02.08.2006

Freakshow Artrock-Festival, akw!, Würzburg, 29./30.7.2006

So, eine läppische "Coca Cola Zero" (für "null Geschmack") weiter fühle ich mich zwar immer noch nicht fit genug, um nach drei Nächten mit zu wenig Schlaf wirklich sinnvoll vom diesjährigen Freakshow Artrock-Festival zu berichten, aber wat mutt, dat mutt. Nach der Rückkehr zum ursprünglichen Format als Eintagesfestival letztes Jahr (inklusive einer rückkehrenden Band, namentlich Present, die schon 2001 beim ersten Festival einen zerstörerisch guten Gig ablieferten), waren dieses Mal wieder zwei Tage angesagt, allerdings nicht mit acht Gruppen wie in den Jahren zuvor, sondern mit sieben, da die Indonesier Discus wegen einer Vielzahl von Problemen mit dem, was im Englischen schön graphisch "red tape" genannt wird, ihre Reise nach Deutschland nicht antreten konnten.

Auch der Veranstaltungsort war dieses Jahr ein neuer - fast, schließlich fand dort im letzten Jahr bereits die Freakparade statt: Das akw!, genauer gesagt dessen Biergarten, der vom eigentlichen Veranstaltungssaal und der zugehörigen Kneipe umrahmt wird. Netterweise entpuppte sich der Wettergott als Freakshow-Festival-Fan, denn von einigen wenigen Regentropfen ganz zu Beginn des Festivals abgesehen blieb das Wetter bis zum Ende des zweiten Abends traumhaft (da warm und sonnig, aber nicht zu heiss). Dann entlud sich der aufgestaute Regen in einem kräftigen Schauer, der aber erst zur Zugabe der letzten Gruppe wirklich einsetzte. Das gute Wetter und die trotz des geteerten Bodens durchaus pittoreske Umgebung inklusive der aufgebauten Bierbänke und -tische, Kinderspielplatz und einiger Bäume sorgten dafür, dass es sich um das Freakshow-Festival mit der entspanntesten Atmosphäre handelte.

Am ersten Tag wurde sogar der avisierte Zeitplan fast eingehalten, und selbst am Sonntag, als der Ablaufplan wie traditionell üblich Makulatur wurde, war gegen 22:00, also recht früh, Schluss. Obendrein war bei allen Auftritten der Sound hervorragend, nie zu laut und immer transparent, obwohl dies bei einem Open-Air-Festival nicht unbedingt zu erwarten ist.

Einziger echter - und sicher kein allzu schwerwiegender - Wermutstropfen war, dass sich das akw!-Team in seiner Essenskalkulation deutlich verrechnet hatte. Obwohl mit nur ca. 100 Besuchern wieder einmal deutlich weniger Verrückte als erhofft und wohl auch erwartet den Weg nach Würzburg auf sich nahmen, war am frühen Sonntagnachmittag die Küche leergegessen. Wahrscheinlich sind beim üblichen akw!-Publikum sowohl die Geldbeutel als auch die Bäuche dünner als bei uns wohlgenährten, durchschnittlich etwas älteren Proggies.

Den netten Jungs (bei der Immerhin-Pre-Festival-Party am Freitag im Schatten des Blauschwanzameisen-Reservats bewiesen sie, dass sie mit den redseligsten Proggern beim Fachsimpeln mithalten können) von "Counter-World Experience" fiel die undankbare Aufgabe zu, das Festivalpublikum aus der wärme- und mittagsbedingten Lethargie zu wecken, was sie aber souverän hinbekamen. Ihr gleichermaßen atmosphärischer wie virtuoser "JazzMetal" hätte lediglich in den heftigeren Passagen mehr Rotz in Form eines fetteren Krachgitarrenklangs vertragen können, war aber im Großen und Ganzen in der Kombination von jazzigen Harmonien und flotten Improvisationen mit metallischen Riffs genauso erfrischend wie das 2004er "Fraktal"-Album der Band. Die nächste CD von "Counter-World Experience" ist übrigens in der Mache, und ich für meinen Teil freue mich darauf.

