Farben hören
Das Phänomen Synästhesie ist inzwischen kein weidlich unbekanntes mehr: Wenn ein Sinnesreiz Empfindungen nach sich zieht, die eigentlich zu einem anderen Organ gehören, wenn also z.B. jemand Musik hört und dabei Farben (vor dem inneren Auge) sieht.
Ein verwandtes Phänomen scheint mir folgendes: Dass - zumindest bei mir - die Gestaltung eines Musik-Albums durchaus merklich die anschließende Wahrnehmung der Musik zu beeinflussen scheint. Wenn ich etwa bestimmte Musik beschreiben möchte, greife ich gerne zu Phrasen wie "farbige Arrangements" (oder würde gerne dazu greifen und halte mich künstlich zurück, um nicht zu abgedroschen zu klingen). Oft handelt es sich dann auch um Alben, die ein buntes, detailreiches Cover-Bild haben.
Natürlich: Andererseits haben die entsprechenden Künstler vielleicht auch nur einfach das Umschlag-Design der Musik angepasst. Was aber die Frage nach der synästhetischen Wirkung nicht beantworten oder überflüssig machen, sondern vor allem die Richtung von "Cover -> Musik" hin zu "Musik -> Cover" umdrehen würde.
Vielleicht handelt es sich auch einfach nur um linguistische Verwirrung (wenn jemand in düsterer drauf ist, heisst das ja nicht, dass er alles in schwarz sieht, auch wenn er evtl. schwarz sieht), die auch noch durch die Existenz des Wortes "Klangfarbe" begünstigt wird (das ja nicht bedeutet, dass Klänge im optischen Sinne farbig seien, sondern das für's Hören das meint, was für's Sehen Farben sind).
Will meinen, dass die Bedeutung von "farbig", obschon beide Male ein legitimer beschreibender Begriff, in jenem Zusammenhang (musikalisch) nicht die gleiche wie in diesem (optisch) ist. So dass durch die Verwendung des gleichen Begriffs zur Beschreibung zweier unterschiedlicher und nicht notwendigerweise verbundener Tatsachenlagen die Gefahr besteht, dass man auch beide Bedeutungsebenen unbewusst vermischt, und es sich bei dem Befund der dazu passenden Cover-Bilder um typischen "confirmation bias" handelt: Dass also Indizien für einen Zusammenhang, den man sowieso schon erwartet (hier durch das gleiche passende Wort in zweierlei Umständen ausgelöst) viel stärker wahrgenommen werden und im Gedächtnis haften bleiben, als Instanzen, in denen es keine Bestätigung für den erwarteten Zusammenhang gibt.
Ich glaube aber dennoch, dass es ein interessantes Experiment sein könnte, die Cover von oft als überaus düster beschriebenen Alben (die nämlich in der Regel auch optisch "düster" gehalten sind) mit denen von "farbigen" Alben zu tauschen und anschließend die Eindrücke von unvoreingenommenen Hörern der "Camouflage"-CDs mit denen von Hörern der gleichen Alben in ihren eigenen Hüllen zu vergleichen.
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