Folk mit Sicherheit genauso viele Intoleranzler, für die etwa alles, was seit 1958 im Jazz entstanden ist, kein Jazz mehr ist, oder für die Folk nur Folk ist, wenn kein elektrisch verstärktes Instrument benutzt wird; oder unter Klassik- und Jazzfreunden sicherlich genauso viele Elitäre, die vermeintlich auf andere Musikstile herabschauen.

Wohlgemerkt: ich behaupte nicht, dass diese Eigenschaften (Elitedenken, Intoleranz) besonders ausgeprägt für diese Genres seien (vielmehr glaube ich, dass es innerhalb jeder Fanbewegung, auch abseits der Musik, solcherart gepolte, aber eben auch viele andere Fans gibt). Es sind nur offentliche Jammerbeispiele aus meiner Erfahrung mit Prog-Fans, die ich aber eben wegen jener Beispiele aus anderen Bereichen für ungerechtfertigt halte.

Der relativ bemerkenswerte Frauenanteil unter Prog-Fans ist natürlich auffällig und wird entsprechend oft bemerkt. Allerdings glaube ich auch hier (ganz chauvinistisch?), dass generell unter Musik-Fans aller Genres, die vor allem an der jeweiligen Musik als solcher und nicht an "Zubehör" in Form von Lebensart, Mode und Star-Persönlichkeiten interessiert sind, der Anteil an Männern höher ist, ohne das empirisch belegen oder gar begründen zu können. (Das ist ein oberflächlicher Eindruck, man könnte es auch Vorurteil nennen ;-)). Also auch hier: das ist eher nichts, womit Progger singulär auffallen würden.

4. Gibt es deiner Meinung nach so etwas wie eine „Prog-Szene“?
6. Wenn es so etwas wie eine „Progszene“ gibt, was zeichnet sie deiner Meinung nach aus? Wie setzt sie sich zusammen?

Diese beiden Fragen gehören wohl zusammen.

Ja, es gibt. Dies sind schlicht diejenigen Menschen, die sich etwa in den den gleichen oder ähnlichen Internetforen tummeln, die gleichen oder ähnlichen Fan-Magazine abonniert haben oder die gleichen oder ähnlichen Konzerte besuchen. Aber siehe oben: die Bandbreite dessen, was als Prog bezeichnet wird, ist unglaublich groß, auch wenn es einige Bands gibt, auf die sich fast alle einigen, die sich selbst als Progger bezeichnen (vor allem frühe Yes und Genesis, glaube ich, in gewissen Grenzen auch King Crimson, Pink Floyd, Gentle Giant, Van der Graaf Generator und andere). Mit kaum jemand anderem, der sich selbst auch als Prog-Fan bezeichnet, dürfte dabei der einzelne hundertprozentige Übereinstimmung haben, aber es reicht eine ausreichend große gemeinsame Schnittmenge. Dies sorgt entsprechend wieder für unklare Grenzen.

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