02.06.2005

Ich weiß, dass ich nichts weiß

Keine Sorge, ich werde jetzt nicht mal wieder philosophisch. Mir ist nur eines aufgefallen: je mehr Musik ich kenne, desto mehr weiß ich, wieviel Musik ich

nicht kenne.

Seit 11, 12 Jahren sammle ich ziemlich intensiv Musik, und im Laufe dieser Zeit ist ein Haufen an CDs zusammengekommen, den "normale" Menschen für eben nicht so halten würden. Aber es ist kein Ende in Sicht. Vor ein paar Jahren hatte ich einmal das Gefühl, alles abgegrast zu haben, was spannend und gut sei, dass jetzt nichts mehr kommen könnte und ich mir eine neue Leidenschaft suchen müsste. Puh, war das falsch; reiner jugendlicher Leichtsinn.

Ganz abgesehen von der sowieso unüberschaubaren Flut an Neuerscheinungen, selbst in unserem anfürsich kleinen Biotop "Progressive Rock und Artverwandtes": Je mehr ich kennenlerne, desto mehr Musik und Musiker laufen mir über den Weg, die ich gerne antesten würde, sei es im Rahmen meiner bewussten und zielgerichteten Recherchen, meines normalen Mitlesens von Publikationen und Foren, durch pure Serendipität oder - bei weitem nicht zuletzt - meinen Unterhaltungen mit anderen Verrückten: es gibt immer irgendwo stapelweise Freaks, die noch viel, viel mehr kennen und haben als man selbst - das ist gut für die Relativierung des eigenen Egos, aber auch die der oft allzu absoluten Aussagen und Wertungen anderer. Dass das Fass "gute, lohnenswerte Musik" so bodenlos sein würde, hätte ich mir vor 6 oder 7 Jahren nicht träumen lassen.

Daher rührt u.A. meine Abneigung gegen Behauptungen nach der Art "die beste xy-Platte" (xy steht für eine Genre oder ähnliches), am besten noch weiter "qualifiziert" durch Ausdrücke wie "...aller Zeiten", "...überhaupt", "...jemals" usw., was nicht inhaltlich reiner Hype, sondern auch semantisch überflüssig ist, ebenso meine Ablehnung von Top x Listen.

Natürlich ist es so, dass mich immer weniger Platten wirklich begeistern. Dass mich ein Album richtig umhaut, kommt nur noch selten vor. "Hamma schon gehabt", "kenna ma schon", "alles schon dagewesen": klar, mit steigender Hörerfahrung kommen diese Reaktionen immer öfter. Dafür lerne ich andererseits subtile Abweichungen von herkömmlichen Klängen und kleine Variationen bekannter Stilmittel umso stärker zu schätzen. Obendrein kaufe ich bewusster und mit geringerer Erwartungshaltung als früher, dadurch werden auch starke Enttäuschungen seltener: ich lege mir weniger Schrott zu, und manches, was ich vor einiger Zeit hemmungslos als "Schrott" eingestuft hätte, weiss ich durch den erweiterten Kontext zu schätzen, auch wenn ich die entsprechende CD nicht unbedingt heiss und innig liebe.

Aber vielleicht ist ja doch bei der nächsten oder übernächsten Lieferung von einem der Händler meines Vertrauens ein Überhammer dabei. Und wenn nicht, dann vielleicht bei der dritten, vierten, fünften...

Kommentare

Hallo ihr "Unseligen" Sammler,

der "trigonische Rainer" hat mich schon mehrmals auf den Progblog aufmerksam gemacht... ab und zu habe ich dann drauf geschaut. das thema: Ich weiß, dass ich nichts weiß! aber, trifft mich mit voller Härte und Wollust. :-)

Genau so ergeht es mir auch. Nach jahrelangem Hören von Southern- Jam- Jazz und Blues- und Prog Rock, Zappa bis zum abwinken und was weiß ich nicht noch für Rockmusik - Schubladen -Gemetzel, bin ich aktuell (seit ca. 2 Jahren)dem rastlosen Suchen verfallen. Und es macht sooooo unendlich viel Spass! Sleepytime Gorilla Museum, The Residents, Guapo, Devil Doll usw. bringen mir neue musikalische Ideen und inspirieren mich für neue Projekte.

