Haute Tension (High Tension)
Vor einer Woche war ich auf der Suche nach der "Clockwork Orange"-DVD in der Stadt unterwegs. Abgesehen davon, dass es seltsam ist, dass ich einen solchen Klassiker erst im vierten besuchten Laden finden konnte (ungeachtet der Tatsache, dass der Film nicht vorrätig war, wären auch die bizarren und obendrein uneinheitlichen Sortiersysteme für DVDs und CDs in den diversen Läden und Ketten einmal einen Eintrag hier wert), war ich durch die Ladenodyssee ziemlich in Hetze und ärgerte mich, dass ich die anscheinend gut sortierte und recht umfangreiche Asien-DVD-Ecke im Drogerie Müller, in dem ich schließlich landete und fündig wurde, noch nie entdeckt hatte und zu diesem Zeitpunkt auch nicht durchkramen konnte.
Freitags drauf schließlich hatte ich ein wenig Muße, um genau dies nachzuholen. Und natürlich: bei meinem Eintreffen gähnte mir ein riesiges, komplett leergeräumtes Regal genau dort entgegen, wo sechs Tage vorher noch die Asiafilme gestanden hatte. Klassisch.
Wild entschlossen, nicht mit leeren Händen nach Hause zu gehen, kramte ich in den restlichen Auslagen herum. (Kennt jemand das Gefühl: wenn man ein gewünschtes Objekt, von dem man sicher war, es vorzufinden, nicht bekommt, einen kompensierenden Frustkauf vornehmen zu müssen, obwohl es eigentlich sinnvoller wäre, den Laden durch konsequentes Nicht-da-lassen von Geld abzustrafen?) Dabei fiel mir ein hübsch aufgemachtes "Special Edition 2 Disc-Set" des französischen Horrorthrillers "Haute Tension" aka "High Tension" für lachhafte 7,99 Euro in die Hände. Ich hatte die vage Erinnerung, dass dieser Film beim Fantasy Filmfest 2003 recht gut aufgenommen wurde und eine Bekannte ihn als sehr nervenzerfetzend beschrieben hatte, also: mitnehmen.
Vor dem Kauf eines bluten Horrorstreifens würde ich normalerweise zuhause überprüfen, ob es sich um eine geschnittene Version handelt, aber erstens siehe oben (Kompensationszwang), zweitens die Angabe "keine Jugendfreigabe" auf dem Umschlag, drittens: bei dem Preis rumnölen? Zuhause stellte sich nach schneller Recherche natürlich heraus, dass gegenüber der ursprünglichen Fassung - die ich nicht im Kino gesehen hatte - sechs Minuten fehlen. Alle meine weiteren Kommentare sollten vor diesem Hintergrund gelesen werden.
Die Grundgeschichte ist schnell erzählt: Marie und Alexa, zwei französische Studentinnen, fahren zum gemeinsamen Lernen auf's Land zu Alexas Eltern, die in einem abgeschiedenen ehemaligen Bauernhauf wohnen. Anscheinend hegt Marie für Alexa tiefergehende Gefühle, die allerdings nicht erwidert werden. In der Nacht taucht plötzlich aus dem Nichts ein wahnsinnger Killer im Overall und einem schäbigen Transporter auf, der die Familie der Freundin grausam hinmetzelt und diese entführt, woraufhin Marie die Verfolgung aufnimmt, bis alles in einem Waldstück blutig endet. Dabei kommt eine altmodische Rasierklinge ebenso zum Einsatz wie eine Axt und eine Kreissäge.
Dabei geht es allerdings - wieder mit der Einschränkung der geschnittenen Version - nicht sooo blutig und gore-ig zu, wie man vermuten könnte. Immerhin gibt es gerade anfangs in der durchaus Spannung aufbauenden Einführung der Figuren, sehr schöne, stimmungsvolle Bilder in dunklen, aber satten Farben. Mit Dialogen und anderem Geplänkel wird allerdings nicht viel Zeit verschwendet, die Geschichte geht schnell in metzel res und schreitet als spannender, aber meines Erachtens nicht zu schockierender Slasherfilm flott voran.
Dabei gibt es allerdings etliche Ungereimtheiten in der Geschichte, die man während des Sehens im Sinne der bei Genrefilmen immer notwendigen "Suspension of disbelieve" in Kauf nimmt. Bis die Geschichte - Achtung! Potentielle Spoiler folgen - die heutzutage nahezu obligatorische 180-Grad-Wende nimmt, ähnlich wie sie Filme wie "The Sixth Sense" oder "Identity" populär gemacht haben. Dadurch werden diese Ungereimtheiten - sowie der bis dato enigmatische Beginn - plötzlich verständlich, allerdings um den Preis, dass im Nachhinein etliche andere Situationen plötzlich erklärungsbedürftig werden. Mit gutem Willen kann man diese in den Plot Twist verständlich hinein interpretieren, aber eine gute Auflösung sollte keine mentalen Verbiegungen notwendig machen, sondern solche eher auflösen (ein gutes Beispiel dafür ist der zwar nicht unbedingt realistischere, aber dafür schließlich zumindest sehr stringente Oldboy).
Spannend wäre es allerdings, den Film mit Wissen des Endes noch einmal anzuschauen und auf Hinweise und Vorahnungen der Auflösung abzuklopfen. Aber auch ohne dies bleibt "Haute Tension" ein einigermaßen spannender, etwas blutiger und grausamer Slasher-Thriller mit eben einer originell gemeinten, aber schlussendlich doch fragwürdigen Auflösung.
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