09.03.2006

Hostel

In einem Verlagshaus zu arbeiten, hat Vorteile. Zum Beispiel flattert gelegentlich eine Einladung zu einer Kino-Pressevorführung ins Haus. So auch für "Hostel", den neuen Film von Eli Roth, der in den USA schon erfolgreich war, in Deutschland aber erst Ende April anläuft.

Nachdem ich von "Cabin Fever", Roths Erstling, zwar nicht begeistert war, aber auch nicht abgeschreckt, und mir "Hostel" sowieso auf den Fantasy Filmfest Nights angeschaut hätte, war diese Einladung willkommen. Das ganze fand übrigens im Neuen Gabriel statt, wo schon das Bluthochzeit-Testscreening lief.

Erstaunlicherweise gab es vor Ort keinerlei Sicherheitsmaßnahmen. Zwar wurden im Foyer die Einladungen eingesammelt und man musste sich in eine Art Anwesenheitsliste unter Angabe von Namen und Redaktion eintragen, anschließend konnte man aber ungehindert ins Kino spazieren und sich einen Platz suchen - natürlich nicht ohne eines der ziemlich opulenten 32-DIN-A4-seitigen Informationsheften mitzunehmen, das mit allen möglichen Informationen zum Film vollgestopft ist.

Ich weiß nicht, ob es am Mangen an Security lag, aber ein großer Teil der zahlreichen Anwesenden machte nicht unbedingt den Eindruck, in offizieller Funktion da zu sein. Fast hatte ich ein wenig Sorge, erst gar nicht reingelassen zu werden, weil ich nicht schwarz in schwarz gekleidet war - ich glaube, das ein oder andere Mitglied der örtlichen Horror-Fangemeinde war wohl da. Zwei allem Anschein nach der Presse angehörige Schalträger in der Reihe vor mir jedenfalls moserten deshalb ein auch wenig rum, während hinter mir eine kleine Gruppe von Nachwuchsfilmemachern saß. Allerdings frage ich mich, was heutzutage in den Filmschulen so gelehrt wird. Die Filme der Meister scheinen jedenfalls nicht auf dem Programm zu stehen, denn die Jungs hätten kaum in den wenigen ansatzweise heftigeren Gore-Szenen so baff reagiert, wenn dort etwa Ein Zombie hing am Glockenseil gezeigt worden wäre.

Es geht in dem Film um zwei jugendliche amerikanische Rucksack-Touristen (plus einen Isländer, den diese auf der Reise kennengelernt haben), die in Europa auf der Suche nach Drogen und Sex sind, bevor es in ihrem Studium ernst wird. In Amsterdam hören sie von einem Hostel in der Slovakei, dass eine Art Paradies für Backpacker sei: idyllische Lage und mehr als genug willige Frauen. Dies scheint sich zu bewahrheiten, aber als unter ungeklärten Umständen Mitglieder der Gruppe und neue Bekannte von ihnen verschwinden, stellt sich nach und nach heraus, dass das Hostel mehr als ein solches ist (Achtung: nachfolgend Spoiler bis zum Ende des Absatzes; allerdings hat der Film nicht einen solchen starken "Twist"-Charakter, dass m.E. die Details der Geschichte dem Kinoerlebnis viel nehmen. Trotzdem weiterlesen auf eigene Gefahr): es dient als Köderstelle für unabhängig Reisende, die von einer osteuropäischen Organisation für wohlhabende Sadisten aus aller Welt eingefangen werden, damit diese an jenen ihre perversesten Fantasien bis hin zum Mord ungestört und ungeahndet ausleben können. Zwei der drei Jungs werden so hingemetzelt, der dritte kann schließlich verstümmelt entkommen (auch die Protagonisten scheinen nicht viele Horrorfilme gesehen zu haben; spätestens seit "Scream" sollte jeder wissen: wer Sex hat, der stirbt).

"Hostel" selbst ist von Roth nach eigener Aussage als "klassischer Horror-Film" gedacht. Das war er aber nicht - weder als Schocker noch als subtiler Psychoterror. Zwar gab es einiges stimmungsvolle Aufnahmen der tschechischen Kleinstadt, in der gedreht wurde, und ein paar Momente düsterer Vorahnung, aber in Sachen echtem Horror nicht viel. Auch die Grausamkeit der Folterszenen, die vor allem in den USA anscheinend viel beschrieen wurde, kam zum einen nur schubweise, und war zum anderen nicht sonderlich schlimm, sondern vielleicht nur im Verhältnis zu dem, was das Mainstream-Publikum erwartet (obwohl einige der Ideen in den dort ebenfalls überaus erfolgreichen Saw und Saw II wesentlich sadistischer waren). Stattdessen wäre Potential zu einer tiefschwarzen Komödie vorhanden gewesen (siehe die unabsichtliche Selbstverstümmelung eines der Folterers gegen Ende des Films, die trotz aller Grausamkeit einen Publikumslacher erntete), das aber nicht ausgenutzt wurde.

Die fiesesten Ideen im Film hingen sowieso nicht mit den Grausamkeiten im "Schlachthof" zusammen. Darunter fällt eher die Zeichnung der im Film immer wieder auftauchenden Kindergang, die schlußendlich für einen Sack voller Kaugummi zwei der bösen Hächer regelrecht zu brei schlägt, oder auch die blutige Rache des überlebenden Paxton an einem der Folterer (die allerdings nicht restlos motiviert scheint, insbesondere,da Paxton strikt genommen gar keinen Beweis dafür hatte, dass die entsprechende Person in die Machenschaften verstrickt war, geschweige denn einen seiner Freunde auf dem Gewissen hatte).

Überhaupt gab es ein paar filmische Ungereimtheiten: warum in Holland Deutsch manchmal gesprochen wird etwa. Der Film wurde in der Original-Version mit dt. Untertiteln vorgeführt; wie die mehreren verschiedenen Sprachen, die im Film vorkommen (darunten eben auch Deutsch), in der Übersetzung gehandhabt werden: keine Ahnung. Oder noch auffälliger: dass bei den Gegenschnitten in der abschließenden Bahnhofs-Szenen die verschiedenen Schilder mal auf Deutsch, mal auf Tschechisch beschriftet sind. Dass der Lockvogel in Amsterdam den Amis weiss macht, dass in der Slowakei "wegen des Kriegs" Männerknappheit herrsche und deshalb die Frauen besonders willig seien, kann man wohl gerade noch so als List gegenüber unwissenden Amis abtun. Oder habe ich einen Krieg in der Slowakei vor kurzem verpasst. Egal. Slowenien, Slowakei. Potato, Potatoe.

Kommentare

Habe mir dieses "Kunstwerk" gestern abend angetan und muss sagen, dass es mal wieder Zeit wurde für richtige schlechtes Kino. Die Hälfte des Saals hat gelacht (ich vor allem über die schlechten Effekte, die Schauspieler und die offensichtlichen Fehler), die andere hat sich zeitweise gegruselt bzw. einige anwesende Freunde gefragt ob sie aus der Slowakei kommen. Wie dem auch sei 8 Euro in den Wind geschoßen.

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