Voriges Jahr haben mich Live: Frogg Cafe voll erwischt, auf´m Herzberg Festival und dann nochmal paar Tage später auf der Zappanale! Das war richtig Klasse! Obwohl die New Yorker Jungs doch keine unbekannte Mucke machen, trotzdem für mich, 2 Konzerte für die Ewigkeit.

Würde mich über weitere News von euch -zur "unerträglichen" Musik - für nicht ganz normale Ohren freuen!

Torsten

Das allerschlimmste ist, wenn man ein Album für gut befindet und dann mangels Konkurrenz trotzdem nur ein paar Mal anhört. Ebenso unbefriedigend ist es, eine Platte gleichsam im Eildurchgang zu konsumieren, damit dann gleich das nächste erworbene Stück der Begierde zum Zug kommt. In diesen Fällen ist es mir gelungen, die Notbremse zu ziehen und auch einmal eine Neuerwerbung einfach so im verschweißten Zustand für ein paar Wochen beiseite zu legen, obwohl dies manchmal schwer fällt. Mich ärgert in der letzten Zeit regelrecht, dass ich meine alten Schätze in der Sammlung so wenig würdige. Welch ein Frevel, im letzen Jahr so gut wie nichts von den brit. Prog-Heroen der 70er Jahre aufgelegt zu haben. Dies hole ich in der letzten Zeit so gut wie es geht nach. So hat mich das viel gepriesene Reunionalbum von VdGG gerade dazu bewogen, die Werke der 70er Jahre wieder aufzulegen und daher die neue Platte erst einmal nicht zu erwerben. Da lassen mich gerade einige Neuerscheinungen in der letzten Zeit recht kalt.

Über meinen Pocket-PC höre ich im Zug auf dem Weg zur Arbeit schon seit Wochen einige Alben von recht unbekannten 70er Jahre Bands wie Sloche, Aleph, Ragnarok und Dice , ohne das mir das langweilig wird. Sehe gar keine Veranlassung dazu, mal was neues dort aufzuspielen. Empfinde es als eine regelrecht Wohltat, ein paar Alben immer wieder rauf und runter zu spielen. Schön, dass es im Zug nicht so die Konkurrenz wie zuhause in meiner Sammlung gibt.

Mir kommt es so vor, dass ich mich gerade deswegen aber auch in letzter Zeit immer mehr zum „70er Jahre-Symphonic-Betonkopf“ entwickele und daher sicherlich einige lohnenswerte Blicke über den Tellerrand verpasse. So kann ich zum Beispiel auch ein eher durchschnittliches Album in vollen Zügen genießen. Womöglich spielt hier ein verklärter Nostalgiefaktor eine große Rolle. Bislang kann ich aber damit leben, dass mir so wohl mancher Knaller aus anderen Bereichen verborgen bleibt. Horizonterweiterung ist mir somit derzeit eine absolutes Fremdwort.

Das schlimmste an so einem Sammelwahn scheint mir Anzahl der Scheiben zu sein, die man sich so in einem Monat reinzieht. Man geht in den Laden, kauft 3-4 CDs und dann dauert es erst mal bis man sich durchgehört hat.

Hallo Udo,

das Gefühl kenne ich zu gut :-) Bei mir kommt noch dazu, dass mich das albtraumhafte Gefühl beschleicht, ich kann diverse Alben schon gar nicht mehr richtig würdigen, weil einfach zu shnell wieder was Neues dazukommt. Schrecklicher Gedanke! Manchmal wünschte ich mir, ich könnte einfach STOP sagen und anhalten.

Grüße
Andreas

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