09.01.2005

His Dark Materials - Halbzeit


Anscheinend erfreuen sich in letzter Zeit Erwachsene immer mehr an eigentlich für Kinder gedachter Literatur; bestes Beispiel dafür ist natürlich der Harry Potter Wahn. Aber es gibt auch andere Parallelwelten als die mit Quidditch und Muggles, und diese finden immer mehr Beachtung. Nicht nur Sal liest Paolini und Funke, Terry Pratchett schreibt neuerdings Bücher für "young adults", sondern Kinderbücher sind - auch daran dürfte JK Rowling nicht ganz unschuldig sein - auch im Feuilleton immer stärker präsent.

Philip Pullmans "His Dark Materials"-Trilogie etwa habe ich über eine ausführliche Besprechung im SPIEGEL entdeckt, die die Bücher sehr interessant klingen liess. Schnell war bei eBay recht günstig eine Box mit mit allen drei Titeln erstanden (wer nichts gegen Bücher aus zweiter Hand hat, kann auch da gelegentlich ein Schnäppchen), die allerdings ersteinmal etliche Woche ein unbeachtetes Dasein auf dem Bücherregal fristete, da zuviel anderer Lesestoff Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchte. Jetzt habe ich es endlich geschafft, in die Welten der Lyra Belacqua einzutauschen und bin inzwischen ziemlich genau in der Mittel des zweiten Bandes angelangt: Zeit für eine kleine Zwischenbilanz.

Spannend sind beide Bände bisher jedenfalls gewesen. Ein paar der Bilder (die sprechenden, gepanzerten Eisbären oder die fliegenden Hexen) kamen ein bisschen kindlicher rüber, als ich erwartet hatte, wirkten auf mich jedenfalls im Buchkontext weniger selbstverständlich als ganz ähnliche erzählerische Mittel bei Rowling.

Dafür funktioniert die Idee des Daemon erstaunlich gut: in Lyras Welt gehört zu jedem Menschen ein fester, ständiger Begleiter in Tierform, der sogenannte Daemon, der eine Art Manifestation des inneren Wesens des Menschen darstellt, eine Verkörperlichung seiner Seele. Der Daemon eines Kindes ist noch nicht auf eine Gestalt, also Tierart, festgelegt, erst ab der Pubertät hört er auf, die Art zu wechseln und damit dem inneren Zustand des zugehörigen Menschen äußeren Ausdruck zu verleihen. Dieser Übergang, das Erwachsenwerden, ist eines der grossen Themen des Buches und wird in einem bunten Potpourri verquickt mit dem Gedanken der Erbsünde und Kirchenkritik und Schlagwörtern der modernen Teilchenphysik, Steampunk-Ideen und klassischer Paralellwelten-Literatur.

Sauer stößt auf, dass zwar versucht wird, Lyra als patentes, eigenverantwortliches und mutiges Mädchen zu zeichnen, ihr aber in der Handlung zuviel einfach "zustößt". Es gibt zuviele wichtige Plotpunkte, die nicht aus Konsequenzen der Haltung und des Verhaltens der Hauptfiguren herrühren, sondern zufällig, zu zufällig wirken. Dazu trägt natürlich bei, dass der titelgebende und zentrale "goldene Kompass", das Alethiometer, als Wahrsage-Mittel dient, das jederzeit befragt werden kann und wahre Auskünfte zurückliefert, also Deus Ex Machina-Lösungen noch begünstigt. So findet sich Lyra immer wieder in Situationen geworfen wieder, in denen selbst zeigen kann, was sie drauf hat, nur dass dies nur wieder dazu führt, dass jemand anderes sie verschleppt oder aufgabelt. Vielleicht ändert sich dies in den folgenden anderthalb Bänden noch: Fortsetzung folgt.

Kommentare

Und in England ist es unter dem Namen 'Northern Lights' erhältlich ;-) Ich persönlich finde es schade, dass es im deutschen keinen Namen für die gesamte Trilogie gibt.

J. Stroud - Bartimäus bei amazon.deROTFL! Ich hatte ja schon fast aufgegeben, Sara Maries Kinder- und Fantasy-Schmöker auch zu lesen nach meinen gemischten Eindrücken bei Paolinis Eragon (die ja sogar von Udo zu Betrachtungen über Kinder- und Jugendlitera

Yep, der erste Band ist "Der goldene Kompass", in Amerika ist das englische Original auch als "The Golden Compass" erschienen.

Hi,

ich nehme an auf deutsch ist das unter dem Namen "Der goldene Kompass" erschienen? Das habe ich auch noch hier (ungelesen) herumstehen. Hmmm, sollte ich also mal anpacken, oder? Leider stecke ich noch mitte in der Artus-Geschichte von T.H. White und komme nicht so recht voran. Ich lese meist auf deutsch, da mir englisch zu anstrengend ist.

Ciao, ThomK

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