16.08.2005

Geschmack: nicht garantiert

Sicher, man kann den poetischsten Liebesbrief aller Zeiten auch mit einem Kuli auf die Rückseite eines Kassenzettels schmieren. Aber macht es nicht mehr her, ihn mit einem schweren Füllfederhalter auf handgeschöpftes Büttenpapier zu kalligraphieren?

Seit einiger Zeit versucht p-dt_suedler Roland, mir den kubanischen Ausnahmepianisten Gonzalo Rubalcaba nahezubringen. Dieser Tage habe ich es endlich geschafft, mich mit dessen von Roland empfohlenen Album "Giraldilla" auseinanderzusetzen. Und holla: kompositorisch und von den Instrumentalleistungen her ist dies überaus beeindruckend, mit komplexer, mehrschichtiger Rhythmik, abgedrehten Harmonien, die die herkömmliche Fusion-Harmonik ver- und überdrehen, sowie atemberaubenden Improvisationen.

Nun: Aber. Leider. Wenn, ja wenn das Wörtchen "wenn" nicht wär', dann würde ich es jetzt erfinden, um hier zu klagen: wenn!, ja wenn auf dieser Platte nur diese grausligen, grausligen, obendrein omnipräsenten Plastiksynthesizersounds nicht wären. Brrr und schüttel. Diese Klänge schreien mit jeder Schallwelle überdeutlich: "hier seien die Achtziger". Ein Blick ins Booklet bestätigt schlimmste Befürchtungen: Yamahas ureigene Geißel der Menschheit, der DX7-Synthesizer, von vorne bis hinten, oben bis unten, links bis rechts. Es tut mir so leid um die anfürsich mehr als hervorragende Musik, aber: das geht gar nicht. Diese Klangfarben gehören in ein signalgelbes, doppelwändiges Eisenfass, umgossen mit bestem Beton, mit "Strahlungsgefahr!"-Piktogrammen bepinselt und in die nachtschwärzeste, tiefste Sohle eines verlassenen Salzbergwerks versenkt, auf dass sie nie wieder gehört werden.

Mir bleibt nur zu hoffen, dass Rubalcabas spätere Alben nicht von dieser Seuche befallen sind; alles andere wäre zu schade.

Kommentare

Dass es Leute gibt, die das hören können, habe ich nicht vergessen, aber es ist irrelevant ;-) Denn my blog is *my* castle. Und deswegen ist es auch nicht dogmatisch, sondern reine Geschmacksfrage, dass ich diese Sounds beim besten Willen nicht abkann.

"Wen solche Klänge nicht stören, der macht mit Gonzalo´s CDs u.U. die Musikentdeckung seines Lebens" sollten mündige Leser sich im Übrigen selber denken können. Wer sich von ein bisschen Polemik in einem Blog von einer Platte abschrecken lässt, dem ist eh nicht zu helfen. Im Gegenteil: so ein Verriss sollte eher neugierig machen. Die Faszination des Schreckens läßt sich schließlich auch in anderen Lebensbereichen jederzeit beobachten.

Doch ´was zu Deinem Kampf mit den Dämonen der 80er-Klänge:

Schade, daß Du in Deiner Qual vergessen hast, daß es Leute gibt, die das anders hören (können), und denen eine "Einlassung" Deinerseits á la "Wen solche Klänge nicht stören, der macht mit Gonzalo´s CDs u.U. die Musikentdeckung seines Lebens"

Ich halte Dich immer noch für zu helle und nicht mehr für jung genug, um tatsächlich so Basis- oder besser flach-dogmatisch zu sein.

Ansonsten: nochmals Danke für alle gewollten und ungewollten CD-Tipps! Z. Zt. ist "Of natural History" und Cervello "Melos" ganz oben auf.

Schonmal Stewart Copland´s "Orchestralli" goutiert? Richtung: etwas leicht(er)e Version von Ensemble Modern´s Zappa-Varianten (v.a. Stücke wie G-Spot-Tornado-usw.)

Alles Gute und bis bald,
Roland

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