Mit den Schweden "Liquid Scarlet" gab's denn erstmal einen Stilbruch. Deren theoretisch durchaus ansprechende Mischung aus Alternative-Sound, 70s Retro-Prog à la Anekdoten und fluffigem 60s Pop hatte viele sehr gute Ansätze, aber immer dann, wenn es mal richtig zur Sache gehen können und müssen - passierte nichts. Sollte wohl "cool" sein (vgl. das alberne Bühnenoutfit aus strahlendweißen Strampelanzügen), wirkte aber eben nur unterkühlt, leblos und halbgar. Verschwendetes Potential, ärgerlich.

Der erste Tag des Festivals wurde von "NeBeLNeST" abgeschlossen, die kurzfristig die abgesprungenen Guapo ersetzten. Eigentlich hatte ich befürchtet, dass deren Mischung aus hyperaktivem Space-/Psychedelic-Rock, crimsoiden Elementen (Mellotron und Gitarrenriffs) und fettem zeuhligen Bass ("So muss ein französischer Bass klingen!", sagt Charly, und der muss es wissen...) beim ein oder anderen Zuhörer irritiertes Kopfschütteln auslösen würde. Und tatsächlich, Köpfe wurden geschüttelt. Aber entweder nicht von rechts nach links, sondern von oben nach unten, und wenn doch, dann nicht aus Empörung, sondern aus boah. Erstaunlich. Natürlich half es, dass vor allem NeBeLNeSTs Schlagzeuger sein Kit in einer bewundernswerten Energieleistung bearbeitete wie ein Affe auf Speed und dadurch die pulsierenden wogenden Klangkaskaden seiner Mitstreiter ständig und unerbittlich nach vorne trieb und sich so ein hypnotischer Sog entwickeln konnte, dem Fix stante pede das Etikett "Speed Prog" verpasste. Einziger Schwachpunkt beim Procedere war der Keyboarder, dessen quietschige Synthie-Sounds zumindest diskutabel sind, und der vor allem in seinen Solopassagen immer wieder unsauber und leicht überfordert wirkte. Aber im allgemeinen Strudel der Musik und der Begeisterung fiel dies kaum ins Gewicht.

Anschliessend ließ sich's gut an, dass man bei milden Abend- und Nachttemperaturen im Biergarten hocken bleiben konnte, während nach und nach das akw!-Stammpublikum zur Wochenenddisco eintrudelte und auf dem Hof von den von den Restproggern aufgelegten schrägen Klängen verschreckt wurde. Merke: Unliebsame Partygäste können mit Mama Béa Tekielskis "La Folle" effizient vertrieben werden.

Keine Probleme, das Publikum nach eher kurzer Nacht wach zu bekommen, hatten Panzerballett, die den Reigen am Sonntag eröffneten. Wie erhofft konnten die Münchener mit ihrem mitreißenden Mix aus durch Meshuggah inspirierten heftigen Metal-Klängen, schwer vertrackten, aber dennoch funkigen Rhythmen und jazzigen Improvisationen im Freakshow-Festival-Umfeld noch mehr überzeugen als bei ihrem schon sehr guten Auftritt in der Unterfahrt eine Woche zuvor. Der deutlich fettere Sound war dafür sicherlich hilfreich, aber vor allem auch das begeisterte Publikum, das Gitarrist Zehrfeld zu dem beklatschten Ausspruch (so etwa) veranlasste: "Man hat fast den Eindruck, ihr mögt's kompliziert. Nun gut, manche sagen, weniger sei mehr. Ich sage: Manchmal ist mehr mehr." Jedenfalls wurde die Gruppe mehr als begeistert aufgenommen, was sich als leergekaufter Pappkarton manifestierte, in dem die mitgebrachten Panzerballett-CDs gewesen waren.

