30.08.2005

Frank Miller's Sin City

Ich wäre gerne ein Comic-Fan. Ich kann mir aber einfach keine weitere Obsession mehr leisten. Comics sind ein zu weites Feld, und wenn ich damit anfinge, mich auch nur durch alle die "Graphic Novels" zu wühlen, die ich jetzt schon ohne rechten Comic-Überblick gerne lesen würde, wäre mein Budget - sowohl an Zeit als auch an Geld - endgültig gesprengt. Daher kann ich an dieser Stelle nichts dazu sagen, wie weit Robert Rodriguez' Verfilmung der graphischen und erzählerischen Vorgabe der Sin City-Comics von Zeichner und Autor Frank Miller gerecht wird. Miller hat allerdings maßgeblich am Film mitgearbeitet, und andere Kommentatoren bescheinigen dem Film, die drei Vorlagencomics bildgetreu umzusetzen.

(Zwischenbemerkung: immerhin kenne ich Millers epochale Batman-Variante "The Dark Knight Returns" sowie seinen Daredevil; von daher wusste ich erstens grob, was bildstilistisch und vom Erzählton her auf mich zukam, zum anderen scheint mir anhand dieser - begrenzten - Vergleichsmöglichkeiten Millers Stil mit dem Sin City gut eingefangen.)

"Sin City" ist extrem übersteigertes Noir. Die Stadt scheint nur von Cops, verbrecherischen Politikern und Priestern und Huren bevölkert. Sowohl die Helden als auch die Bösewichte sind psychopathische Schwerverbrecher, die wenig zimperlich zur Sache gehen. "Sin City" ist sehr, sehr gewalttätig. Folter, Kannibalismus, zerstückelte Körper, spritzende Fleischfetzen, Blutfontänen. Aber dadurch, dass die Optik stark stilisiert daher kommt, wird das ganze nicht ekelerregend, wenn auch nicht weniger grausam. Denn das Bild kennt kaum Farben; diese werden nur sporadisch für einzelne Figuren oder Effekte (Blut etwa) eingesetzt, gerade so, dass die Tristheit des schwarz-weißen Hintergrunds gesteigert wird. Dieser stammt komplett aus dem Graphikrechner, aber im Gegensatz zum missglückten pseudoaltertümlichen Weichzeichnerstil von Sky Captain and the World of Tomorrow besitzt er Schärfe und Tiefe - eben wie ein Tintencomic. Nur selten wird das Auge auf die Tatsache hingestoßen, dass es sich dabei um Digitaleffekte handelt.

Es werden drei lose verschränkte Geschichten erzählt. Eine davon dient als eröffnende und abschließende Handlung, was sich auch durch deren Struktur anbietet, nämlich einen ähnlich ähnlich ablaufenden, wenn auch zeitlich versetzten Ereignisstrang. Das ist ein bisschen zu viel des Guten; zwei Stories und Beschränkung auf 90 Minuten Laufzeit statt zwei Stunden hätte dem Film gut getan, insbesondere, da zwei der Teile gewisse Parallelen aufweisen (gebrochener Held rächt unter Einsatz seines Leben von einem Psychopathen misshandelte Mädchen). Dies beraubt ausgerechnet das Schlusskapitel etwas seiner Einschlagskraft, obwohl es für sich gesehen nur unwesentlich schwächer als die anderen, eindrucksvollen Teile ist.

Der überzeugendste und unterhaltsamste Episode ist die Geschichte des psychisch gestörten, monströsen Marv.

Until a man is twenty-five, he still thinks, every so often, that under the right circumstances he could be the baddest motherfucker in the world. If I moved to a martial-arts monastery in China and studied real hard for ten years. If my family was wiped out by Columbian drug dealers and I swore myself to revenge. If I got a fatal disease, had one year to live, devoted it to wiping out street crime. If I just dropped out and devoted my life to being bad.

Hiro used to feel that way, too, but then he ran into Raven. In a way, this is liberating. He no longer has to worry about trying to be the baddest motherfucker in the world. The position is taken.

Wenn Neal Stephensons "Snow Crash", aus dem das Zitat stammt, im gleichen Universum wie Sin City spielen würde, hätte Raven Konkurrenz. Denn dann wäre Frank Millers Figur Marv (hervorragend dargestellt vom unter Tonnen von Maske kaum wiederzuerkennenden Mickey Rourke) ein mehr als heißer Anwärter auf den Titel Baddest Motherfucker Ever. Da ist es nur recht und billig, dass Marv der gleichermaßen geheimnisvollste und faszinierendste wie wohl stärkste der Bösen im Film gegenübergestellt wird, die stumme, kannibalische Waise Kevin, gespielt ausgerechnet von Edelhobbit Elijah Wood.

Rourke gibt Marv charmant, aber nicht verniedlichend: er weiß, dass er ein gewalttätiger Arsch ist, versucht sich selbst mit Medikamenten im Griff zu halten, weiß aber auch, dass das keinen Zweck hat und nutzt dies, um einen blutigen, brutalen Rachefeldzug durchzuziehen. Gleichzeitig zeigt er bei allen Zweifeln trockenen, selbstsicheren Humor. Das macht diese körperlich abstoßende, von Ihren Handlungen her eigentlich verabscheuenswerte Figur dennoch sympathisch und zieht dadurch den Zuschauer mitten in das Dilemma fast aller Gestalten der Stadt, die sich nur in den seltensten Fällen eindeutig, zumindest nicht uneingeschränkt, den Guten oder den Bösen zuordnen lassen.

Abschließend noch ein Wort dazu, dass ich schon des öfteren die stark an der Comicvorlage orientierte Optik von Sin City zwischen Realismus und vergleichsweise behutsamer Überzeichnung als sehr innovativ gepriesen gesehen habe. Dabei wird m.E. eine sicherlich weniger eindrucksvolle, aber dennoch ansatzweise vergleichbare Comicverfilmung übersehen: Dick Tracy, der aber eben fünfzehn Jahre eher entstand und daher naturgemäß nicht die technische Perfektion von Sin City erreicht, aber einen durchähnlichen optischen Ansatz verfolgt.

Kommentare

Überzeugend und gewalttätig, mit einer Prise Humor. Hier und da stünde dem Film ein bisschen mehr augenzwinkernde Ironie gut zu Gesicht (nicht von ungefähr bietet der "tote" Benicio Del Toro eine der Glanzleistungen des Films). Wirklich beeindruckend, doch "motzen" möchte ich auch. Die Willis-Story ist ein bisschen in die Länge gezogen, für meine Begriffe zu romantisch, und v.a. Bruce Willis ist eine glatte Fehlbesetzung. Die Rolle des "alten Bullen" wäre in den Händen von z.B. Harvey Keitel (meine Freundin meinte: Robert Redford - ein interessanter Ansatz...) besser aufgehoben gewesen.

Ansonsten: beeindruckend, trocken, wirklich brutal (was aber durch den Komik-Effekt nicht gar so auf's Gemüt schlägt) und Dick Tracy empfinde ich auch (entegen einschlägiger Kritikermeinungen) als absolut gelungen ;)

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