Freakshow Artrock Festival, Kulturhaus Cairo, Würzburg, 12.04.2008
Heuer fand das kleinste Freakshow Artrock Festival seit Menschengedenken statt. Zwar spielten bei der ersten Auflage 2001 ebenfalls "nur" drei Gruppen, aber dieses Jahr waren es nicht nur wenige Bands, sondern leider auch sehr wenige Zuschauer: 35-40, würde ich schätzen. Allerdings war auch das Line-Up sehr obskur, so dass mit dem mageren Zuschauerzuspruch zu rechnen war. Gottseidank ist Obskurität im Prog-Umfeld im Allgemeinen und - auf Charly Heidenreich ist in dieser Hinsicht Verlass - beim Freakshow Festival im Besonderen nicht gleichbedeutend mit geringer musikalischer Qualität.
Den Anfang machte - ziemlich pünktlich - das Trio The Hub, früher in der Besetzung Bass-Schlagzeug-Saxophon, jetzt statt des Saxophonisten mit einem Keyboarder unterwegs. Die New Yorker spielen einen avantgardistisch angehauchten Jazzrock (manchmal klang dies wie eine Freejazz-Combo, die C64-Computerspiel-Musiken interpretiert), bei dem immer wieder das Schlagzeug des Lead-Instrument ist, während Bass und Keyboard die Rhythmus-Gruppe geben.
Der neue Keyboarder benutzte das komplette Konzert einen mehr oder minder gleichen angezerrten, aber piepsigen Summse-Orge-Sound (vergleichbar mit Mike Ratledges Signature-Sound bei den frühen Soft Machine, aber weniger fett), was das Konzert auf die Dauer etwas eintönig wirken ließ. Mit organischerem Saxophon-Klang hätte es mir wahrscheinlich besser gefallen. Da der Auftritt The Hubs aber nur eine gute dreiviertel Stunde dauerte, blieb der Nerv-Faktor gerade so im grünen Bereich.
Auch die auf The Hub folgenden Cheer-Accident aus Chicago kamen zu Dritt, aber als klassisches Power-Trio: Bass, Gitarre, Schlagzeug. "Power" ist auch das richtige Stichwort, denn ihr Auftritt war kraftvoll und mitreißend: Komplexe, überwiegend instrumentale Kompositionen aus der kompletten Bandgeschichte (inklusive einiger neuer Stücke vom kommenden Album, das bei Cuneiform erscheinen wird), die aber immer - vor allem Dank Schlagzeuger Thymme Jones - grooven wie Sau.
Fix hat den Auftritt anschließend als "komplexere Rush" beschrieben, was einen ersten Eindruck gibt. Vor allem kombinierten Cheer-Accident aber ihren Druck und ihre Komplexität mit leichten, unaufdringlichen, gelegentlich die Zuschauer einbindenden Performance-Kunst-Aspekten.
Sehr, sehr cool (auch wenn's aufgeschrieben vielleicht doof klingt) etwa die Passage, als die Band etwa 10 Minuten lang bei einem einzigen Riff verharrte - im wahrsten Sinne des Wort, denn auch die Musiker standen während dieser Zeit wie versteinert auf der Bühne herum. Im Zuschauerraum wurden erst die ratlosen Gesichter immer länger, dann das Gemurmel immer lauter, bis Charly die Band sogar erst mit Geld, schließlich - bei Musiker erfolgversprechender - mit Bier dazu überreden wollte, "weiterzuspielen". Cheer-Accident zeigten sich aber von allen Maßnahmen unbeeindruckt, wurden ganz, ganz graduell immer leiser, hörten auf - und stiegen unvermittelt und auf den Punkt mit einem neuen, komplexen Riff wieder ein. Wie gesagt: Cool.
Auf ihre Art und Weise cool waren auch Anthurus d'Archer aus Poitiers, deren Musik sich nur sehr, sehr schwer mit Worten charakterisieren lässt. In einer Besetzung von zwei-einhalb Gitarren (siehe unten), einem halben Bass, Flöte und Sax/Midi-Sax machen sie eine Musik, die von einer zur nächsten Minute die Richtung wechselt und in der Jazz, Funk, freie Improvisation, Hardrock und generelle Seltsamkeit vermengt werden.
Aber trotz dieser unvorhersehbaren Gemengelage lief sich das Konzept für mich nach einer Weile tot, was aber auch am nicht-vorhandene Schlagzeug gelegen haben mag - auch wenn Bandchef Ü Gandrio de Janeiro (yep) teilweise auch Rhythmus-Samples abfeuert. Dies tat er neben einem Fußschalter auch über ein an Instrument gepappten Taster. Ich schreibe bewusst "Instrument", denn anscheinend handelte es sich um eine Gitarre, die mit zwei Bass- und Gitarren-Saiten bespannt war, eine Kombination, die de Janeiro beeindruckend virtuos zu bedienen wusste und damit funkig-vespielte Bass-Linien genauso wie komplexe Gitarren-Läufe und -Riffs erzeugte. Hier wurde mit einem scheinbaren Gimmick wirklich überzeugend Musik geschaffen.
Dennoch: Cheer-Accident waren für mich eindeutig die musikalischen Gewinner dieses Festivals und obendrein - wie sich nach ihrem Auftritt vor der Tür und an ihrem CD-Stand zeigte - sehr nette und lustige Zeitgenossen. Falls jemand wissen will, was er verpasst hat, empfehle ich - zumindest für die abgedrehte, komplex-dissonante Seite ihrer Musik - das Album "Babies Shouldn't Smoke". Und wer Charly etwas Gutes tun will, um die niedrigen Eindrucksgelder etwas auszugleichen, bestellt bei ihm das ebenfalls hervorragende und von Charly erstmals auf CD wiederveröffentlichte "Sever Root, Tree Dies".
Photos vom Festival:
Weitere aktuelle Beiträge
- 08.02.2009 - 13:36
- 04.02.2009 - 10:11
- 20.01.2009 - 16:49
- 14.01.2009 - 14:21
- 11.01.2009 - 16:42
Audio-Beiträge
- 24.11.2008
- 24.10.2008
- 23.07.2008
- 01.06.2008
- 08.04.2008
Bildergalerien
- 11.01.2009
- 12.11.2008
- 16.10.2008
- 30.09.2008
- 15.09.2008
Kommentare
Kommentar hinzufügen