Die Festival-Rückkehrer "Octafish" hatten es anschließend schwer. An sich ist deren Mix aus schrägem Jazzrock, King-Crimson-Gitarren und zappaesken Arabesken reizvoll. Nur leider kranken etliche ihrer Stücke an einer unterentwickelten Dramaturgie, die echte Höhepunkte vermissen lässt, wodurch sich bei aller Schrägheit ein Plätscherfaktor einstellt. Dazu kam obendrein ein eher statisch-unterkühltes Bühnengehabe sowie ein nicht enden wollendes Blubber-/Quietsche-Synthiesolo mit geringem musikalischen Mehrwert über ein dreißigsekündiges Experiment hinaus.

Gottseidank waren die anschließenden "Jeavestone" genau das richtige Kontrastprogramm dazu. "Jeavestone" könnte man die finnische Antwort auf "The Darkness" nennen, nur das jene sich nicht wie diese Eierkneifer-Hardrock zum Vorbild genommen haben, sondern 70er-Jahre-Schweinerock mit Folk- und Prog-Einflüssen, den sie in zeittypischer Kostümierung und mit viel Spass-inne-Backen handwerklich einwandfrei - vielleicht bis auf den gelegentlich etwas angestrengten Gesang - zelebrierten und sich dabei auch nicht von technischen Problemen mit der akustischen Gitarre irritieren ließen. "She was a lady... ...and she had a mighty LASERRRRR."

So wie "Jeavestone" die finnische Antwort auf "The Darkness" sind, waren die anschließenden "Uzva" die finnische Antwort auf "Wobbler". Beim Freakshow-Festival 2004 hatten die norwegischen Wobbler mit dem mittelprächtigen Retro-Orgel-Hardrock, den sie auf der Bühne präsentierten, an der durch ihre beiden hervorragenden Demos mit komplexen RetroProg angeheizte Erwartungshaltung des Publikums vorbeigespielt. Und eben auch was "Uzva" dieses Jahr boten, hatte mit dem prächtigen, fluffigen, stark akustisch geprägten Kammerrock ihres aktuellen Albums nahezu nichts zu tun. Stattdessen gab es kompetent gespielten, aber eben auch sehr konventionellen Jam-Jazzrock, der mich mit seinen treibenden Rhythmen bei anderer Gelegenheit vielleicht sogar hätte mitreißen können (jedenfalls, wenn der Lead-Gitarrist nicht so unterdurchschnittlich wäre). Aber Jazzrock gab's auf dem diesjährigen Festival zuvor schon ziemlich viel, und deutlich originelleren obendrein. Wenn das komplette Programm vom kompositorischen Kaliber der letzten regulären Nummer und auch der Zugabe (die allerdings mit ca. 25 Minuten Dauer 10 Minuten zu lang war) gewesen wäre, wären "Uzva" um einiges spannender gewesen.

Also, mit "NeBeLNeST" und "Panzerballett" gab es von meiner Warte aus die beiden Hightlights des 2006er Freakshow Artrock-Festivals direkt hintereinander, wenn auch mit einer Nacht Pause dazwischen. Sehr kurzweilig, wenn auch eher vom Gesamteindruck und -konzept her als musikalisch, waren "Jeavestone", musikalisch überzeugen konnten mich ansonsten auch "Counter-World Experience". Mit den Auftritten von "Liquid Scarlet", "Octafish" und "Uzva" hatte ich die oben beschriebenen Probleme, wobei man aber festhalten muss, dass handwerklich, was also die Güte der beteiligten Musiker angeht, dieses Festival kaum Anlass zum Meckern gab und - ebenfalls wie beschrieben - unter anderem Umständen die Auftritte der letztgenannten Bands ebenfalls hätten Highlights sein können. Zusammen mit der mehr als netten familiären Atmosphäre und dem hervorragenden Wetter bleibt die Erinnerung an ein - bis auf den Zuschauerzuspruch - überaus gelungenes Festival, und - leider - wie jedes Jahr das Zittern, ob uns 2007 ein solches Erlebnis wieder geboten werden kann.

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