18.01.2006

Ikarie XB 1 / Voyage to the End of the Universe

In der Grand List of Overused Science Fiction Clichés fehlt ein Eintrag: die unvermeidliche Tanzszene. Wenn es die Geschichte irgendwie zulässt, packt jeder SciFi-Regisseur in seinen Film (so auch "Ikarie XB 1" von 1963 aus Tschechien) oder seine Fernsehserie mindestens eine Szene, in der zukunftsmenschen zu Zukunftsmusik einen Zukunftstanz tanzen. Die Bewegungen des Tanzes sind dabei meist bizarr, aber choreographiert und langsam-gemäßigt, die zugehörige Musik grenzt in der Regel ans Amelodische. Breakdance schien jedenfalls in den 50er und 60er als zu utopisch... Musik und Tanz sind wohl zu verlockend, um Zukunftsentwicklungen jenseits von Technologie illustrieren.

Etwa origineller - für einen Film aus den 60er Jahren jedenfalls - ist da schon die Vermutung, dass in der Zukunft nicht mehr geraucht würde. Stattdessen gibt es eine Art Riechstäbchen, die ähnlich wie Zigaretten gehandhabt werden. Ob diese auch süchtig machen und ungesund sind, wird allerdings nicht verraten. Solche nonchalant und unerklärt eingeführten Details geben jedenfalls jedem SciFi-Film, der sein Geld wert ist, die Tiefe, die für eine glaubhafte Zukunftsvision nötig ist - je weniger Technobabble, desto besser. Die Zukunft sollte sich nicht durch möglichst exotische Bezeichnungen auszeichnen, sondern dadurch, dass Technologie selbstverständlicher gehandhabt wird als heutzutage. Andererseits habe ich tagtäglich mit Computern zu tun. Hm. Das ist wohl doch reine Utopie.

"Ikarie XB 1" erzählt von der mehrjährigen Reise eines Kolonisationsschiffs von der Erde zu einem kürzlichen entdeckten Planeten mit erdähnlichen Eigenschaften. Auf dem Weg dorthin verfällt die Besatzung Routine, Langeweile und Apathie. Bis sie jedenfalls ein antikes irdisches Raumschiff entdeckt, was die Mission fast zum Scheitern bringt: bei der Untersuchung stellt sich heraus, dass dieses Schiff radioaktiv verseucht ist und die Besatzung in Abendkleidung beim Glücksspiel umgekommen ist. Schließlich wird das Schiff durch eine Explosion infolge mitgeführter atomarer Waffen zerstört, was auch die beiden Crewmitglieder tötet, die dort zur Untersuchung an Bord gegangen waren. Dies bei einem Film von 1963 nicht allegorisch zu lesen, fällt schwer. Schließlich erreichen die Forscher/Siedler ihr Ziel und...

...dann unterscheiden sich anscheinend der amerikanische Schnitt - die einzige momentan auftreibbare Version auf DVD - mit dem neuen Namen "Voyage to the End of the Universe" (klingt wie ein perfekter Titel für ein Konzeptalbum) und das tschechische Original dramatisch. In der US-Version stellt sich der angeflogene "Grüne Planet" als die Erde selbst heraus ("Planet der Affen" irgendwer? Allerdings erst fünf Jahre später!), während das Ende im Original anscheinend offen bleibt und die Astronauten nur unter Staunen nur das endlich erreichte Ziel betrachten. Sind auch dabei ideologische Unterschiede im Spiel? In der US-Version sehen die Reisenden natürlich New York und die Freiheitsstatue. Die USA als das eigentlich gelobte Land? Weniger dramatisch - wenn auch nicht unbedingt weniger bezeichnend - ist, dass für die US-Fassung sogar die Namen der Filmemache und Darsteller verändert wurden: Regisseur Jindrich Polák wird zu Jack Pollak, Darsteller Zdenek Stepanek zu Dennis Stephens etc.

Trotz der anscheinend auch vorgenommenen Kürzung des Films um einige Minuten beeindruckt "Voyage to the End of the Universe" immer noch durch die schönen, klar aufgebauten Kulissen und die elegische Stimmung, die nicht nur in der Bildsprache umgesetzt, sondern auch von nachdenklichen Dialogen und inneren Monologen gestützt wird. "Voyage to the End of the Universe" ist damit eher ein Bindeglied zwischen der filmischen Science Fiction der 50er Jahre und Kubricks "2001" oder Tarkowskijs "Solaris" (schließlich war Lems Roman "Gast im Weltraum" die literarische Vorlage zu "Ikarie XB 1").

Kommentare

Endlich habe ich eine Film gefunden, der meine Sammelleidenschaft für die guten alten Weltraumfilme wieder neu belebt, bzw. eine Person, die sich noch an diese Filme erinnert.
Vielleicht kann man Kontakt per Email aufnehmen.
Danke

Hoffentlich kommt der Film im Originalschnitt auf deutsch auf DVD raus. Habe ihn als Kind im DDR-TV gesehen und suche ihn seit Jahren.

Schaut mal unter www.ostralgica.de
Die bringen den Film demnächst auf Deutsch raus.

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